Die 17. Ausgabe der Toskana Wochenschau erzählt von Dingen, die verschwinden, zurückkehren oder sich weigern, vergessen zu werden: Ein altes Handwerk erschafft neue Gesichter, ein Klosterelixier taucht im Archiv auf, ein Dorf schließt seine Türen wieder auf und ein verlorenes Manuskript kehrt zurück, als es für seinen Autor längst zu spät ist.
Dazwischen hat das Meer vor Elba Fieber, die Glocken von Prato erinnern sich an eine 714 Jahre alte Nacht, und am Ende führen zwei tägliche Wege zu einer Geschichte über die Liebe.
Maria Callas’ Kopf Nummer 90
Noch bevor sich der Vorhang hebt, müssen Könige ergraut, junge Männer gealtert und vertraute Gesichter verwandelt werden. Bei Filistrucchi geschieht das mit Perücken und Bärten, Puder, Schminke und Haaren, die einzeln von Hand geknüpft werden.
Seit 1720 beherrscht die Florentiner Familie dieses Handwerk. Was für den Adel begann, führte hinter die Kulissen von Theater und Oper, Film und Fernsehen. Nach Entwürfen von Franco Zeffirelli, Anna Anni oder Piero Tosi entstanden hier Perücken, die eine Figur erst vollständig machten.
Von den Menschen, die hier verwandelt wurden, ist manches geblieben. An der Wand hängt Maria Callas’ Kopf Nummer 90. Nicht der echte natürlich, sondern ein hölzerner Modellkopf, auf dem ihre Perücken entstanden. Dennoch klingt es, als bewahre Filistrucchi ein makabres Stück Operngeschichte auf.
Heute führen Gherardo Filistrucchi und sein Vater Gabriele die Bottega in neunter Generation. Draußen hat sich die Via Verdi längst verändert. Hinter der dunklen Holzfassade wird weiterhin geknüpft, modelliert und geschminkt.
Nun nimmt die Werkstatt am FAI-Wettbewerb I Luoghi del Cuore – Die Orte des Herzens teil. Der Traum der Familie ist ein kleines Museum in den eigenen Räumen. Jedoch keines, das ein ausgestorbenes Handwerk unter Glas konserviert. Historische Fotografien, Entwürfe und Materialien sollen gezeigt werden, während nebenan weitergearbeitet wird.
Ein Museum also, in dem die Vergangenheit nicht bloß betrachtet wird. Sie bekommt noch immer Haare, Bart und ein neues Gesicht.
Galerie: Bild der Woche 1
Das Klosterelixier von San Marco
Wer im Florenz des 19. Jahrhunderts unter körperlicher oder geistiger Erschöpfung, Kopfschmerzen oder Altersschwäche litt, konnte sich an die Dominikaner von San Marco wenden. Ihre Klosterapotheke hielt ein Elixir Vinoso Ricostituente bereit, ein stärkendes Weintonikum, das selbst nach »außergewöhnlichen Anstrengungen« wieder auf die Beine helfen sollte.
Entdeckt hat es Pater Manuel Russo, Rektor von San Marco, auf einem Werbezettel im Klosterarchiv. Weitere Dokumente zeigten, dass es einst zu den begehrtesten Zubereitungen der Apotheke gehörte.
Die Rezeptur dürfte heutige Patienten kurz nachdenken lassen: Bolivianische Kokablätter und afrikanische Kolanüsse wurden in einer alkoholhaltigen Weinmischung angesetzt. Über das weltweite Netzwerk der Dominikaner gelangten die Zutaten nach Florenz.
Klosterapotheken waren damals eben nicht nur Orte für Salben, Kräutertees und einen mitfühlenden Blick. Sie sammelten botanisches Wissen und entwickelten aus Pflanzen ferner Länder eigene Arzneien.
Und Coca-Cola? Der amerikanische Apotheker John Stith Pemberton verwendete Kokablätter und Kolanüsse erst Jahrzehnte später für sein French Wine Coca, aus dem 1886 die berühmte Limonade hervorging. Eine Verbindung zum Florentiner Klosterelixier ist nicht belegt.
