Florenz, die versnobte Tante

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Sobald der Abspann beginnt, wird es unruhig im Kino. Das Licht dimmt langsam auf, Jacken werden gesucht, Taschen aufgehoben, die ersten Zuschauer schieben sich an den Knien der anderen vorbei. Auf der Leinwand ziehen währenddessen die Namen der Menschen vorüber, die uns gerade zwei Stunden lang in eine andere Welt versetzt haben. Die meisten davon werden wir gleich wieder vergessen.

Als Cineast habe ich eine besondere Beziehung zu diesen Menschen, die von bewundernder Sympathie getragen wird. Vieles von ihrer Arbeit betrachten wir als gegeben. Eine Figur trägt eben wie selbstverständlich einen Mantel. Dass dessen Stoff, Schnitt und Gebrauchsspuren uns etwas über ihr Leben erzählen, bemerken wir vielleicht gar nicht bewusst. Aber wir würden spüren, wenn etwas daran nicht stimmte.

Massimo Cantini Parrini gehört zu diesen Menschen. Er ist Kostümbildner. Wir sehen seine Arbeit an den Schauspielern, während er selbst außerhalb des Bildes bleibt. Millionen Menschen haben seine Kostüme gesehen, aber kaum jemand kennt den Mann dahinter. Sein Name steht im Abspann, wenn im Saal schon die Sitze hochklappen.

Aufmerksam geworden bin ich auf ihn durch ein Interview, in dem er über seine Heimatstadt Florenz spricht. Über eine Stadt, die ich liebe und verehre. Er nennt sie eine »versnobte Tante«. Bei dieser Formulierung bin ich hängen geblieben. Sie klingt nach jemandem, dessen Eigenheiten man nur zu gut kennt und dem man trotzdem verbunden bleibt. Ich wollte genauer wissen, was dieser Mann über Florenz zu erzählen hat.

Der Mann hinter den Kostümen

Cantini Parrini stammt aus Florenz. Seine Großmutter war Schneiderin. Später lernte er am Polimoda, einer international ausgerichteten Modeschule in Florenz. Seine weitere Ausbildung führte ihn nach Rom, wo er bei dem berühmten Kostümbildner Piero Tosi lernte.

Zu seinen Filmen gehören Matteo Garrones Dogman und Pinocchio, Joe Wrights Cyrano und Pablo Larraíns Maria mit Angelina Jolie. Für Pinocchio und Cyrano wurde er für den Oscar nominiert.

Hinter diesem Lebenslauf steht eine Leidenschaft, die bis in seine Jugend zurückreicht: das Sammeln historischer Kleidung. Mehr als 4.500 Kleidungsstücke gehören zu seinem Archiv. Wer so viel Kleidung aufbewahrt, sammelt auch Spuren von Menschen: ihre Vorstellung von Schönheit, ihren gesellschaftlichen Rang, die Möglichkeiten und Zwänge ihrer Zeit.

Mich fasziniert an diesem Beruf besonders, wie viel ein Kostüm erzählen kann, ohne unsere Aufmerksamkeit ausdrücklich auf sich zu ziehen. Ein zu weiter Ärmel, ein ausgebesserter Saum, ein Anzug, in dem sich jemand sichtlich unwohl fühlt: Schon ahnen wir etwas über die Figur. Kleidung kann Wohlstand zeigen, aber auch den verzweifelten Versuch, wohlhabend zu wirken. Sie kann Schutz sein, Uniform, Erinnerung oder Verkleidung.

Im Kino muss all das mit der Geschichte zusammenpassen. Selbst ein prachtvolles Kleid hilft wenig, wenn es lediglich prachtvoll aussieht und der Mensch darin verschwindet. Gute Kostümarbeit verlangt deshalb einen Blick, der über die schöne Oberfläche hinausgeht.

Mit einem solchen Blick möchte ich auch auf Florenz schauen. Die Stadt macht es einem allerdings schwer. Sie stellt so viel Schönheit vor uns zur Schau, dass man leicht vergisst, hinter ihre Fassade zu blicken.

