Odysseus gegen das Ungeheuer: Bam! Pow! aus der Toskana

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Odysseus würde heute vermutlich Vespa fahren. Doch in dieser Toskana Wochenschau lauert bereits das nächste Abenteuer: Ein ungeklärtes Ungeheuer versetzt ein Dorf bei Pistoia in Krokodilfieber, während Florenz mit zahlreichen Comics für das passende »Bam! « und »Pow! « sorgt.

Daneben kommen mittelalterliche Mauern unter einer Tramtrasse zum Vorschein, ein historisches Kino erwacht zu neuem Leben und zwei Freunde finden nach einem halben Jahrhundert wieder ihren gemeinsamen Sound. Vorhang auf für eine Ausgabe zwischen Mythologie, Alltagsgeschichten und ziemlich viel Fantasie.

Wenn eine Vespa in See sticht

Was entsteht, wenn man zwei italienische Ikonen miteinander kreuzt? Eine Vespa im Matrosenanzug.

Für die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der USA in New York hat Piaggio ein Einzelstück gebaut, das der Amerigo Vespucci gewidmet ist. Die Vespa aus Pontedera trägt die Farben des berühmten Segelschulschiffs, dessen Heimathafen Livorno ist: Auf der schwarz glänzenden Karosserie verlaufen zwei weiße Bänder mit kleinen Bullaugen, ockerfarbene Details erinnern an die Aufbauten und den Bugspriet des Dreimasters.

Selbst die Sitzbank folgt dem maritimen Vorbild. Sie wurde mit Tela Olona bezogen – jenem robusten Gewebe, aus dem auch die Segel der Amerigo Vespucci gefertigt werden. In New York durfte das Einzelstück schließlich dort posieren, wo es unverkennbar hingehört: direkt vor dem schwarz-weißen Rumpf seiner großen Schwester.

»Bam!« und »Pow!« und Kulturgeschichte

Mehr als 800.000 Comics, Bücher, Zeitschriften, Zeichnungen, Plakate, Manuskripte und Entwürfe bekommen ein neues Zuhause: Der Comic-Historiker und Verleger Gianni Bono hat sein privates Archiv der Biblioteca Nazionale Centrale in Florenz geschenkt.

Die Sammlung gilt wegen ihres Umfangs, ihrer Seltenheit und Vollständigkeit als einzigartig in Italien. Sie dokumentiert nicht nur fertige Comics, sondern auch deren Entstehung – von ersten Ideen und Drehbüchern bis zu Originalzeichnungen und Fanzines. Bono selbst beschäftigt sich seit den 1960er-Jahren mit der »neunten Kunst« und schuf unter anderem die umfangreiche digitale Guida al fumetto italiano.

Im Laufe des Jahres soll das Archiv schrittweise nach Florenz gebracht, katalogisiert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Zugleich bildet es den Grundstock für eine künftige italienische Comicbibliothek mit Ausstellungen, Tagungen, Forschungsprojekten und Angeboten für Schulen. Aus einer privaten Lebenssammlung wird damit ein öffentliches Kulturgut.

Toskana Wochenschau: historisches Diabolik-Comiccover aus dem Fondo Gianni Bono mit dem maskierten Titelhelden
„Bam! Pow!“ für Florenz: Ein historisches Diabolik-Cover aus der mehr als 800.000 Stücke umfassenden Sammlung von Gianni Bono. Bild: Fondo Gianni Bono

Greve schickt Senioren in die Sommerfrische

Jeden Mittwoch holt die Gemeinde Greve in Chianti ihre älteren Einwohner aus der Sommerhitze und bringt sie hinauf ins Grüne.

Ziel ist der auf 900 Metern gelegene Park der Villa San Michele. Dort erwartet die Teilnehmer ein gemeinsames Mittagessen, leichte Gymnastik unter fachkundiger Anleitung und Zeit zum Lesen und Plaudern. Die Hin- und Rückfahrt ist organisiert; angeboten werden die Ausflüge bis zum 2. September.

