Michelangelo schreibt, Florenz zirpt & der Käse rollt

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Michelangelo kehrt auf unsere Tastaturen zurück, vor dem Florentiner Dom zirpt es, und in Volterra nimmt der Käse Fahrt auf. Die Toskana Wochenschau führt diesmal auch zu einem verschwundenen Anker, sammelt unter Segeln Müll ein und entdeckt auf einer alten Zeitungsseite einen überraschend vertrauten Namen. Zum Schluss schauen wir unter die Weinberge des Chianti. Dort gibt es mehr zu entdecken, als die Aussicht vermuten lässt.

Michelangelus:
Michelangelos Handschrift als kostenlose Schriftart

Michelangelo hatte wenig Geduld mit unleserlicher Schrift. Sein Neffe Lionardo bekam das in einem Brief deutlich zu spüren: Die Mühe, dessen Nachrichten zu entziffern, mache ihn geradezu krank. Auch ein Renaissancegenie konnte offenbar an der Familienkorrespondenz verzweifeln.

Ausgerechnet seine eigene Handschrift hat nun ein neues Leben bekommen. Michelangelus heißt eine kostenlos erhältliche Schriftfamilie, die das Designstudio Studiogusto im Auftrag der Dombauhütte von St. Peter entwickelt hat. Dafür untersuchte das Team Briefe, Notizen und Unterschriften, unter anderem aus der Casa Buonarroti in Florenz.

Dabei wurden die Federstriche nicht einfach digital nachgezeichnet. Gesucht waren die wiederkehrenden Formen und Proportionen, aus denen sich eine heute gut lesbare Schrift entwickeln ließ. Allein am Kleinbuchstaben g arbeiteten die Gestalter eine Woche lang. Die Kleinbuchstaben schöpfen aus Michelangelos persönlicher Handschrift, die Großbuchstaben auch aus monumentalen Inschriften.

Wer es ausprobieren möchte, kann die Schrift bereits herunterladen; die Verteilung über Microsoft 365 ist für Ende des Jahres angekündigt. Bis dahin lässt sich schon einmal der Einkaufszettel mit einem Hauch Renaissance versehen. Ob Lionardo damit die familiäre Schriftkontrolle bestanden hätte, bleibt offen.

Isola del Giglio:
Der verschwundene Anker von Campese

Für die Kinder von Campese, einem Küstenort auf der toskanischen Insel Giglio, lag ein kleines Abenteuer rund zweihundert Meter vom Strand entfernt. Dort ruhte ein großer eiserner Anker auf dem Meeresgrund. Eltern und Großeltern zeigten ihn dem Nachwuchs, später schwammen die Kinder selbst hinaus. Um das alte Eisen sammelten sich Fische, an ihm hafteten Algen, Muscheln und Geschichten. Seit Ende September oder Anfang Oktober ist sein Platz leer.

Woher der Anker ursprünglich kam, lässt sich bislang nicht sicher sagen. Der örtlichen Überlieferung zufolge gehörte er zu einem Handelsschiff, das während eines Sturms Schutz in der Bucht suchte. Als sich der Anker am Grund verhakte, habe die Besatzung ihn zurücklassen müssen, um das Schiff zu retten. Ein bestimmtes Schiff ist dieser Erzählung bisher nicht zugeordnet.

Für die Menschen vor Ort brauchte es allerdings keinen berühmten Schiffsnamen. Sie hatten ihre eigenen Erinnerungen an den Anker: erste Tauchgänge, gemeinsame Sommer, ausgedachte Geschichten über seine Herkunft.

Nun ermittelt die Küstenwache. Die Berichte nennen eine frische Furche im Meeresboden und eine durchtrennte Kette als mögliche Hinweise auf eine gezielte Bergung. Ob und von wem der Anker fortgeschafft wurde, müssen die Ermittlungen klären. Die vermutete Entwendung eines solchen Kolosses wäre jedenfalls eine Aktion mit erheblichem Aufwand.

Auf Giglio bleibt unterdessen die Hoffnung, dass er zurückkommt. Wer ihn kannte, vermisst einen vertrauten Ort unter Wasser.

Toskana Wochenschau – großer eiserner Anker auf dem Meeresgrund vor Campese auf der Isola del Giglio
Jahrzehntelang lag der alte Anker vor Campese auf dem Meeresgrund – inzwischen ist sein Platz leer.