Die Tante meldet sich

Das Bild der Tante entsteht im Gespräch mit dem Journalisten Antonio Mancinelli. Cantini Parrini beschreibt eine Verwandte, die lange nichts von sich hören lässt. Sobald sein Name im Ausland auftaucht, erinnert sie sich gern daran, ihn schon als Kind gekannt zu haben.

Ich mag dieses Bild, weil die Tante dabei ihre Würde behält. Man hört einen leisen Spott, aber auch die Vertrautheit. Wer so über eine Stadt spricht, kennt offenbar mehr als ihre Sehenswürdigkeiten.

Für seine Arbeit zog Cantini Parrini nach Rom. Er betont, dass er freiwillig ging: Dort fand er die Möglichkeiten des Kinos. Dennoch empfindet er die Aufmerksamkeit seiner Heimatstadt gelegentlich als verspätet: Die Tante hat Geschmack und durchaus auch ein Auge für Talente. Doch sie erkennt sie erst, wenn darüber etwas in der Zeitung steht.

In dieser kleinen Bosheit steckt eine Frage, die über einen einzelnen Lebenslauf hinausreicht. Wann ist eine Stadt stolz auf ihre Künstler? Wenn sie Unterstützung brauchen, einen Arbeitsplatz suchen, ihre ersten Arbeiten zeigen? Oder erst, wenn man mit ihrer Anerkennung selbst ein wenig glänzen kann?

Fortzugehen kann notwendig und richtig sein. Kein Ort bietet jedem Menschen sämtliche Möglichkeiten. Aber eine Stadt könnte sich auch für jene interessieren, deren Erfolg noch ungewiss ist. Für Menschen, die etwas versuchen und gelegentlich scheitern. Wer erst zur Preisverleihung erscheint, hat einen beträchtlichen Teil der Geschichte verpasst.

Dante bezahlt keine Ateliermiete

Cantini Parrinis Kritik reicht tiefer: Das Renaissance-Erbe könne Florenz als Alibi dienen, seine lebendige Gegenwart zu wenig zu fördern. Er fragt, wem die Stadt heute Aufmerksamkeit und Unterstützung schenkt.

Dante und Brunelleschi sind zweifellos ausgezeichnete Gesellschaft. Gegen ihre Bekanntheit anzukommen, dürfte allerdings selbst bei sehr guter Arbeit schwierig werden.

Ich verstehe den Stolz auf dieses Erbe. Die Kunst und Architektur von Florenz haben mich tief beeindruckt. Es wäre absurd, ausgerechnet dieser Stadt vorzuwerfen, dass sie ihre Vergangenheit bewahrt.

Doch zur Bewahrung gehört für mich auch die Frage, wie eine solche Fülle überhaupt entstehen konnte. Menschen haben entworfen, gestritten, experimentiert, Aufträge erhalten und Werkstätten betrieben. Die Werke, vor denen wir heute stehen, waren einmal Gegenwart. Ihre Urheber mussten ebenfalls von etwas leben.

Was bedeutet das für die Menschen, die heute in Florenz arbeiten? Welche Möglichkeiten haben sie, etwas Eigenes zu schaffen? Ein prachtvolles Erbe kann Verpflichtung sein. Bequem wird es, wenn seine Bewunderung bereits als ausreichende Kulturarbeit gilt.

Brunelleschi bringt Besucher. Eine junge Künstlerin braucht zunächst einen bezahlbaren Raum. Brunelleschi ist im Vorteil. Seine Ateliermiete ist seit geraumer Zeit beglichen.

Florenz – Ausstellung über Luca Giordano und seine Beziehung zur Stadt
Eine Ausstellung in Florenz widmet sich Luca Giordano und seiner Beziehung zur Stadt (2023)

Eine Stadt wie eine alte Freundin

Meine eigene Beziehung zu Florenz begann mit seiner Pracht. Aber die Menschen machten daraus Liebe.

Florenz ist für mich seit vielen Jahren ein Ort, dem ich mich tief verbunden fühle. Seine Schönheit hat sich durch diese Vertrautheit keineswegs verbraucht. Ich kann wissen, was hinter der nächsten Ecke wartet, und mich trotzdem darauf freuen.

