Zitroniges, offene Hoftore & 60 Stunden bis ins Mittelalter

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

In dieser Toskana Wochenschau begegnen wir einer Frucht, die sich nicht für eine Zitrusart entscheiden konnte, und Familien, die ihre Höfe für Theater, Musik und fremde Gäste öffnen. In der Via dei Neri hat eine Florentiner Schiacciata inzwischen die Welt erobert, während einige der alten Geschäfte am Ausgangspunkt dieser Reise ums Bleiben kämpfen.

In Pietrasanta wird eine Kirchenfassade zum Atlas der Apuanischen Alpen, in Livorno erzählt eine Leinwand auf Vorder- und Rückseite von Giovanni Fattoris künstlerischer Wende. Florenz beantwortet derweil die Debatte um Social-Media-Verbote auf seine eigene kreative Art. Und in Volterra führt der Weg schließlich ins Jahr 1398, mit Gewändern, deren Zeitreise schon Monate zuvor am Handwebstuhl beginnt.

Die Bizzarria und die Zitrusleidenschaft der Medici

Die Medici sammelten nicht nur Gemälde, Skulpturen und Macht. Sie sammelten auch Zitronen, Orangen und Zitronatzitronen.

Schon Cosimo der Alte ließ im 15. Jahrhundert Zitrusfrüchte anbauen. Unter Cosimo I. wurde aus der Vorliebe eine fürstliche Sammlung. Zwischen 1554 und 1568 entstand im Boboli-Garten eine der ersten großen europäischen Zitrussammlungen in Töpfen. Im Winter konnten die empfindlichen Pflanzen in die Limonaia gebracht werden. Vor allem aber waren die schweren Terrakottagefäße eine Bühne: Seltene Früchte zeigten Reichtum, Bildung und Beziehungen. Manche wurden sogar als diplomatische Geschenke verschickt.

Den Höhepunkt dieser Sammelleidenschaft markiert eine Frucht, die schon im Namen aus der Reihe tanzt: die Bizzarria. Sie ist keine gewöhnliche Kreuzung, sondern eine Pfropfchimäre. In ihren eigenwillig geformten Früchten mischen sich Merkmale von Bitterorange, Zitrone und Zitronatzitrone; die Schale wechselt zwischen Grün, Gelb und Orange. Es sieht aus, als hätten sich drei Zitrusfrüchte nicht darauf einigen können, welche von ihnen sie werden soll.

Entdeckt wurde die Bizzarria Mitte des 17. Jahrhunderts im Florentiner Garten des Marchese Lorenzo Panciatichi. Ferdinando II. nahm sie in die Medici-Sammlung auf. Später galt sie mehr als ein Jahrhundert lang als verschwunden, bis der Botaniker Paolo Galeotti sie in den 1980er-Jahren wiederentdeckte und nach Florenz zurückbrachte.

Noch heute überwintern in der Limonaia des Boboli-Gartens rund 500 Töpfe mit historischen Zitruspflanzen. Was dort wie hübsche Gartenstaffage wirkt, ist das Erbe einer Familie, die selbst eine Orange in Kunst, Wissenschaft und Politik verwandeln konnte.

Galerie: Bild der Woche 1

Zitrusbäume in Terrakottakübeln in der Limonaia der Medici
In großen Terrakottakübeln überwinterten die kostbaren Zitrusbäume der Medici in der Limonaia.

Wenn in Capannori die Hoftore aufgehen

An sechs Abenden öffnen Familien rund um Capannori ihre Hoftore. Fremde tragen Stühle herein, Musiker stimmen ihre Instrumente, Tänzerinnen suchen zwischen Hauswand und Wäscheleine nach Platz – und aus einem privaten Hof wird für ein paar Stunden ein Theater.

Tempi Moderni bringt noch bis zum 30. Juli drei Produktionen in 13 Höfe, Tennen und Gemeinschaftsgärten: mittelalterliche Schwänke, italienischen Swing und ein Fest aus Musik und Tanz. Die Bewohner stellen dabei nicht bloß eine Kulisse zur Verfügung. Sie empfangen das Publikum als Gäste und reichen nach der Vorstellung mitunter ein Glas Wein oder etwas Selbstgekochtes.