Müll sammeln unter Segeln:
die ungewöhnliche Regatta auf Elba

Ein voller Müllsack ist beim Segeln normalerweise kein Grund für einen Platz auf dem Siegertreppchen. In Porto Azzurro, dem Hafenort an Elbas Ostküste, kann er an diesem Wochenende entscheidend sein. Vom 16. bis 18. Oktober findet dort »Questa non è una regata« statt: »Das ist keine Regatta«.

Die Wertung richtet sich nach eingesammelten Abfällen und umweltbewusstem Verhalten. Die Mannschaften holen Müll aus dem Wasser und säubern Strände und Wege. Auch die Bordküche zählt: regionale Produkte, wenig Verpackung. An Land folgt ein Kochwettbewerb, bei dem möglichst nichts verschwendet werden soll.

Hinter der Idee stehen Giulia Pecchioni, Benedetta Meucci und ihr Verein »Riduci l’impronta – aMare l’ambiente«. Der Anstoß entstand 2022 im Freundeskreis: Beim Segeln sahen sie, was menschliche Aktivitäten im Meer hinterlassen, und wollten selbst etwas unternehmen.

Seit der ersten Ausgabe 2023 kamen bei sechs Veranstaltungen nach Angaben des Vereins mehr als zwei Tonnen Abfall zusammen. Für dieses Wochenende werden rund 110 Freiwillige erwartet. Wer dabei zum ersten Mal an Bord steigt, lernt gleich eine zusätzliche Segelregel: Was unterwegs aus dem Meer gefischt wird, kommt mit zurück in den Hafen.

Florenz: Grillen statt chillen

Beim Wort Grillen denke ich zuerst an Bistecca alla fiorentina und Holzkohle. In Florenz bekommt man derzeit die musikalische Variante.

Wer abends vor dem Dom stehen bleibt, schaut gewöhnlich nach oben. Zurzeit lohnt es sich, auch auf die Stufen zu achten: Dort hüpfen und krabbeln nach Einbruch der Dunkelheit zahlreiche Grillen. Ihr Zirpen bringt Passanten dazu, stehen zu bleiben und nach den kleinen Musikanten zu suchen.

Wie die toskanische Tageszeitung La Nazione berichtet, sind sie auch auf der Piazza della Signoria, rund um San Lorenzo und in anderen Straßen der Altstadt zu hören. Als Unterkunft genügt offenbar die kleinste geschützte Ecke: ein Pflanzkübel, ein Beet oder ein Abfalleimer, der zugleich Verpflegung bietet. Die Zeitung bringt die auffällige Präsenz mit dem anhaltend milden Wetter und dem reichlichen Nahrungsangebot in Verbindung; eine fachliche Untersuchung nennt der Bericht nicht.

Ganz fremd sind Grillen den Florentinern ohnehin nicht. Die Stadt hat ihnen mit der Festa del Grillo ein eigenes Fest gewidmet, und auch Collodis berühmtestem Holzbengel stand bekanntlich ein sprechendes Exemplar zur Seite. Ob die heutigen Verwandten vor dem Dom ebenfalls ungefragt Ratschläge verteilen, ist nicht überliefert. Zu überhören sind sie jedenfalls nicht.

Collodi-Ausstellung in Florenz:
der Autor hinter Pinocchio

Die Grillen vor dem Dom haben einen berühmten literarischen Verwandten. Und dessen Schöpfer bekommt gerade eine Ausstellung: Zum 200. Geburtsjahr von Carlo Lorenzini, besser bekannt als Collodi, widmet sich das Gabinetto Vieusseux dem Mann hinter Pinocchio. Die Florentiner Literatur- und Kultureinrichtung zeigt im Archivio Bonsanti in der Via Maggio auch den Journalisten und Satiriker, der seine Zeitgenossen mit spitzer Feder beobachtete.

Ein besonders kostbares Ausstellungsstück kommt dabei aus einer Schulbibliothek: Die Mittelschule Cavalcanti in Sesto Fiorentino leiht eine Erstausgabe von Pinocchios Abenteuern aus dem Jahr 1883. Daneben steht der bescheidenere Anfang des Welterfolgs: die Veröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte im Giornale per i bambini.