Ich wohnte weit vor den Toren der Stadt im eher ländlichen Umfeld zwischen Weinbergen und Olivenhainen. Florenz gehörte trotzdem zu meinem Leben. Und so sehr mich seine Architektur und Kunst beeindruckten: Am stärksten berührte mich die Herzlichkeit, mit der mir Menschen begegneten.

Ich erlebte sie als entgegenkommend, zuvorkommend und warmherzig. Die Stadt hat mich eingeladen, bei ihr zu sein. Dieses Gefühl entstand durch Begegnungen, durch den Umgang miteinander, durch die Erfahrung, willkommen zu sein. Inzwischen liegt das schon mehr als zwanzig Jahre zurück.

Gelegentlich traf ich selbstverständlich auch einen kleinen Despoten, der ausgerechnet an diesem Tag schlechte Laune hatte, an dem wir uns begegneten. Vielleicht hatte er sie schon länger. Doch das war die Ausnahme. Solche Begegnungen bestimmen meine Erinnerung ebenso wenig wie ein verregneter Nachmittag die Erinnerung an einen ganzen Sommer.

Ich hatte dort viele gute Jahre. Eigentlich die besten meines Lebens.

Deshalb lese ich Cantini Parrinis Worte mit Zuneigung zur Stadt und mit Interesse an seiner Erfahrung. Seine liebevoll verspottete Tante und mein herzliches Florenz passen gut nebeneinander. Wir haben unterschiedliche Beziehungen zu demselben Ort.

Und gerade weil ich dort so viel Wärme erlebt habe, schmerzt mich die Frage, wie viel Platz den Menschen bleibt, die diese Stadt heute tragen.

Im Schatten der Renaissance

Cantini Parrini findet, dass Florenz sein historisches Bild besser verkauft als seine Gegenwart. Dabei geraten die Menschen, die heute dort leben und arbeiten, zu leicht aus dem Blick.

Die von Cantini Parrini beschworene »Postkarte« ist geduldig. Sie verlangt keine bezahlbare Wohnung, bringt keine Kinder zur Schule und muss morgens nicht durch eine überfüllte Straße zur Arbeit.

Das heutige Florenz hat diese Bedürfnisse. Seine Bewohner brauchen Geschäfte für den Alltag, Arbeitsplätze und Nachbarschaften. Sie brauchen die Möglichkeit, in ihrer Stadt ein gewöhnliches Leben zu führen. Auch an Tagen, an denen ihnen die Schönheit des Doms weniger dringlich erscheint als ein kaputter Kühlschrank.

Damit führt Massimos Blick zu der Frage, die mich an seinem Interview am meisten beschäftigt:

Was macht Florenz mit den Menschen, die dort leben, während sich die Stadt für diejenigen herausputzt, die sie nur besuchen?

Der Tourismus schafft Einkommen und Arbeit. Zugleich braucht eine Stadt ein Gleichgewicht, in dem auch die Bedürfnisse ihrer Bewohner Gewicht haben. Sonst kann sie für einen kurzen Aufenthalt wunderbar funktionieren und für ein ganzes Leben zunehmend schwierig werden.

Was hinter der Schönheit arbeitet

Cantini Parrini verbindet die Erinnerung an seine Großmutter mit einem Blick auf die Arbeit hinter einer gelungenen Oberfläche. Im Interview beschäftigt ihn außerdem, welchen Raum die Gegenwart im Schatten des Renaissance-Erbes erhält und ob Handwerksbetriebe im Zentrum weiterarbeiten können. Seine touristische Würdigung helfe wenig, wenn echte Werkstätten sich das Zentrum nicht mehr leisten können.

Für mich führt das zurück in den Kinosaal zum Abspann. Auch eine Stadt hat Menschen, deren Arbeit wir sehen, ohne ihre Namen zu kennen. Jemand repariert, näht, restauriert, liefert, putzt und organisiert. Vieles davon fällt erst auf, wenn es ausbleibt.

