Neulich fragte mich jemand völlig unvermittelt: »Was sind eigentlich die Tropes deines Buches?«
Ich musste kurz innehalten. Nicht wegen meines Manuskripts. Sondern wegen Frucht-Drops. Mein Hirn spülte mir eine Kindheitserinnerung vor das innere Auge: diese leckere Bonbonrolle. Papierhülle. Leicht klebrig. Ein bisschen Nostalgie.
Versteht mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Anglizismen. Sprache lebt. Sie wandert. Sie nimmt auf. Und ja, ich weiß, was damit gemeint ist.
Was mich stört, ist vor allem das beiläufige Werfen mit Begriffen, die plötzlich wie Zugangskarten zu einem literarischen VIP-Bereich wirken. Als stünde nicht mehr die Geschichte im Mittelpunkt, sondern das Vokabular, mit dem man über sie spricht.
Ein Wort, das beeindrucken soll. Ein deutsches Wort in einem englischen Mantel, damit es nach Schreibseminar klingt. Mich stört nicht das Englische – mich stört der Reflex, es als Deko in jeden deutschen Satz zu kleben.
Motiv klingt offenbar zu banal. Erzählmuster zu bodenständig. Thema zu deutsch.
Also lieber: Trope.

Was mit Tropes eigentlich gemeint ist
Wobei das Wort selbst gar nichts für seinen Ruf kann. Es kommt aus der Rhetorik, aus dem Griechischen, hat einen Umweg über das Französische genommen – und die Systematik dahinter kommt heute meist aus dem Englischen.
Für alle, die mit dem Begriff nicht täglich jonglieren: Gemeint sind wiederkehrende Muster in Geschichten. Dinge, die man kennt, auch wenn man sie nicht so nennt.
Zum Beispiel:
- Zwei Menschen, die sich erst nicht ausstehen können – und dann doch. (Enemies to Lovers – klingt natürlich gleich wichtiger.)
- Der Außenseiter, der über sich hinauswächst. (Underdog Story – funktioniert auch ohne englischen Beipackzettel.)
- Der Auserwählte, der eine besondere Rolle erfüllen muss. (Chosen One)
- Die Rückkehr nach Hause, die alles verändert. (Return Home)
- Die eine Entscheidung, die alles kippen lässt. (Point of No Return)
- Oder der Held, der am Ende merkt, dass er sich selbst im Weg stand. (Character Arc)
Also nichts Geheimnisvolles. Nur alte Geschichten in neuen Kleidern.
Mich stört nicht das Englische – mich stört der Reflex,
es als Deko in jeden deutschen Satz zu kleben.
Alte Muster, neue Namen
Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht bin ich sprachverliebt. Vielleicht bin ich da zu empfindlich. Oder ich mag einfach nur klare Worte, die arbeiten, statt zu posieren. Oder vielleicht stört mich weniger das Wort als das Imponiergehabe, das gelegentlich darin mitschwingt.
Und was mein Buch stattdessen hat
Mein Buch hat übrigens keine Tropes. Es hat Figuren, die sich verlaufen. Menschen. Fehler. Sehnsucht. Und Sätze, die manchmal besser sind als ihr Autor.
Ich hole mir derweil einen Espresso. Mal schauen, ob ich irgendwo in einer Schublade noch so ein klebriges Dingens … äh, Drops finde.
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.