Entstanden ist das Format ausgerechnet während des Lockdowns. Aus einer Zeit verschlossener Türen entwickelte sich ein Theater, das Menschen heute dazu bringt, die eigenen wieder zu öffnen. Für den künstlerischen Leiter Roberto Castello kehrt es damit zu seiner ursprünglichen Form zurück: nicht als feierliche Institution, sondern als gemeinsames Ereignis mitten im Alltag.

Eintritt wird nicht verlangt. Stattdessen dürfen die Besucher Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs mitbringen, die von der Caritas an bedürftige Familien weitergegeben werden.

So entsteht rund um Capannori ein ungewöhnlicher Tausch: Die Künstler bringen Geschichten, Musik und Tanz. Die Bewohner öffnen ihre Höfe. Das Publikum füllt eine Tüte mit Lebensmitteln. Und am Ende gehen vermutlich alle mit ein wenig mehr nach Hause, als sie mitgebracht haben.

Programm von Tempi Moderni beim Comune di Capannori

Galerie: Bild der Woche 2

Museo Giovanni Fattori in Livorno –
ein Bild mit zwei Seiten

Ein Bild, zwei Seiten – und dazwischen der Moment, in dem ein Künstler seine Richtung änderte. Damit beginnt der neue Rundgang durch das Museo Giovanni Fattori in Livorno. Seit dem 10. Juli ist das Museum in der Villa Mimbelli nach einer umfassenden Renovierung und Neugestaltung wieder geöffnet.

Auf der Vorderseite der Leinwand ist der Reiterangriff bei Montebello von 1862 zu sehen. Auf ihrer Rückseite kam bei einer Restaurierung 1994 ein aufgegebenes Medici-Motiv zum Vorschein. Beide Seiten markieren Fattoris Abschied von der romantischen Historienmalerei und seine Hinwendung zu einer unmittelbaren Darstellung der Wirklichkeit.

Von dort folgt der Rundgang seiner gesamten Laufbahn: über Schlachtenbilder und Landschaften der Maremma zu Bauern, Arbeitern, Tieren und sozialen Themen. Er endet mit Fattoris letztem Gemälde – einem einsamen Pferd am Meer von Livorno, das im Frühjahr 1908 unvollendet blieb.

Auch andere Macchiaioli und toskanische Künstler erhalten in den neu gestalteten Räumen mehr Platz. Erstmals ist zudem ein eigener Saal dauerhaft Leonetto Cappiello gewidmet, dem Livorneser Künstler, dessen Plakate die moderne Werbung prägten.

Galerie: Bilder der Woche 3 bis 7

All’Antico Vinaio erobert Sydney –
die Via dei Neri hält durch

In Sydney wird seit wenigen Tagen florentinische Schiacciata gebacken. Es ist die jüngste Etappe einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte: 1991 eröffnete die Familie Mazzanti in der Via dei Neri einen kleinen Sandwichladen. Heute besitzt All’Antico Vinaio mehr als 60 Filialen in Europa, Nordamerika, dem Nahen Osten und nun auch Australien.

Während die Schiacciata immer neue Kontinente erobert, hat sich allerdings auch jene Straße verändert, in der alles begann. Wo früher Metzger, Handwerker und Haushaltswarengeschäfte lagen, reihen sich heute Restaurants, Souvenirläden und Imbisse aneinander. Die Florentiner nennen die Via dei Neri inzwischen wenig schmeichelhaft Mangificio, Essfabrik, oder gleich Borgunto – das fettige Dorf.

Es wäre zu einfach, All’Antico Vinaio allein dafür verantwortlich zu machen. Sein Erfolg ist vielmehr das sichtbarste Zeichen einer Entwicklung, die das gesamte historische Zentrum erfasst hat: Wohnungen werden zu Ferienunterkünften, Geschäfte richten sich auf Besucher aus, und mit den Bewohnern verschwinden auch jene Läden, die ihren Alltag versorgten.

Rund zehn halten noch durch. Matteo schneidet seit 51 Jahren Haare; nach seinem Ruhestand übernimmt wieder ein Friseur, weil die Eigentümerin keinen weiteren Gastronomiebetrieb wollte. In Cinzias Haus leben nur noch drei ständige Bewohner neben elf Ferienwohnungen. Und in Maria Novellas Bottega hängen zwischen englischen Schildern weiterhin Fotos der Fiorentina.

Marco führt seinen Lebensmittelladen ebenfalls seit 51 Jahren. Früher brachte er den Anwohnern ihre Einkäufe nach Hause, heute lebt er von den Mittagspausen der Florentiner, die in der Umgebung arbeiten. Was nach seiner Pensionierung aus dem Laden wird, weiß er nicht.

