In dieser Toskana Wochenschau wird auf 250 Metern zu Tisch gebeten. Wer nicht eingeladen war, kann mit mir auf gemalten Tafeln nachsehen, was dort serviert wird und sich über ein Spanferkel wundern. Danach geht es zum Rudern mit Kletterfinale, zu Caravaggios schmerzhaft überraschten Jungen und mit Pinocchio aufs Fahrrad.
Florenz: 250 Meter zu Tisch
Bei einer 250 Meter langen Tafel sollte man sich gut überlegen, wem man das Salz reicht. In Florenz zog sich eine solche Tischgesellschaft durch die Via Tornabuoni und die Via Strozzi: weißes Leinen, Silberbesteck, Porzellan von Richard Ginori. Dazu Kerzenlicht und ein Streicherensemble zwischen den Fassaden.
Mehr als 400 geladene Gäste nahmen bei »Tornabuoni e Strozzi in bianco« Platz. Confcommercio und die ansässigen Modehäuser hatten Kunden, Unternehmer und Vertreter der Politik eingeladen. Die Boutiquen blieben bis Mitternacht geöffnet. Ein exklusiver Abend also, dessen Kulisse zwei der bekanntesten Einkaufsstraßen der Stadt bildeten.
Auf den feinen Tellern landete auch ein bescheidenes toskanisches Gericht: Pappa al pomodoro. Danach folgten unter anderem Risotto mit Safran aus San Gimignano und Rinderfilet mit Vin Santo. Zum Abschluss steuerte Konditormeister Iginio Massari das Dessert und eine eigens für Florenz geschaffene Zuckerskulptur bei.
Galerie: Bilder der Woche 1 bis 3
Duccios Abendmahl: Ein Spanferkel?
Ein Spanferkel beim letzten Abendmahl? Bei Duccio di Buoninsegna liegt tatsächlich eines auf der Tafel. In seiner Darstellung von 1311, heute im Dommuseum von Siena, sitzen Jesus und die Apostel vor einer Mahlzeit, die nach jüdischen Speisevorschriften so keinesfalls hätte serviert werden dürfen.
Gerade dieses überraschende Detail öffnet einen anderen Blick auf die vertraute Szene. Die Maler brachten Lebensmittel und Tischgewohnheiten ihrer eigenen Zeit ins Bild. Zwischen Brot, Wein, Geschirr und Besteck begegnet uns deshalb auch ein Stück mittelalterlicher Alltag. Duccios Schwein verrät mehr über die Welt seines Malers als über das historische Essen in Jerusalem.
Abendmahlsbilder hatten andernorts auch einen festen Platz im Alltag: In den Speisesälen der Klöster aßen die Ordensleute vor solchen Darstellungen und verbanden ihre gemeinsame Mahlzeit mit der Betrachtung der biblischen Szene.
Beim Betrachten eines solchen Bildes lohnt es sich also, den Blick einmal von den Gesichtern auf die Teller wandern zu lassen. Was wird aufgetragen, womit gegessen, woraus getrunken?
Galerie: Bild der Woche 4
Limite sull’Arno: Palio mit Kletterfinale
Fast 400 Meter rudern, zwei Bojen umrunden – und dann auch noch ein Seil hinaufklettern. Beim Palio con la Montata in Limite sull’Arno gewinnt die Mannschaft, deren Kletterer zuerst die Fahne am oberen Ende des Seils abnimmt.
Vier Ortsteile treten in traditionellen gozzi gegeneinander an. Die Boote sind historischen Küstenruderbooten mit festen Sitzbänken nachempfunden. An Bord sitzen jeweils acht Ruderer, ein Steuermann und der montatore, der das Kletterfinale übernimmt.
Der Wettkampf knüpft an die Geschichte Limites als bedeutendes Zentrum des Bootsbaus an. Hier gehörte der Arno zum Arbeitsalltag.
Bei der 30. Ausgabe am 14. September holte Castellina seinen 14. Sieg. Den entscheidenden Aufstieg bewältigte Francesco Urso. Eine Premiere gab es zudem in sämtlichen Booten: Erstmals ruderten für jedes Viertel zwei Frauen mit. Wie das ungewöhnliche Finale aussieht, zeigt der Videobericht vom diesjährigen Palio.

Caravaggio und die Eidechse
Ein Junge, eine Eidechse und ein ziemlich schmerzhaftes Überraschungsmoment: Schon das Motiv von Caravaggios »Ragazzo morso da un ramarro« macht mich neugierig. Zwischen Früchten lauert das kleine Tier und beißt zu. Der Junge fährt zurück, das Gesicht verzogen. Diesen Sekundenbruchteil muss man erst einmal auf eine Leinwand bringen.
Mich erinnert das an Caravaggios Medusa. In beiden Gesichtern sehe ich neben dem Schmerz einen Moment der Erkenntnis. Bei Medusa ist es für mich das Entsetzen darüber, am Ende doch sterblich zu sein. Beim Jungen fällt die Lektion bescheidener aus: Auch etwas Kleines, scheinbar Harmloses kann ordentlich wehtun. So lese ich diese beiden Bilder: Augenblicke, in denen eine Gewissheit schlagartig verloren geht.
