Warum Dinge bleiben

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Ich wurde einmal gebeten, mich selbst zu beschreiben. Keine große Bühne. Kein Interview. Nur eine dieser typischen Social-Media-Ideen. Eine Autorenkollegin – vermutlich angesteckt von meinen leicht ironischen Instagram-Posts – wollte wissen, was mich eigentlich ausmacht.

Die Aufgabe:
Zwanzig Dinge. Zwanzig Obsessionen.

Ich gebe zu, so richtig Lust hatte ich nicht. Dieses ganze Spiel mit strukturierten Selbstvermessungen und Einblicken – das liegt mir nicht besonders. Aber ich war noch relativ neu in dieser Bookbubble. Und wenn man gefragt wird, fühlt man sich dann doch … gesehen. Ein bisschen geschmeichelt. Ein bisschen gebauchpinselt. Kleine Ursache, große Wirkung.

Also habe ich angefangen. Und plötzlich war es nicht mehr nur eine Liste. Sondern die beinahe philosophische Frage: »Was bleibt eigentlich, wenn man alles andere weglässt?«

Was dabei herauskam, sah zunächst harmlos aus. Eine Sammlung von Dingen, die mich begleiten. Über Jahre. Teilweise Jahrzehnte. Aber je länger ich darauf geschaut habe, desto weniger wirkte es wie eine Auswahl. Sondern eher wie ein Befund.

Edward Hopper – Nighthawks.
Nähe ohne Begegnung - Warum Dinge bleiben
Edward Hopper, 1942 – Nighthawks.
Vier Menschen. Und erstaunlich wenig dazwischen.

Musik, die nicht einfach läuft, sondern sich festsetzt.

  1. Pink Floyd. Soundtrack meines Lebens. Nicht Musik. Zustand.
  2. Vivaldi. Wenn der Raum plötzlich größer wird als er ist.

Geschichten, die schon lange da sind.

  1. Pinocchio. Weil Wahrheit und Wandel selten angenehm sind.
  2. Stummfilme mit Klavier. Die pure Essenz des Kinos.
  3. Woody Allen-Filme. Zweifel mit Pointe.
  4. La Linea. Komplexe Geschichten in einfachen Zeichnungen erzählt.

Kunst, die nicht beruhigt.

  1. Caravaggios Medusa. Faszinierende Schönheit im Moment des Schreckens.
  2. H.R. Gigers Alien. Meisterwerk der düsteren Ästhetik.
  3. Bilder von Edward Hopper. Stille Melancholie in Farben & Licht

Kleine Rituale, die größer sind, als sie aussehen.

  1. Espresso. Ein kurzer, starker Schluck Leben.
  2. Zwieback mit Orangenmarmelade. Eine Kindheitserinnerung.
  3. Ein Glas Rotwein neben einem Schachbrett.
  4. Basilikum Spritz. Ein Hauch von Sommer.
  5. Martini. Eleganz und Bitterkeit.
  6. Zitronensorbet. Geschmack, der den Geist erfrischt

Orte, die sich widersprechen und genau deshalb richtig sind.

  1. Mein Leipzig … lob ich mir!
  2. Mein Florenz. Eine ewige Liebe.

Bücher, die nicht nur gelesen werden, sondern nachhallen.

  1. Umberto Eco. Literarisches Genie mit Brillanz und Tiefe.
  2. Bildbände über Renaissancekunst. Sehen lernen.

Gefährten

  1. Ein alter, zahnloser Kater namens Max. Treuer Gefährte, dessen Weisheit und Gelassenheit mich täglich inspirierten. Inzwischen gestorben. Er fehlt.

Nicht das, was wir wählen, definiert uns.
Sondern das, was uns nicht verlässt.

Und irgendwo zwischen Pink Floyd, Espresso und Edward Hopper passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Diese Dinge hatten mehr mit mir zu tun, als mir zunächst lieb war.

Nicht nur das, was ich mag.
Sondern, was geblieben ist.

Ich habe lange geglaubt, wir formen uns selbst. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht ist es eher andersherum. Vielleicht formt uns das, was sich nicht abschütteln lässt.

Und wenn ich mir diese zwanzig Punkte heute ansehe, dann ist das keine Liste. Es ist ein Umriss. Nicht vollständig. Nicht ordentlich. Aber ziemlich ehrlich.

Weitergedacht:
  •  Indiana Jones in Venedig

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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