Diese Toskana Wochenschau beginnt mit einer frühen Lese: Der Herbst ist in den Weinbergen angekommen. Von dort geht es tief unter die Apuanischen Alpen und hinauf in die kühlen Wälder von Vallombrosa. In Florenz leuchten Papierlaternen, ein Fischverkäufer findet nach 70 Jahren seinen Schöpfer, und in Stia fliegen die Funken.
Zum ersten Mal gibt es ein Rezept. Denn über die Weinlese lässt sich nicht nur schreiben: Sie schmeckt auch nach Trauben, Olivenöl und Zucker. Die Schiacciata con l’uva wartet am Ende der Ausgabe. Wer genießen will, muss also scrollen. Oder findet im ersten Abschnitt eine Abkürzung …
Frühe Weinlese in der Toskana:
Der Herbst beginnt im August
Giosuè Carducci hätte sein Gedicht vom Duft gärender Weinfässer dieses Jahr früher schreiben müssen. In seinem Kindheitsort Bolgheri rollten schon am 18. August die ersten mit Merlot beladenen Traktoren, wenig später folgte der Cabernet. Auch in Montalcino beginnt die Lese mindestens eine Woche früher als üblich.
Was einst den nahenden Herbst ankündigte, findet inzwischen unter der Augustsonne statt. Außergewöhnliche Hitze und geringe Niederschläge lassen die Trauben schneller reifen: Der Zuckergehalt steigt, die Säure nimmt ab, und bei Wassermangel bleiben die Beeren kleiner. An der Etruskischen Küste fielen zwischen Juni und August gerade einmal rund 30 Millimeter Regen.
Ganz schlecht scheint der Jahrgang trotzdem nicht zu werden. Die Winzer berichten von gesunden Reben und wenigen Krankheiten. In Bolgheri wird allerdings mit bis zu 15 Prozent weniger Ertrag gerechnet. Im höher gelegenen Chianti Classico sieht die Lage von Weinberg zu Weinberg anders aus. Dort haben vielerorts die Wasservorräte aus dem Winter und die Niederschläge im Frühjahr geholfen.
Die Weinlese richtet sich damit immer stärker nach Rebsorte, Höhenlage und Mikroklima. Der Klimawandel verschiebt aber nicht nur den Kalender der Winzer. Er bringt auch eine kulinarische Jahreszeit durcheinander: Denn zur Weinlese gehört in der Toskana die Schiacciata con l’uva.
Die tiefsten Höhlen Italiens liegen unter den Apuanischen Alpen
Wer bei der Toskana nur an sanfte Hügel denkt, kennt die Region lediglich aus dem Erdgeschoss. Unter den schroffen Gipfeln der Apuanischen Alpen beginnt eine zweite Landschaft: ein Labyrinth aus Schächten, Tunneln und unterirdischen Flüssen, das Wasser über Millionen Jahre in den Fels gearbeitet hat.
Das Höhlensystem der Carcaraia könnte sich über 80 Kilometer erstrecken. Wie groß es ist, weiß niemand. Fünf der tiefsten Höhlen Italiens liegen hier.
Rekordhalter ist der Abisso Paolo Roversi bei Minucciano: Vom Eingang auf 1.710 Metern Höhe führt er 1.350 Meter hinab – mehr als vier Eiffeltürme übereinandergestapelt. Es folgen der Abisso Olivifer mit 1.215 Metern, das Antro del Corchia mit rund 1.200 Metern sowie Chimera und Perestroika mit jeweils mehr als 1.100 Metern Tiefe.
Für Besucher zugänglich ist von diesen Höhlen nur das Antro del Corchia bei Stazzema. Rund zwei Kilometer seines gewaltigen Systems sind erschlossen und führen zwischen Stalaktiten, Stalagmiten und bizarren Kalkformationen hindurch. Die übrigen Abgründe bleiben erfahrenen Höhlenforschern vorbehalten.
Über der Erde wird in den Apuanischen Alpen seit Jahrhunderten Marmor aus den Bergen geholt. Darunter versuchen Menschen bis heute herauszufinden, wie viel Berg eigentlich noch übrig ist.

Vallombrosa bei Florenz:
Die Sommerfrische ist zurück
Vallombrosa ist wieder in Mode. Während Florenz unter der Sommerhitze ächzt, zieht es die Menschen hinauf in die Wälder am Pratomagno. Auf rund 1.000 Metern finden sie, was inzwischen selbst zur Sehenswürdigkeit geworden ist: ein paar Grad weniger. Die Besucherzahlen sollen um etwa 30 Prozent gestiegen sein, Hotels und Pensionen melden volle Häuser.
Neu ist diese Liebe zur Höhe nicht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der benachbarte Ort Saltino zur mondänen Sommerfrische für Aristokraten und das wohlhabende Florenz. Villen, Grand Hotel und Zahnradbahn machten Vallombrosa zur kleinen toskanischen Cortina. Selbst Gabriele D’Annunzio verbrachte hier den Sommer.