Eine kunsthistorische Deutung führt beim Jungen auch zu den Schmerzen der Liebe: Verlockung und Genuss, die unvermittelt in Leid umschlagen. Die Rose, die Früchte und der plötzliche Biss lassen sich als Hinweise darauf lesen. Eine kleine Eidechse bekommt damit eine ziemlich große Rolle.
Vom 27. September bis zum 25. Oktober ist in der Kirche Sant’Erasmo in Porto Ercole eine Fassung des Motivs aus römischem Privatbesitz zu sehen. Sie wird Caravaggio zugeschrieben und von einigen Fachleuten sogar als möglicher eigenhändiger Prototyp der Komposition betrachtet. Es handelt sich also nicht um eines der beiden bekannten Gemälde in London und Florenz. Zu ihren Besonderheiten gehören sichtbare Tränen am rechten Auge des Jungen.
Der Eintritt ist frei, die Ausstellung täglich zugänglich. Und Porto Ercole gibt der Begegnung einen besonderen Rahmen: Hier endete 1610 Caravaggios Leben.
Galerie: Bilder der Woche 5 und 6
Carrara oder Apuania? Bürokratie alla italiana
Anna Maria Tonazzini wollte ihren Personalausweis erneuern. Dafür fuhr die 82-Jährige von ihrem Wohnort auf der Insel Vulcano mit dem Tragflügelboot nach Lipari. Als Geburtsort war im neuen Ausweis Apuania eingetragen – in ihren bisherigen Dokumenten hatte stets Carrara gestanden.
1944 war ihre Mutter zur Entbindung vor der Kriegsfront bei Marina di Massa nach Bedizzano ausgewichen, einem Dorf bei Carrara. Damals gehörten Massa, Carrara und Montignoso zur faschistischen Großgemeinde Apuania. Seit 1946 existiert diese nicht mehr.
Für Anna Maria hat die historische Bezeichnung sehr gegenwärtige Folgen: Mit dem anderen Geburtsort änderte sich auch ihr Codice fiscale, die italienische Steuernummer. Verträge und Auto laufen jedoch unter der bisherigen Kennung; für Arzttermine soll sie die neue verwenden. Nun muss sie klären, wie das alles wieder zusammenpasst.
Besonders bitter: Nach ihrer Schilderung wurden ihre Daten bereits 2016 geändert, ohne dass sie davon erfahren hatte. Achtzig Jahre nach der Auflösung Apuanias beschäftigt die verschwundene Gemeinde also noch immer eine Bürgerin. Sie selbst weiß zunächst nicht, wo sie mit dem Entwirren anfangen soll.
Lunigiana: Im Land der hundert Burgen
Eine Burg, die ein Bildhauer rettete. Eine andere, in der wertvolle Bücher ein Zuhause fanden. Und eine dritte voller steinerner Menschen, deren Bedeutung bis heute Rätsel aufgibt. Im Norden der Toskana lohnt sich der Blick hinter die wehrhaften Fassaden.
Rund hundert Burgen prägen die Provinz Massa-Carrara von der Küste bis in die Lunigiana. Vom 17. bis 20. September öffnet die Veranstaltungsreihe »La Terra dei cento Castelli« auch einige Anlagen, die sonst nur selten zugänglich sind.
Die Verrucola bei Fivizzano sicherte einst eine wichtige Verbindung zwischen der Lunigiana und der Poebene. 1977 kaufte der Bildhauer Pietro Cascella die mächtige Anlage und restaurierte sie. Beim Besuch am 19. September begleitet der heutige Eigentümer die Gäste durch die Burg.
In Castiglione del Terziere bei Bagnone war es der Gelehrte Loris Jacopo Bononi, der eine vernachlässigte Burg wieder zum Leben erweckte. Er schuf dort einen Ort für die Erforschung der Lunigiana. Zwischen den alten Mauern werden heute Dokumente zur Region und Erstausgaben bedeutender Werke der italienischen Literatur bewahrt. Eine Burg als Gedächtnis ihrer Landschaft.
Noch weiter zurück führt das Castello del Piagnaro in Pontremoli. Dort stehen im Museum die Statue Stele: vorgeschichtliche Darstellungen von Männern und Frauen, auf wenige Formen reduziert. Wozu sie ursprünglich dienten, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die mittelalterliche Festung beherbergt damit eine Geschichte, die Jahrtausende älter ist als sie selbst.
Das Programm der Burgen-Tage versammelt weitere Entdeckungen und die jeweiligen Besuchsbedingungen. Für manche Führungen ist eine Anmeldung nötig. Hundert Burgen an einem Wochenende müssen es ja auch nicht gleich sein.
Galerie: Bilder der Woche 7 bis 9
Verrazzano: Neues Hausmuseum in Montefioralle
Zwischen den Hügeln des Chianti beginnt eine Geschichte, die bis nach New York führt. Giovanni da Verrazzano, 1485 im gleichnamigen Castello bei Greve geboren, suchte einen Seeweg nach Asien. 1524 erreichte er dabei die Bucht, an der heute die amerikanische Millionenstadt liegt.