Für Einwohner mit einem geringen Einkommen ist der Tag kostenlos, alle anderen zahlen 17 Euro. Das Programm soll nicht nur Abkühlung bringen, sondern auch Menschen zusammenführen, die im Sommer sonst leicht allein zu Hause blieben.

Eine kleine kommunale Idee ohne großes Aufheben und gerade deshalb eine, die gern Schule machen dürfte.

Unter der Piazza Beccaria klopft das Mittelalter an

Die Bauarbeiten für die neue Tramlinie von der Piazza della Libertà nach Bagno a Ripoli öffnen derzeit ein Fenster ins Florenz des frühen 14. Jahrhunderts.

Unter der Piazza Beccaria haben Archäologen Teile der mittelalterlichen Stadtmauer und weitere Strukturen nahe der ehemaligen Porta alla Croce freigelegt. Nach ersten Einschätzungen könnte hier einst eine Brücke über den Stadtgraben geführt haben. Daneben befand sich möglicherweise ein Wachposten oder ein Raum, in dem ankommende Händler ihre Abgaben entrichten mussten.

Der Graben trug den Namen San Gervasio und verlief unmittelbar außerhalb des Stadttores. Die nun entdeckten Anlagen wurden vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beseitigt, als Florenz unter Giuseppe Poggi grundlegend umgestaltet und mit einer modernen Kanalisation versehen wurde.

Noch handelt es sich um vorläufige Befunde. Die Tramarbeiten können dennoch weitergehen, ohne die Mauern zu beschädigen. Später sollen möglicherweise Führungen angeboten werden, damit auch die Florentiner sehen können, was direkt unter ihren alltäglichen Wegen verborgen lag.

  Galerie: Bild der Woche 1

Croc Nessie: Das Ungeheuer von Masiano

Niemand hat es zweifelsfrei gesehen, ein eigens angereister Krokodilexperte fand keine Spur. Und doch ist das mutmaßliche Reptil im See von Masiano längst weltberühmt..

Seit rund anderthalb Monaten wird im Raum Pistoia über ein unscharfes Foto diskutiert, auf dem ein Krokodilkopf aus dem Wasser zu ragen scheint. Sogar der französische Experte Olivier Behra reiste an, musste seine Suche jedoch ergebnislos abbrechen. Ende August will er wiederkommen, wenn der Wasserstand des bis zu 15 Meter tiefen Sees niedriger ist.

Währenddessen hat »Croc Nessie« bereits die britische Presse erobert: The Times und Daily Mail berichteten über das toskanische Seeungeheuer. In Masiano wartet man nicht auf den zoologischen Beweis. Gastwirte servieren einen Krokodil-Cocktail, Plastikreptilien tauchten im Bürgermeisterwahlkampf auf und eine Jugendfußballmannschaft nennt sich inzwischen »Masiano Crocodiles«.

Ob Krokodil oder Sommerloch: Masiano hat beschlossen, einfach beides zu genießen. Oder, wie ein Einwohner es ausdrückte: Man sei nun eben das Loch Ness der Toskana.

  Galerie: Bild der Woche 2

Der stille Michelangelo von Santo Spirito

Wer in Florenz nach Michelangelo sucht, landet gewöhnlich beim monumentalen David. Doch auf der anderen Seite des Arno hängt ein sehr viel stilleres Werk des Künstlers: ein lebensgroßes Kruzifix aus Lindenholz in der Sakristei von Santo Spirito.

Michelangelo soll es um 1493 geschaffen haben, als er etwa 18 Jahre alt war und im angeschlossenen Augustinerkloster lebte. Die Mönche gestatteten ihm, in der Krankenstation Verstorbene zu sezieren und so die menschliche Anatomie zu studieren. Als Dank, so berichten frühe Biografen, fertigte er das Kruzifix für das Kloster an.

Später geriet das Werk aus dem Blick. Erst 1962 erkannte die deutsche Kunsthistorikerin Margrit Lisner seine Bedeutung wieder. Seit 2000 befindet es sich dauerhaft in Santo Spirito.