So erzählt die Via dei Neri zwei Geschichten zugleich: die eines Familienbetriebs, der die Schiacciata bis nach Sydney getragen hat, und die jener Menschen, die am Ausgangspunkt dieser Reise geblieben sind. Für die Expansion braucht es Geschäftssinn. Für das Bleiben, sagt Marco, vor allem Leidenschaft.

Galerie: Bilder der Woche 8 und 9

Das Video ist auf Italienisch, doch der Kontrast braucht keine Übersetzung: Während die alteingesessenen Händler von ihrer Via dei Neri erzählen, füllen draußen die Touristen mit der Schiacciata in der Hand die schmale Altstadt-Gasse.

Sant’Agostino in Pietrasanta – ein Atlas aus Marmor

Sechs Jahre wurde am ehemaligen Klosterkomplex Sant’Agostino in Pietrasanta gearbeitet. Als das Gerüst fiel, kam jedoch nicht bloß eine gereinigte Kirchenfassade zum Vorschein. Der Stein begann, Geschichten zu erzählen.

Die Restauratoren fanden eine außergewöhnliche Vielfalt teils seltener Marmorsorten aus den Apuanischen Alpen. Unterschiedliche Farben, Maserungen und Strukturen fügen sich zu einem steinernen Verzeichnis dessen, was die Berge der Umgebung einst hergaben – einem Atlas der Marmore.

Zwischen den Platten entdeckten sie außerdem Fragmente mittelalterlicher Grabmale, die beim Bau der Fassade wiederverwendet worden waren. Was einst an Verstorbene erinnerte, blieb so über Jahrhunderte sichtbar und doch unerkannt. Neue Untersuchungen schreiben den unteren Teil der Fassade stärker der Werkstatt des Pisaner Meisters Giovanni di Gante zu.

Auch Michelangelo soll die Verkleidung studiert haben, als er 1518 in Pietrasanta Marmor für San Lorenzo in Florenz beschaffte. Später feierte der junge Priester Eugenio Barsanti in Sant’Agostino seine ersten Messen, bevor er gemeinsam mit Felice Matteucci einen frühen Verbrennungsmotor entwickelte. Und mit der restaurierten Bronzelünette von Igor Mitoraj reicht das steinerne Archiv bis in die Gegenwart.

Die Arbeiten sind beendet, die wissenschaftliche Auswertung beginnt erst. Sant’Agostino ist nicht nur schöner zurückgekehrt. Die Kirche hat sich als Gedächtnis Pietrasantas erwiesen – mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte, versammelt in einer einzigen Fassade.

Galerie: Bild der Woche 10

DisCover in Florenz – befähigen statt verbieten

Europa diskutiert darüber, wann Kinder und Jugendliche soziale Medien nutzen dürfen. Florenz stellt eine andere Frage: Was müssen sie können, wenn sie sich in der digitalen Welt bewegen?

Ein von der EU-Kommission eingesetztes Expertengremium empfiehlt, Kindern unter 13 Jahren soziale Medien nur zeitlich begrenzt, unter Aufsicht oder in einem pädagogischen Umfeld zu erlauben. Fast gleichzeitig entsteht in Florenz ein Projekt, das nicht allein auf Altersgrenzen setzt.

Nach dem Sommer eröffnet auf dem Gelände von San Salvi DisCover, das erste italienische Zentrum gegen den übermäßigen Gebrauch digitaler Medien. Es richtet sich an junge Menschen zwischen 10 und 25 Jahren sowie an deren Eltern. Eine Suchtklinik soll es ausdrücklich nicht werden, sondern ein Ort der Bildung und Prävention.

In einem Raum bleiben Smartphones und Tablets ausgeschaltet. Dort wird gespielt, gebaut oder Sport getrieben. Im nächsten lernen Jugendliche, einen Podcast aufzunehmen, Videos zu gestalten oder ein eigenes Spiel zu entwickeln. Die Technik wird also nicht zum Feind erklärt. DisCover unterscheidet zwischen passivem Konsum und aktivem Gestalten: Wer selbst produziert, muss Ideen finden, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen.

Auch die Eltern werden einbezogen. Ein Thema ist das digitale Babysitting – jener vertraute Moment, in dem schon Kleinkinder ein Smartphone bekommen, damit für eine Weile Ruhe herrscht. Familien sollen Regeln entwickeln, ohne dass jede Bildschirmminute zum Streitfall wird.