Seinem Lebensweg widmet sich die Casa Museo Giovanni da Verrazzano, die jetzt für geführte Besichtigungen öffnet. In den historischen Wohnräumen begegnet man dem späteren Seefahrer zunächst als Kind des Chianti. Von dort führt seine Geschichte über die Ausbildung im Handel und in der Seefahrt hinaus auf den Atlantik.
Doch auch das Haus selbst hat einiges zu erzählen. Die Villa mit ihrem landwirtschaftlichen Gut blickt auf mehr als acht Jahrhunderte Geschichte zurück. Möbel, Gemälde, Erinnerungsstücke und das historische Archiv bewahren Spuren der Menschen, die hier lebten und wirtschafteten. So stehen neben den großen Entdeckungsfahrten auch die lange Geschichte des Gutes und seine Verbindung zur Landschaft im Mittelpunkt.
Besichtigt werden kann das Hausmuseum ausschließlich mit Führung; Buchungen vermittelt die Fondazione Giovanni da Verrazzano.

Florenz feiert Pinocchio und Collodi
Für seine nächsten Abenteuer braucht Pinocchio ein Fahrrad. Dazu einen kleinen Holzrahmen, Bildtafeln und Menschen, die ihm ihre Stimme leihen. Zum 200. Geburtstag seines Schöpfers Carlo Lorenzini, besser bekannt als Collodi, begegnet Florenz der berühmten Holzpuppe auf ganz unterschiedlichen Wegen.
In der Biblioteca Marucelliana lässt sich zunächst verfolgen, wie ihre Welt auf Papier entstand. Die Ausstellung »C’era una volta… un re?« zeigt Originalzeichnungen, Druckgrafiken und Probedrucke von Enrico Mazzanti, Pinocchios erstem Illustrator. Dokumente geben zudem Einblick in die Entstehung der Geschichte als Fortsetzungserzählung im Giornale per i bambini.
Die Nationalbibliothek von Florenz ergänzt den Blick auf Collodi: mit Briefen, Pässen, Militärpapieren und dem Manuskript der letzten Pinocchio-Kapitel. So tritt hinter der langen Nase auch der Schriftsteller, Journalist und politisch engagierte Mensch hervor. Beide Ausstellungen eröffneten am 17. September bei freiem Eintritt; die Marucelliana zeigt ihre Schau bis zum 6. November, die Nationalbibliothek bis zum 17. Oktober.
Auf der Piazza Dalmazia werden die Bilder unterdessen wieder beweglich. Am Samstag, 19. September, um 18 Uhr bringt inQuanto teatro »Pinocchio in bicicletta« zum Bibliobus. Erzählt wird mit einem Kamishibai, einem japanischen Papiertheater: In einem hölzernen Rahmen wechseln die Bildtafeln, während Elisa Vitiello und Vieri Raddi die Geschichte zum Leben erwecken. Das Publikum sitzt im Kreis um die kleine Bühne; eingeladen sind Kinder ab fünf Jahren und Erwachsene.
Anna und Poppy: Hilfe auf vier Pfoten
Alle zwei Wochen treffen sich Anna und Poppy. Die Achtjährige aus der Provinz Pistoia und der junge Golden Retriever lernen einander kennen, damit sie später ihren Alltag gemeinsam meistern können. Poppy wird zum Assistenzhund ausgebildet, mit Aufgaben, die genau auf Annas Bedürfnisse abgestimmt sind.
Anna lebt mit dem seltenen Aicardi-Syndrom. Häufige epileptische Anfälle sowie Schwierigkeiten mit Bewegung und Sprache prägen ihren Alltag. Wie ihre Mutter erzählt, hat sie sich mit Therapien und viel Übung bereits ein großes Stück Selbstständigkeit erarbeitet: Sie kann gehen, allein essen und trinken, versteht ihre Umgebung und findet Wege, sich mitzuteilen.
Poppy soll ihr helfen, darauf aufzubauen. Geplant ist unter anderem, dass Anna sich beim Gehen an einem speziellen Haltegriff festhalten kann und der Hund ihr Hindernisse wie Stufen oder Bodenlöcher anzeigt. Auch Begegnungen mit unbekannten Menschen und neue Situationen soll Poppy ihr erleichtern.
Bis dahin müssen beide noch viel lernen. Begleitet wird die Ausbildung vom Verein Ananda Guna K9. Sie braucht Zeit und fachkundige Betreuung – und kostet mehr, als die Familie allein aufbringen kann. Deshalb hat Annas Mutter eine Spendenaktion gestartet. Dahinter steht ein sehr konkreter Wunsch: Anna soll sich mit Poppy an ihrer Seite sicherer und selbstständiger durch ihren Alltag bewegen können. Wer die beiden dabei unterstützen oder mehr über das Vorhaben erfahren möchte, findet hier die Spendenaktion „Un cane speciale per Anna“.
Für heute lasse ich euch bei Anna und Poppy zurück, die sich alle zwei Wochen ein wenig besser kennenlernen. Nächste Woche nehme ich euch wieder mit zu den kleinen und großen Entdeckungen aus der Toskana.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.