Nun hat die New York Times das Kruzifix erneut ins internationale Rampenlicht gerückt. Als frühes Werk, das nicht den heroischen, sondern einen ungewöhnlich jungen und verletzlichen Christus zeigt.

  Galerie: Bild der Woche 3

Die Französin hinter dem Palio-Sieg der Aquila

34 Jahre musste die Contrada dell’Aquila auf einen neuen Palio-Sieg warten. Als das von ihr betreute Pferd Diodoro mit Jockey Tittia den Palio gewann, jubelte zwischen den Sieneser Contradaioli auch eine Französin im gelben Hemd: die Tierärztin Jenna Viargues.

Seit 2024 betreut sie auf Einladung des Contrada-Kapitäns die Pferde der Aquila. Viargues bringt internationale Erfahrung und ergänzende Behandlungsmethoden wie Osteopathie mit. Und sie war nach eigenen Angaben die erste ausländische Frau, die innerhalb einer Contrada diese Aufgabe übernahm.

Ein selbstverständlicher Schritt war das nicht. Doch aus der zunächst fremden Veterinärin wurde schnell »eine von der Familie«. Schon als Kind hatte Viargues davon geträumt, einmal in Siena für eine Contrada zu arbeiten. Dass daraus gleich ein Palio-Sieg werden würde, hatte sie kaum zu hoffen gewagt.

Was von den Festtagen geblieben ist? Viel Lachen, große Freude, ein wenig Müdigkeit – und jede Menge Pasta. Ein ziemlich sienesisches Ende für eine französisch-italienische Erfolgsgeschichte.

  Galerie: Bilder der Woche 4 und 5

Florenz’ ältestes Kino beginnt eine neue Odyssee

Seit 1914 flimmern im Cinema Flora an der Piazza Dalmazia Filme über die Leinwand. Nun ist das älteste noch betriebene Kino von Florenz nach einer umfassenden Renovierung wieder geöffnet – ausgerechnet mit Christopher Nolans Odyssee.

Das Flora entstand mitten im damaligen Arbeiterviertel Rifredi. 1926 erhielt es einen zweiten Saal und wurde damit laut La Nazione zum ersten Multiplex Italiens. In seinen besten Jahren diente es auch als Theater: Walter Chiari, Adriano Celentano, Claudio Villa und ein noch junger Lino Banfi standen hier auf der Bühne. Donnerstags versammelte sich das Viertel vor dem Fernseher des Kinos, um gemeinsam die Quizshow Lascia o raddoppia? zu sehen.

Nach dem Umbau öffnen zunächst zwei Säle, im September sollen zwei weitere folgen – mit insgesamt rund 400 Plätzen, neuer Technik und 4K-Projektoren. Während anderswo historische Kinos schließen, bekommt Rifredi damit einen seiner wichtigsten Treffpunkte zurück.

Und wer der Florentiner Sommerhitze entkommen möchte: Im August zahlen Kinogäste über 65 Jahren täglich nur 6,50 Euro – Klimaanlage inklusive.

  Galerie: Bilder der Woche 6 und 7

Toskana Wochenschau: Oscar Isaac mit einem Manuskript in Julian Schnabels Film In the Hand of Dante
Oscar Isaac in Julian Schnabels In the Hand of Dante. Der Regisseur stellt den Film beim Lucca Film Festival vor.

Julian Schnabel bringt Dante nach Lucca

Beim Lucca Film Festival trifft Hollywood auf Dante: Der US-amerikanische Künstler und Regisseur Julian Schnabel wird bei der 22. Ausgabe vom 26. September bis 4. Oktober mit einem Preis für sein Lebenswerk geehrt.

Mit nach Lucca bringt er seinen jüngsten Film In the Hand of Dante, eine Adaption des Romans von Nick Tosches, der auf Netflix zu sehen ist. Darin sucht ein Schriftsteller nach dem Originalmanuskript der Göttlichen Komödie – mit einer Besetzung, die beinahe selbst ein Festival füllen könnte: Oscar Isaac, Gal Gadot, Gerard Butler, John Malkovich, Al Pacino, Martin Scorsese und Jason Momoa gehören zum Ensemble.