Galerie: Bild der Woche 2

Das Meer vor Elba hat Fieber
Zwanzig Blaue Flaggen wehen in diesem Sommer an der toskanischen Küste. Eine mehr als im vergangenen Jahr. Sie stehen für sauberes Badewasser, sichere Strände und verantwortungsvolle Bewirtschaftung. Alles gut also zwischen Marina di Carrara und Monte Argentario?
Leider reicht der Blick vom Strand nicht besonders tief. Mitte Juli überschritt die tropische Mikroalge Ostreopsis ovata vor Marina di Pisa die Aufmerksamkeitsschwelle. Das ist kein Grund, die Küste zu sperren. Bei starker Vermehrung kann die Alge jedoch Atemwege und Augen reizen und grippeähnliche Beschwerden auslösen.
Seit Ende der neunziger Jahre ist Ostreopsis ovata im toskanischen Meer heimisch. Dass sie sich dort wohlfühlt, hat auch mit steigenden Wassertemperaturen zu tun. Und die Hitze bleibt nicht an der Oberfläche.
Vor Elba hat Greenpeace im Projekt Mare Caldo bis zu 25 Grad in 30 bis 40 Metern Tiefe gemessen. Die über sechs Jahre gesammelten Daten zeigen die Folgen: Gorgonien und Korallen bleichen aus oder sterben, Kolonien schrumpfen, wärmeliebende und gebietsfremde Arten breiten sich aus. Ausgerechnet Elba ist die einzige der 14 untersuchten Stationen, die nicht in einem Meeresschutzgebiet liegt.
Blaue Flaggen sind deshalb nicht falsch. Sie beantworten nur eine andere Frage: Ein Strand kann sauber und sicher sein, während das Meer wenige Kilometer weiter und einige Meter tiefer längst unter Hitzestress steht. Von oben bleibt es verführerisch blau, darunter hat es Fieber.
Wie San Pancrazio sein Dorfleben zurückholte
Eine Bottega ist in einem kleinen Dorf mehr als ein Laden. Man kauft Brot, trinkt Kaffee, hört die neuesten Geschichten und wird notfalls daran erinnert, dass man sich lange nicht hat blicken lassen. Als die historische Bottega von San Pancrazio 2019 schließen sollte, drohte deshalb ein Stück Dorfleben zu verschwinden.
Damals war John Werich gerade in den Ort in der Valdambra gezogen. Der schwedische Schriftsteller und Fotograf übernahm die Bottega und eröffnete sie als Lebensmittelgeschäft, Café und Weinbar neu. Danach folgte ein alter Palazzo, aus dem das Hotel Palazzo Tiglio mit Restaurant wurde. Auch die Kirche San Rocco öffnet sich abends für Fotoausstellungen.
Doch San Pancrazio besaß noch einen fast vergessenen Ort: die 1916 errichtete Filarmonica. Beinahe fünfzig Jahre war das kleine Theater geschlossen. Werich gründete mit Bewohnern einen Kulturverein, organisierte Abendessen und sammelte Spenden.
Am 18. Juli hob sich wieder der Vorhang. Originale Lampen aus den zwanziger Jahren leuchteten über 80 besetzten Plätzen, auf der Bühne stand ein Klavier aus Florenz.
John Werich gab den Anstoß. Wieder lebendig wurde San Pancrazio, weil das Dorf seine Orte nicht als hübsche Kulisse betrachtete, sondern wieder benutzte: zum Einkaufen, Essen, Ausstellen, Musizieren und Zusammensitzen.
Galerie: Bilder der Woche 3 bis 6
Das Manuskript, das Dino Campana nie zurückbekam
Ich versuche mir vorzustellen, ich würde das einzige Exemplar meines wichtigsten Buches aus der Hand geben. Nicht irgendeinen Entwurf, sondern jenes Werk, in dem Jahre meines Lebens stecken und von dem ich glaube, dass es mich als Autor ausmacht. Dann verschwindet es. Und die Menschen, denen ich es anvertraut habe, können oder wollen mir nicht sagen, wo es geblieben ist.
Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren würde: vermutlich erst mit Unglauben, dann mit Wut und schließlich mit einer Verzweiflung, die sich an jede neue Hoffnung klammert. Dass Dino Campana dieser Verlust nicht mehr losließ, kann wohl jeder Autor nachvollziehen.
Im Dezember 1913 übergab Campana die einzige Abschrift von Il più lungo giorno – Der längste Tag an Giovanni Papini und Ardengo Soffici. Er hoffte auf Hilfe bei der Veröffentlichung. Sie boten ihm nur einzelne Texte in der Zeitschrift Lacerba an. Campana lehnte ab und verlangte sein Manuskript zurück. Doch es kam nie wieder.
Jahrelang schrieb er Briefe, bat, forderte und drohte schließlich sogar, mit einem Messer nach Florenz zu kommen. Soffici behauptete später, das Manuskript sei bei einem Umzug verloren gegangen. Campana stellte seine Texte aus dem Gedächtnis neu zusammen. 1914 erschienen daraus die Canti Orfici – Orphische Gesänge, finanziert von 44 Bewohnern seiner Heimatstadt Marradi.
Das Manuskript wurde zur Obsession. Campana nannte es die »einzige Rechtfertigung meiner Existenz«. Es wäre zu einfach, seine psychische Erkrankung allein auf den Verlust zurückzuführen. Doch wie tief er seine ohnehin fragile seelische Verfassung erschütterte, zeigen seine Briefe und Reaktionen. 1918 wurde er dauerhaft in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, in der er 1932 starb.
Erst 1971 tauchte Il più lungo giorno zwischen Sofficis Papieren wieder auf. Man nahm an, es habe dort all die Jahrzehnte unbemerkt gelegen. Neue Forschungen erzählen eine dunklere Geschichte.
Der Literaturwissenschaftler Giovanni Cavagnini stieß auf einen Bericht des amerikanisch-italienischen Autors Peter Michael Riccio. Er hatte das Manuskript bereits 1927 in Sofficis Arbeitszimmer gesehen – fünf Jahre vor Campanas Tod.
Damals fuhren Riccio, Carlo Carrà und Soffici sogar an Campanas Anstalt vorbei. Carrà schlug einen Besuch vor. Soffici lehnte ab.
Warum er Campana weder von dem Fund erzählte noch das Manuskript zurückgab, wissen wir nicht. Doch das berühmteste verlorene Manuskript der italienischen Literatur war offenbar gar nicht verloren. Während sein Autor in der Anstalt saß und an seinem Verschwinden litt, lag es möglicherweise im Arbeitszimmer jenes Mannes, dem er es anvertraut hatte.
Das macht die Geschichte nicht nur tragisch. Für mich als Autor macht es sie beinahe unerträglich.
Galerie: Bilder der Woche 7 und 8

Warum die Glocken des Doms von Prato nachts läuteten
In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1312 soll ein Geistlicher versucht haben, den heiligen Gürtel der Jungfrau Maria aus dem Dom von Prato zu stehlen. Genau 714 Jahre später läuteten in derselben Nacht erneut die Glocken.
Kurz vor zwei Uhr wurde Prato von einer ersten Reihe kräftiger Schläge geweckt. Um 1.50 Uhr erklangen die Domglocken, fünfzehn Minuten später noch einmal. Normalerweise ruft dieser Abstand die Gläubigen zur Messe. Mitten in der Nacht klingt er eher wie eine Warnung vor einer Katastrophe.
Ein Anwohner weckte sogar seine Frau. Die vermutete bereits, der Papst sei gestorben.