Beim Blick auf die hier abgebildete Zeitungsseite bin ich am Titel hängen geblieben: »La storia di un burattino«. Burattino – war das nicht die russische Verwandtschaft von Pinocchio? Tatsächlich bezeichnet das italienische Wort eine Puppe. Unter diesem Titel erschien am 7. Juli 1881 die erste Folge von Collodis Geschichte. Erst später wurde daraus bei Alexei Tolstoi der Eigenname seines hölzernen Helden Buratino, bekannt aus Das goldene Schlüsselchen. Tolstoi entwickelte aus Collodis Vorlage eine eigene Geschichte. Mein vermeintlicher russischer Bekannter ist also das italienische Original.

Die Ausstellung erzählt außerdem von Büchern, die das Florentiner Hochwasser von 1966 überstanden haben. Collodis Übersetzung von Perraults Märchen trägt noch immer Spuren des Wassers. So begegnen einem hier neben erfundenen Abenteuern auch die sehr wirklichen Lebensgeschichten der Bücher.

Die Ausstellung läuft bis zum 15. Juni 2027 im Palazzo Corsini Suarez, Via Maggio 42. Besuche sind laut dem Florentiner Lokalmedium Il Reporter donnerstags um 15 Uhr mit Führung und vorheriger Anmeldung möglich. Informationen beim Gabinetto Vieusseux.

  Galerie: Bilder der Woche 1 und 2

»The Diplomat«:
Staffel 4 und die Drehorte in Lucca

Zweimal haben wir in der Wochen-Ciao schon bei den Dreharbeiten zu The Diplomat vorbeigeschaut. Jetzt lässt sich das Ergebnis ansehen: Die vierte Staffel ist seit dem 15. Oktober auf Netflix verfügbar, in Deutschland unter dem Titel »Diplomatische Beziehungen«.

Für die Politserie mit Keri Russell und Rufus Sewell wurde unter anderem in Lucca und an der Villa Reale di Marlia gedreht. Luccas Altstadt verwandelte sich dabei in die Kulisse eines informellen G7-Gipfels – mit Flaggen und schwarzen Limousinen, die manche Passanten zunächst für ziemlich echt hielten.

Damit schließt sich unser kleiner Blick hinter die Kulissen. Wer damals zwischen Kameras und Absperrungen nach vertrauten Plätzen gesucht hat, kann das jetzt vom Sofa aus fortsetzen.

Olivenernte 2026 in der Toskana:
erste Ergebnisse aus den Ölmühlen

Über den frühen Beginn der diesjährigen Olivenernte haben wir bereits berichtet. Damals blieb offen, was sich erst in der Mühle zeigt: Wie viel Öl geben die Früchte her, und wie fällt seine Qualität aus? Inzwischen liegen erste Einschätzungen des toskanischen Schutzkonsortiums vor.

Viele Oliven am Baum sind eine erfreuliche Aussicht. Wie viel Öl daraus wird, zeigt sich allerdings erst in der Mühle. Zur laufenden Ernte nennt das Schutzkonsortium für toskanisches Olivenöl mit der Herkunftsbezeichnung IGP eine durchschnittliche Ausbeute von rund zwölf Prozent. Anschaulich gerechnet: Aus hundert Kilogramm Oliven werden etwa zwölf Kilogramm Öl.

Die ersten Einschätzungen fallen optimistisch aus. Laut einem Bericht des regionalen Informationsportals intoscana erwartet das Konsortium eine Produktion von 35 bis 40 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Das ist eine vorläufige Prognose, keine abgeschlossene Erntebilanz.

Bemerkenswert ist die Einschätzung zur Sommerhitze: Nach Angaben von Konsortiumspräsident Fabrizio Filippi hätten die heißen, trockenen Bedingungen die Vermehrung der Olivenfliege gebremst und damit Schäden an den Früchten begrenzt. Was andernorts Probleme bereitet, kann bei einem bestimmten Schädling also auch helfen.

Die Herkunft des fertigen Öls soll sich anschließend bis nach Deutschland verfolgen lassen: Über den QR-Code auf dem Kontrollzeichen der Toscano-IGP-Flaschen lassen sich Angaben zur Rückverfolgbarkeit abrufen. So bekommt die Flasche auf dem heimischen Küchentisch eine Verbindung zu ihrer Herkunft.