Schnabel wird außerdem an einer öffentlichen Masterclass im Cinema Astra teilnehmen; eine Retrospektive erinnert an Filme wie Basquiat, Schmetterling und Taucherglocke und Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit.

Junge Filmschaffende ab 16 Jahren können sich noch bis zum 15. August für den kostenlosen Drehbuchkurs Scrivere Cinema bewerben. 15 Plätze werden vergeben, das beste Projekt erhält 1.000 Euro für seine Weiterentwicklung.

Mit 70 zurück auf Anfang

Paolo Zampini und Riccardo Tesi kamen im Juli 1956 im selben Krankenhaus in Pistoia zur Welt – nur drei Tage voneinander entfernt. Mit 13 waren sie unzertrennlich und entdeckten gemeinsam Living in the Past von Jethro Tull. Dann verloren sie sich für fast ein halbes Jahrhundert aus den Augen.

Inzwischen hatten beide bemerkenswerte Musikerleben geführt. Zampini spielte Flöte im Orchester von Ennio Morricone und wirkte 1988 an der Aufnahme der Filmmusik zu Cinema Paradiso mit. Später wurde er Direktor des Florentiner Conservatorio Cherubini – ausgerechnet jenes Konservatorium, von dem er als junger Mann wegen zu vieler Fehlstunden verwiesen worden war.

Tesi wiederum wurde durch die toskanische Sängerin und Musikforscherin Caterina Bueno vom Psychologiestudium zur Musik gelockt und entwickelte sich zu einem der international bekanntesten Spieler des diatonischen Akkordeons.

Bei einem zufälligen Wiedersehen entstand die Idee, zum 70. Geburtstag endlich gemeinsam ein Album aufzunehmen. Camerock verbindet Kammermusik mit Progressive Rock, Jazz und mediterranen Klängen. Zampini schrieb dafür sogar das erste eigene Lied seines Lebens – gewidmet seiner Mutter.

Manche Freundschaften brauchen offenbar 50 Jahre Pause, bevor sie ihren richtigen Sound finden.

  Galerie: Bild der Woche 8


Damit endet unsere heutige Reise – nicht in Ithaka, sondern bei zwei alten Freunden. Das ist die schönste kleine Odyssee dieser Woche: Manche Umwege dauern eben etwas länger, führen aber trotzdem ans richtige Ziel.

Ob Croc Nessie bis dahin tatsächlich aus dem See auftaucht, bleibt abzuwarten. Masiano hat sein Ungeheuer jedenfalls längst ins Herz geschlossen. Und mir bleibt nur, für heute leise »Pow!« zu sagen und die Vespa zurück in den Hafen zu rollen.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael


Bilder der Woche

  • Toskana Wochenschau: freigelegte mittelalterliche Mauern bei den Tramarbeiten an der Piazza Beccaria in Florenz
  • Toskana Wochenschau: mutmaßlicher Krokodilkopf im See von Masiano bei Pistoia
  • Toskana Wochenschau: Michelangelos hölzernes Kruzifix in der Sakristei von Santo Spirito in Florenz
  • Toskana Wochenschau: Tierärztin Jenna Viargues begleitet Palio-Sieger Diodoro durch die jubelnde Menge in Siena
  • Toskana Wochenschau: Tierärztin Jenna Viargues feiert mit Pferd und Jockey den Palio-Sieg der Contrada dell’Aquila
  • Toskana Wochenschau: historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des Eingangs zum Cinema Flora in Florenz
  • Toskana Wochenschau: Fans bei einer Präsentation von Christopher Nolans Film Die Odyssee
  • Toskana Wochenschau: Die Musiker Paolo Zampini und Riccardo Tesi präsentieren ihr gemeinsames Projekt Camerock

 

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