Nach dem Ersten Weltkrieg zog es die feine Gesellschaft in die Alpen, Vallombrosa geriet in Vergessenheit. Nun sorgen steigende Temperaturen für seine Wiederentdeckung. Der Erfolg hat Nebenwirkungen: Wohnungen werden knapp, manche Tagesgäste parken zwischen den Bäumen.
Die neue Belle Époque trägt keine Abendgarderobe mehr, sondern Wanderschuhe – und sucht weniger die feine Gesellschaft als einen Platz im Schatten.
Giacomo Cerutis Fischverkäufer im Palazzo Pitti
Ein Junge kippt in der Abenddämmerung einen Korb mit Fischen und Seespinnen auf einen abgenutzten Tisch. Seine Jacke ist verschlissen, die Hände von Arbeit geprägt – doch er lächelt stolz, als präsentiere er einen Schatz. Giacomo Ceruti malte den Fischergehilfen um 1740 mit einer Würde, die sonst Adeligen vorbehalten war.
Heute hängt der »Junge mit Fischkorb und Seespinnen« im Palazzo Pitti. Seit 1911 wurde das Gemälde als Werk eines unbekannten Künstlers geführt. Erst eine Restaurierung im Jahr 1982 legte seine malerische Qualität frei und bestätigte Ceruti als Urheber.
Der lombardische Künstler wurde mit Bildern von Bettlern, Landarbeitern und anderen Menschen bekannt, die in der vornehmen Malerei seiner Zeit kaum vorkamen. Ob dahinter soziales Mitgefühl stand, ist umstritten. Armut und Arbeit waren für ihn auch Motive, die er dem Geschmack seiner Auftraggeber anpasste.
Ein Rätsel bleibt: In Belfast befindet sich ein nahezu spiegelbildlich aufgebautes Gemälde eines Jungen mit Gemüsekorb. Möglicherweise bildeten beide Werke einst ein Paar.
Galerie: Bild der Woche 1
Rificolona in Florenz:
Laternen, Pilger und Blasrohre
Am Abend des 7. September leuchten in Florenz wieder die Rificolone. Bunte Papierlaternen ziehen aus den Stadtvierteln zur Piazza Santissima Annunziata, begleitet von Familien, Kinderstimmen und einem Lied, das jeder Florentiner kennt.
Die Tradition geht auf Bauern und Händler zurück, die zur Feier der Geburt Marias aus dem Umland nach Florenz pilgerten. Da sie im Dunkeln aufbrachen, beleuchteten Laternen aus Papier oder Stoff ihren Weg. In der Stadt verkauften sie ihre Waren und besuchten das verehrte Verkündigungsbild in der Basilika Santissima Annunziata.
Der Name entstand angeblich aus dem Spott der Städter über die auffällig gekleideten, kräftigen Landfrauen, die sie Rificolone nannten. Später ging die Bezeichnung auf die Laternen über. Weniger friedlich war eine Kindertradition: Mit Blasrohren durchlöcherte man die Papierhüllen – früher mit dem Ziel, sie an der Kerze zu entzünden.
Seit 2011 wird der Pilgerweg wiederbelebt. 500 Menschen laufen die 14 Kilometer vom Heiligtum in Impruneta nach Florenz und schließen sich dem Laternenzug an. Damit kehrt die Rificolona zu ihrem Anfang zurück: Das Licht wandert wieder vom Land in die Stadt.
Galerie: Bilder der Woche 2 und 3
Das Dommuseum von Florenz
öffnet kostenlos bis Mitternacht
Wenn nach der Rificolona die Papierlaternen erloschen sind, wird am nächsten Abend weitergefeiert. Am 8. September begeht die Opera di Santa Maria del Fiore ihr 730-jähriges Bestehen. Seit 1296 kümmert sich die Institution um den Domkomplex – mit Operngesang hat ihr Name nichts zu tun.
Zum Geburtstag öffnet das Museo dell’Opera del Duomo von 8.30 Uhr bis Mitternacht bei freiem Eintritt. Eine Reservierung ist nicht erforderlich, letzter Einlass ist um 23 Uhr. Zu sehen sind Originalwerke aus Dom, Baptisterium und Campanile von Künstlern wie Donatello, Michelangelo, Ghiberti und Luca della Robbia.
Erstmals öffnen außerdem die Restaurierungswerkstätten. Dort zeigen Handwerker, wie sie beschädigte Marmorteile ersetzen und Gesteinsarten unterscheiden. Die Führungen waren kurz nach Freigabe der Reservierungen ausgebucht.
Wer keinen Platz bekam, kann bis in die Nacht durch eines der bedeutendsten Skulpturenmuseen der Welt spazieren. Auch 730-Jährige dürfen schließlich einmal länger aufbleiben.
Galerie: Bild der Woche 4
Festa della Rocca di Ripafratta:
Der Weg führt zurück zur Burg
Über Ripafratta wacht eine mittelalterliche Festung, um deren Rettung die Einwohner seit Jahren kämpfen. Die Pro Loco trägt ihr Ziel bereits im Namen: »Salviamo La Rocca«. Nach zahlreichen Aktionen und Gesprächen haben 2026 endlich Arbeiten begonnen, die den Zugang zur Burg sichern sollen.