Beim Handwerk ist die Versuchung groß, seine Schönheit zu bewundern, seine Werkzeuge, das Können der Hände, und dabei seine Mühsal zu übersehen. Auf einem Foto sieht all das wunderbar aus. Im Alltag braucht es Aufträge, bezahlbare Räume und eine Kundschaft, die den Preis der Arbeit versteht. Der schöne Anblick einer Werkstatt trägt wenig zu ihrem Fortbestehen bei, wenn wir anschließend lieber das billige Mitbringsel kaufen.

Ich wünsche mir keine Stadt, die ihr Alltagsleben für meine Vorstellung von Authentizität inszeniert. Menschen sollen dort auch Neues ausprobieren dürfen. Nicht jeder Laden muss aussehen, als hätte seit 1953 niemand die Auslage verändert.

Aber ich möchte, dass eine Stadt ihre eigenen Möglichkeiten behält. Dass ihre Bewohner nicht nur die Kulisse erhalten, sondern ihre Zukunft mitgestalten.

Wo wohnen die Menschen der Gegenwart?

Beim Wohnen wird dieser Konflikt besonders deutlich. Wohnungen, die dauerhaft über Airbnb und ähnliche Plattformen an Feriengäste vermietet werden, fehlen auf dem regulären Mietmarkt. Das verschärft die Konkurrenz um den verbleibenden Wohnraum.

Im Juni 2026 beschloss die Stadtverwaltung, die bestehenden Beschränkungen für neue touristische Kurzzeitvermietungen im historischen Zentrum auf angrenzende Gebiete auszuweiten. Sie begründet das mit dem Schutz des Wohnens und dem wachsenden Druck außerhalb des Zentrums.

Für einen Besucher ist die Ferienwohnung eine praktische Unterkunft. Für jemanden, der dauerhaft ein Zuhause sucht, zählt eine andere Frage: Welche Wohnung bleibt noch für mich?

Wohnungsnot hat mehrere Ursachen. Die touristische Nutzung von Wohnraum gehört dazu. Wenn Nachbarn fortziehen und hinter denselben Türen ständig andere Gäste ankommen, verändert sich auch das Zusammenleben.

Mich schmerzt die Vorstellung, dass jemand seiner Stadt verbunden bleibt und sie trotzdem verlassen muss, weil er sich das Wohnen dort nicht mehr leisten kann. Florenz hatte mich damals mit offenen Armen eingeladen, bei ihm zu sein. Ich wünsche mir, dass seine heutigen Bewohner diese Einladung ebenfalls spüren können.

Ein Satz, der weh tat

Wie heftig um das Verhältnis von Stadt und Tourismus gerungen wird, zeigte Anfang 2024 eine Äußerung von Cecilie Hollberg, damals Direktorin der Galleria dell’Accademia. Über die Folgen des Massentourismus sagte sie:

„Wenn eine Stadt erst einmal zur Prostituierten geworden ist,
ist es für sie schwierig, wieder zur Jungfrau zu werden.“

Der Vergleich löste Empörung aus. Hollberg entschuldigte sich später für ihre Wortwahl und erklärte ihre Verbundenheit mit Florenz. Ihr Anliegen war, dass die Stadt ihren Bewohnern erhalten bleibt und unter dem Tourismus nicht erdrückt wird.

Der Satz ist drastisch. Zugleich verstehe ich die Sorge, aus der er entstand. Sie führt uns zurück zu Massimos Gedanken über die vermarktete »Postkarte«: Was geschieht mit einer Stadt, wenn ihre Attraktivität für Besucher immer stärker bestimmt, wie sie sich entwickelt?

Eine Stadt kann für Besucher außerordentlich erfolgreich sein und ihren Bewohnern dennoch das Leben erschweren. Volle Restaurants sagen wenig darüber, ob jemand eine bezahlbare Wohnung findet. Eine hübsch hergerichtete Straße verrät nicht, wer dort noch wohnen kann.

Ich möchte dabei auch meine eigene Rolle nicht übersehen. Meine Liebe zu Florenz verschafft mir keinen Sonderstatus. Wenn ich dort zu Besuch bin, brauche ich ebenfalls Platz, trinke Kaffee, gehe ins Museum und freue mich über einen Tisch im Restaurant. Die Folgen des Tourismus lassen sich leichter beklagen, wenn man sich selbst gedanklich aus der Besucherzahl herausrechnet.