  Galerie: Bild der Woche 3

Toskana Wochenschau – Teilnehmerin beim Palio dei Caci in Volterra mit rollendem Käselaib zwischen Strohballen
Beim Palio dei Caci schicken die Stadtviertel von Volterra ihre Käselaibe auf einen ungewöhnlichen Hindernislauf.

Volterragusto 2026:
rollender Käse beim Palio dei Caci

»Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt?«, fragte Marius Müller-Westernhagen 1994 auf seinem Album Affentheater. In Volterra könnte man zumindest herausfinden, wer dafür Talent hätte. Dort schicken beim Palio dei Caci die acht Stadtviertel ihre Mannschaften hinter rollenden Käselaiben her.

Schauplatz ist die abschüssige Via Franceschini. Mit kleinen Holzschaufeln müssen die Teilnehmer ihren Käse zwischen Strohhindernissen hindurch bis ins Ziel lenken. Hände und Füße dürfen den Laib nicht berühren. Das klingt nach einer Disziplin, bei der selbst beste Ortskenntnis wenig hilft, sobald der Käse eigene Wege einschlägt.

Der Wettbewerb greift die alte Tradition der »ruzzola« auf, bei der Käse zum Spielgerät wurde. In einer Gegend mit langer Schafhaltung lag das offenbar nahe. Früher durfte der Gewinner den Käse mit nach Hause nehmen.

Ich hatte Volterragusto zunächst als eine dieser Veranstaltungen abgespeichert, bei denen man sich von Stand zu Stand durchfrisst. Dass dort auch dem Käse hinterhergerannt wird, macht die Sache deutlich verlockender. Da wäre ich gern dabei.

Das Rennen am 25. Oktober gehört zum Herbstfest rund um den weißen Trüffel und die Erzeugnisse des oberen Cecina-Tals. An den Wochenenden 24./25. Oktober und 31. Oktober/1. November stellen örtliche Produzenten ihre Waren vor; außerdem führen Trüffelsucher mit ihren Hunden in ihr Revier. Wer seinen Käse lieber auf dem Teller findet, kommt also ebenfalls zum Zug.

Chianti Classico:
Was die Böden unter den Weinbergen erzählen

Wer durchs Chianti fährt, sieht Weinberge, Zypressen und steinerne Dörfer. Alessandro Masnaghetti interessiert sich besonders für das, was darunterliegt. Seit Jahrzehnten kartiert er das Weinbaugebiet. Die Journalistin Helen Farrell hat ihn für das englischsprachige Florentiner Magazin The Florentine auf einer geologischen Erkundungsfahrt rund um Greve begleitet.

Unterwegs werden unscheinbare Steine zu Anschauungsstücken. Masnaghetti zeigt hellen, harten Kalkstein, den sogenannten Alberese, und bröckelige, rotbraune Galestro-Schichten. Bei Castello di Querceto wirkt ein Gesteinsstück zunächst fest und widerstandsfähig. Unter Druck zerfällt es in dünne Lagen. Selbst benachbarte Weinberge können auf sehr unterschiedlichem Untergrund stehen.

Daraus eine einfache Geschmacksformel abzuleiten, wäre allerdings voreilig. Masnaghetti bremst solche Erwartungen ausdrücklich: Zur Geologie kommen Höhenlage, Sonneneinstrahlung, Klima und die Entscheidungen der Menschen im Weinberg und Keller. Zwei Güter können geologisch verwandt sein und trotzdem unterschiedliche Bedingungen haben.

Die Fahrt führt damit durch eine Landschaft, deren Unterschiede beim flüchtigen Vorbeifahren leicht verborgen bleiben. Wer beim nächsten Spaziergang zwischen den Reben einen Stein aufhebt, hat womöglich schon den Anfang einer längeren Geschichte in der Hand.

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Für diese Woche lasse ich den Käse erst einmal davonrollen und die Grillen weitermusizieren. Wir lesen uns nächsten Freitag – mal sehen, was die Toskana bis dahin wieder ausgeheckt hat.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael


Bilder der Woche

  • Toskana Wochenschau – historische Ausgabe von Pinocchio in der Collodi-Ausstellung in Florenz
  • Toskana Wochenschau – historische Bücher und Ausgaben zu Collodi und Pinocchio in der Ausstellung in Florenz
  • Toskana Wochenschau – frisch gepresstes Olivenöl in einer Ölmühle während der Olivenernte 2026

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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