Wie viel die Rocca dem Dorf bedeutet, zeigt vom 4. bis 6. September die 14. Festa della Rocca e del Borgo. Besichtigungen führen durch Festung und Ort, hinzu kommen Wanderungen, Kanu- und Fahrradtouren, historisches Bogenschießen, Musik und natürlich eine Sagra.
In diesem Jahr erinnert das Fest zugleich an die Gründung der Gemeinde San Giuliano Terme vor 250 Jahren. Deren Geschichte begann in Ripafratta: Der Ort war einst Sitz der Podesteria und Verwaltungsmittelpunkt, bevor diese Funktion nach San Giuliano wechselte.
Die Freiwilligen feiern deshalb nicht nur eine alte Burg. Sie zeigen, dass ein fast vergessener Ort wieder wichtig werden kann, wenn sich nur lange genug jemand weigert, ihn aufzugeben.

Biennale der Schmiedekunst in Stia:
Seit 50 Jahren Feuer und Kunst
In Stia wird an diesem Wochenende nicht lange über Tradition gesprochen. Man zündet lieber die Esse an. Vom 4. bis 6. September feiert der Ort im Casentino das 50-jährige Bestehen seiner Europäischen Biennale der Schmiedekunst. Seit 1976 hat sich die Veranstaltung zu einem internationalen Treffpunkt für Menschen entwickelt, die aus glühendem Eisen Kunst machen.
Das historische Zentrum wird dafür zur offenen Werkstatt. In sechs Schmieden entstehen vor den Augen der Besucher neue Arbeiten zum Jubiläum. Auf der Piazza Mazzini fertigen Handwerker außerdem live ein neues Eingangstor für die Grünanlage der S.T.I.A. Academy. Selbst Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren dürfen bei kostenlosen Workshops erste Erfahrungen am Amboss sammeln.
Den auffälligsten Brückenschlag zwischen altem Handwerk und Gegenwart bildet eine neue Skulptur nach Michelangelo Pistolettos »Drittem Paradies«. Meisterschmiede aus Stia haben das bekannte Symbol in Eisen übertragen; nach seiner Enthüllung bleibt es dauerhaft im Parco delle Terme del Palagio Fiorentino.
Während des Festes öffnet außerdem das Museum für Schmiedekunst im alten Wollwerk kostenlos. In Stia wird das Handwerk eben nicht nur hinter Glas bewahrt. Man kann noch hören, wie die Tradition weitergeschmiedet wird.
Galerie: Bild der Woche 5
Schiacciata con l’uva:
Rezept zur toskanischen Weinlese
Brotteig, Olivenöl, Zucker und dunkle Trauben: Mehr braucht dieser toskanische Klassiker nicht. Er wird während der Weinlese gegessen – wann auch immer die inzwischen stattfinden mag.
Für ein Backblech benötigt ihr:
- 500 Gramm Weizenmehl Type 550
- 1 Päckchen Trockenhefe
- 300 Milliliter lauwarmes Wasser
- 100 Milliliter Olivenöl extra vergine
- 100 Gramm Zucker
- 5 Gramm Salz
- 800 Gramm kleine dunkle Weintrauben
Traditionell wird Canaiolo verwendet, eine außerhalb der Toskana kaum erhältliche dunkle Traube. Als Ersatz eignen sich kleine, aromatische blaue Tafeltrauben. Kernlos ist weniger traditionsgetreu, dafür freundlicher zu deutschen Zahnfüllungen.
Mehl und Hefe mischen. Wasser, Salz, 20 Gramm Zucker und die Hälfte des Olivenöls hinzufügen, zu einem weichen Teig kneten und abgedeckt etwa 90 Minuten gehen lassen.
Den Teig halbieren. Eine Hälfte auf einem geölten Backblech ausziehen und mit der Hälfte der Trauben belegen. Mit etwas Zucker und Öl beträufeln. Die zweite Teighälfte darüberlegen, die Ränder verschließen und die übrigen Trauben hineindrücken. Restlichen Zucker und restliches Olivenöl darübergeben.
Noch einmal 20 Minuten ruhen lassen, dann bei 180 Grad Ober-/Unterhitze 35 bis 40 Minuten backen. Vor dem Anschneiden vollständig abkühlen lassen, damit sich Saft, Zucker und Öl im Teig verbinden.
So schmeckt die Weinlese selbst dann nach toskanischem Herbst, wenn sie im Hochsommer beginnt.
Galerie: Bild der Woche 6
Das war die Toskana Wochenschau für diese Woche – zwischen Weinlese, Papierlaternen und Schmiedefeuer. Ob das Rezept eine einmalige Zugabe bleibt, entscheidet künftig nicht der Redaktionsplan, sondern die Toskana selbst: Wenn Jahreszeit und Anlass etwas Gutes auf den Tisch bringen, findet es hier seinen Platz.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.