Tourist im eigenen Zuhause

Cantini Parrini nennt sich einen »Touristen im eigenen Zuhause«. Florenz bleibt für ihn Heimat; die Entfernung ermöglicht ihm zugleich einen anderen Blick auf die Stadt. Wer zurückkehrt, bringt Erinnerungen mit. Vertraute Wege, Gesichter, Erwartungen. Man erkennt vieles wieder und bemerkt zugleich Veränderungen, an denen man nicht beteiligt war.

Auch meine Beziehung zu Florenz lebt heute von Erinnerungen und Besuchen. Die Stadt bedeutet mir viel, und doch gehört ihr heutiger Alltag anderen Menschen. Ihre Erfahrungen möchte ich ernst nehmen, gerade wenn sie von meinen Erinnerungen abweichen.

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Sonnenuntergang über Florenz vom Piazzale Michelangelo – mit Dom, Palazzo Vecchio und dichtem Besucherandrang.

Welchem Florenz begegnen wir?

Ob Florenz als versnobt empfunden wird, hängt auch davon ab, wo man ihm begegnet. Die Stadt ist stolz auf ihre Kunst, ihre Geschichte und ihre Bedeutung für die Mode. Namen wie Gucci und Ferragamo gehören zu diesem Bild. In der Via de’ Tornabuoni, zwischen eleganten Schaufenstern und luxuriösen Geschäften, zeigt sich ein Florenz, das seinen Wohlstand ausgesprochen selbstbewusst zur Schau stellt.

Auch in exklusiven Rooftop-Bars kann man diese Seite erleben. Der Blick über die Dächer ist prachtvoll, das Ambiente sorgfältig inszeniert. Wer sich darin wohlfühlt, genießt einen besonderen Abend. Wer mit solchen Orten weniger anfangen kann, empfindet ihre Eleganz womöglich als distanziert. Zwischen gepflegter Zurückhaltung und vermeintlicher Überheblichkeit liegt manchmal nur die eigene Erwartung.

Wer hauptsächlich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit geht, kann eine Stadt erleben, die sich ununterbrochen präsentiert. Wer länger bleibt, kommt möglicherweise in andere Gespräche, erkennt Abläufe wieder und entdeckt Orte, an denen der eigene Besuch keine besondere Rolle spielt.

Doch auch jenseits des Arno, im Oltrarno, kann man rund um San Frediano und Santo Spirito einem anderen Florenz begegnen: Werkstätten, Nachbarschaftsleben, Studierende auf den Plätzen, kleine Lokale und Trattorien, deren Atmosphäre weniger förmlich ist. Auch diese Viertel sind längst bei Besuchern beliebt. Trotzdem gibt es dort Gelegenheit, die Stadt in einem anderen Rhythmus zu erleben.

Die Via de’ Tornabuoni, eine exklusive Rooftop-Bar und eine Werkstatt in San Frediano gehören alle zu Florenz. Welche dieser Begegnungen unser Bild prägt, macht einen beträchtlichen Unterschied. Die versnobte Tante hat schließlich mehr als eine Seite.

Wenn die Sitze hochklappen

Als Kostümbildner stellt Cantini Parrini sich Florenz als wendbares Kleid vor: prachtvoll auf der sichtbaren Seite, erheblich komplizierter auf der Kehrseite.

Auch ich möchte Florenz mit diesem Bewusstsein betrachten. Die sichtbare Schönheit gehört zu seiner Geschichte. Seine Menschen schreiben sie weiter. Ich wünsche dieser Stadt, dass sie ihnen zuhört. Dass sie Platz behält für Arbeit, Alltag und eine Gegenwart, die sich nicht ständig vor der Vergangenheit rechtfertigen muss.

Die versnobte Tante wird dabei vermutlich die eine oder andere Bemerkung machen. Das darf sie. Ich mag ihre Eigenheiten, ihren Stolz und die Fähigkeit, mich noch immer zu überwältigen.

Aber ich sehe auch, was ihr zusetzt. Und weil ich sie liebe, schmerzt es mich.

Im Kino klappen inzwischen die Sitze hoch. Auf der Leinwand laufen noch die Namen.

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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