Wahrscheinlich war die Ursache sehr viel nüchterner: Während eines Gewitters könnte ein Blitz die elektrische Steuerung der Glocken beschädigt haben. Doch in Prato dachte man sofort an Giovanni di ser Landetto, genannt Musciattino.
Der Geistliche soll in jener Nacht des Jahres 1312 die Sacra Cintola aus dem Dom gestohlen haben. Jenen Gürtel, den Maria der Überlieferung nach dem Apostel Thomas übergab. Auf seiner Flucht geriet Musciattino in dichten Nebel, verlor die Orientierung und wurde am Morgen noch in der Nähe des Doms gefasst.
Der Legende nach schlug man ihm zur Strafe die Hände ab. Eine davon soll er gegen den Dom geschleudert haben. Ihr roter Abdruck sei noch heute an der Fassade zu erkennen.
Vielleicht war es tatsächlich nur ein vom Blitz verwirrter Zeitschalter. Aber dass die Glocken ausgerechnet in der Nacht des legendären Diebstahls erwachten, lässt sich in Prato nicht so leicht als technischer Defekt abtun.
Zehn Kilometer Liebe
Edward sagt, er tue nichts Besonderes. Er erzählt Annamaria, welcher Tag ist und was er am Vortag gemacht hat. Er bringt sie auf die Terrasse, hilft ihr beim Essen oder hält einfach ihre Hand. Dafür besucht er sie jeden Tag zweimal.
Seit einigen Monaten lebt Annamaria in der Pflegeeinrichtung La Mimosa in Campi Bisenzio. Nach einer schweren Lungenentzündung leidet sie unter einem fortschreitenden Verlust ihrer geistigen Fähigkeiten und kann nicht mehr sprechen. Edward wohnt weiterhin in ihrem gemeinsamen Zuhause. Am Morgen geht der 87-Jährige fünf Kilometer zu Fuß zu ihr und später wieder fünf Kilometer zurück. Nur bei großer Hitze nimmt er das Auto. Am Nachmittag kommt er ein zweites Mal.
Annamaria und Edward kennen sich seit ihrer Jugend. Er kam aus England in die Toskana und lernte zunächst ihren Bruder kennen, der ihn später zu seiner Familie einlud. Geheiratet haben die beiden 1961 in Florenz. Den Antrag machte Annamaria in der National Gallery in London. Welches Gemälde damals vor ihnen hing, weiß Edward nicht mehr. Geblieben ist die gemeinsame Liebe zur Kunst und Malerei.
Heute bringt er andere Erinnerungen zu ihr. Er erzählt aus ihrem gemeinsamen Leben, singt ihr alte toskanische Volkslieder vor und begleitet sie zur Musiktherapie. Wenn er sie füttert, lächelt sie anders als bei den Pflegerinnen. Für Edward ist dieses Lächeln die Gewissheit, dass sie ihn noch immer erkennt.
Das Personal von La Mimosa habe noch nie einen Ehemann erlebt, der seine Frau mit solcher Ausdauer begleitet. Edward selbst weist jede Vorstellung von einer außergewöhnlichen Leistung zurück. Er leiste ihr lediglich Gesellschaft, sagt er. Das tue beiden gut.
Als ich von ihm las, musste ich an einen alten Mann denken, dem ich vor etwa zwanzig Jahren in Campoli begegnete. Neunzig war er, vielleicht sogar älter, gebeugt und auf einen Stock gestützt. Jeden Morgen lief er drei Kilometer von Quattro Strade nach Campoli, um das Grab seiner Frau zu besuchen. Gegen Mittag machte er sich wieder auf den Rückweg.
Wir wechselten damals kaum mehr als ein kurzes Nicken. Zwei Jahre später haben wir ihn neben seiner Frau beigesetzt. Es war ein Tag voller Traurigkeit. Und doch fühlte es sich für mich an, als würden wir ihn nach Hause begleiten.
Galerie: Bild der Woche 9
Für diese Woche möchte ich gar nichts mehr hinzufügen. Habt ein gutes Wochenende!
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.