Altersgrenzen und Medienkompetenz schließen einander nicht aus. Regeln können schützen, beantworten aber noch nicht die Frage, wie junge Menschen digitale Medien verstehen und bewusst einsetzen. Während Europa also darüber berät, wann Jugendliche ins Netz dürfen, beginnt Florenz damit, ihnen zu zeigen, was sie dort können.

Tänzerinnen beim Mittelalterfest in Monteriggioni in der Toskana
Historische Gewänder und Tänze beim Mittelalterfest.

Volterra A.D. 1398 –
wenn das Mittelalter wieder Stoff wird

Am 9. und 16. August 2026 versetzt sich Volterra für jeweils einen Tag zurück ins Jahr 1398. Bei der historischen Wiederaufführung Volterra A.D. 1398 bevölkern Hunderte Darsteller als Händler, Handwerker, Spielleute, Adlige, Bauern und Soldaten die Altstadt und den Archäologischen Park. Selbst bezahlt wird mit einer eigens ausgegebenen mittelalterlichen Münze, dem Grosso Volterrano.

Mitten in diesem wiedererstandenen Mittelalter arbeitet Cinzia Gazzarri an einer Straße der alten Handwerke mit. Die Schneiderin betreibt in Volterra die Werkstatt Trame di Storia und rekonstruiert Kleidung nach historischen Vorbildern. Was während des Festes wie selbstverständlich ins Jahr 1398 zu gehören scheint, beginnt für sie Monate zuvor mit der Suche nach verlässlichen Quellen.

Cinzia studiert Handschriften, Miniaturen, erhaltene Textilien und Gemälde. Besonders aufschlussreich sind Ambrogio Lorenzettis Fresken vom Guten und Schlechten Regiment in Siena. An ihnen lassen sich der Schnitt eines Ärmels, der Fall eines Stoffes oder die Intensität einer Farbe ablesen. Am Ende führen alle Wege zu Fresken, Museumsstücken und historischen Quellen. Fotos heutiger Mittelalterfeste taugen dagegen nicht als historische Vorlage.

Anschließend wird am Handwebstuhl gewebt, mit natürlichen Pigmenten gefärbt, kardiert, zugeschnitten und von Hand genäht. Allein ein Gewand benötigt mindestens 60 Arbeitsstunden. Fünf besonders aufwendige Stücke beschäftigten Cinzia mehrere Monate.

Für Cinzia entscheidet diese Sorgfalt darüber, ob eine Veranstaltung Geschichte sichtbar macht oder nur Folklore bietet. Wenn Volterra im August das Jahr 1398 heraufbeschwört, beginnt die Zeitreise daher nicht erst bei Fackelschein. Sie beginnt lange zuvor in Cinzias Werkstatt.

Galerie: Bild der Woche 11


Für diese Woche kehren wir aus dem Jahr 1398 zurück – mit dem beruhigenden Wissen, dass man dafür weder Zeitmaschine noch Ritterrüstung braucht. Ein sehr genauer Blick, ein Handwebstuhl, Geduld und fleißige Hände genügen offenbar auch.


Bilder der Woche

  • Gemälde mit zahlreichen Zitrusfrüchten von Bartolomeo Bimbi aus dem Jahr 1715
  • Plakat der Veranstaltungsreihe Tempi Moderni in den Höfen von Capannori
  • Giovanni Fattoris Gemälde „Carica di cavalleria a Montebello“ von 1862
  • Toskana Wochenschau: Keramikbalustrade mit Putten im Museo Giovanni Fattori in Livorno
  • Toskana Wochenschau: Prunkvolle Treppe der Villa Mimbelli in Livorno
  • Toskana Wochenschau: Maurischer Rauchsalon der Villa Mimbelli in Livorno
  • Toskana Wochenschau: Detail der Prunktreppe in der Villa Mimbelli in Livorno
  • Toskana Wochenschau: Touristenandrang vor All’Antico Vinaio in der Via dei Neri in Florenz
  • Toskana Wochenschau: Warteschlange vor All’Antico Vinaio in der Via dei Neri in Florenz
  • Marmorfassade der Kirche Sant’Agostino in Pietrasanta
  • Toskana Wochenschau: Frauen in mittelalterlichen Gewändern auf Lorenzettis Fresko in Siena

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael

 

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