Leben und Sterben in Italien – Von Zugluft und anderen tödlichen Gefahren

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Italien ist ein wunderbares Land. Die Sonne scheint, das Essen schmeckt, die Menschen genießen das Leben. Allerdings lauert der Tod an jeder Ecke. Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster. Eine kleine Betrachtung über italienische Lebensweisheiten, besorgte Mütter und meine beinahe tödliche Begegnung mit einer Klimaanlage.

Italien ist nichts für schwache Nerven

Manchmal schlägt mein Hirn die seltsamsten Brücken. Da denke ich über die lebensgefährlichen Dinge des italienischen Alltags nach, über Zugluft, Klimaanlagen und andere heimtückische Bedrohungen, und plötzlich habe ich einen Filmtitel im Kopf: Leben und Sterben in L.A.

William Friedkins Thriller von 1985 gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Keine Ahnung, warum, aber die harten, schmutzigen Cop-Filme der Achtzigerjahre haben es mir einfach angetan. Und Friedkins Film ist ein besonders dreckiges Exemplar. Willem Dafoe und William Petersen in einem moralisch abgründigen Thriller voller Gewalt, Korruption und durchtriebener Charaktere. Keine strahlenden Helden, keine sauberen Lösungen. Typisch Friedkin: kompromisslos, dreckig und ohne jede romantische Verklärung.

Während ich diese Zeilen schrieb, wurde mir übrigens klar, dass dieser Film längst einen eigenen Beitrag verdient hätte. Ein ausführlicher Filmrückblick folgt demnächst.

Aber zurück nach Italien. Denn der Filmtitel war plötzlich da, und aus Leben und Sterben in L.A. wurde kurzerhand Leben und Sterben in Italien.

Und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Schließlich lauern auch in Italien Gefahren, denen man besser nicht unvorbereitet begegnet. Allerdings braucht es dafür weder einen skrupellosen Geldfälscher noch eine halsbrecherische Geisterfahrer-Verfolgungsjagd durch Los Angeles. Manchmal genügt schon ein geöffnetes Fenster.

Wer längere Zeit in Italien gelebt hat, kennt sie: die unsichtbaren Gefahren des Alltags. Zugluft, Klimaanlagen, Regen, kalte Getränke oder ein Sprung ins Meer nach dem Mittagessen. Was anderswo als völlig normal gilt, kann in Italien besorgte Blicke, eindringliche Warnungen und gelegentlich regelrechte Rettungsmaßnahmen auslösen.

Und wehe, man nimmt diese Gefahren nicht ernst. Ich habe das selbst lernen müssen. Auf die harte Tour.

Typisch italienisch – wehender Stoff im Wind als Symbol für gefürchtete Zugluft
Ein bisschen Wind, ein wehender Stoff – und schon wird Zugluft zur typisch italienischen Gefahrenlage.

Il colpo d’aria – der unsichtbare Feind

Es gibt zwei Dinge, vor denen man sich in Italien besonders in Acht nehmen sollte: vor der Steuerbehörde und dem colpo d’aria. Während man dem Finanzamt unter Umständen noch ausweichen kann, ist der Luftzug praktisch allgegenwärtig.

»Attento, ti viene il colpo d’aria! – Pass auf, du bekommst Zugluft ab!«

Dieser Satz gehört zum italienischen Alltag wie der Espresso an die Bar. Er fällt, sobald irgendwo ein Fenster offensteht, zwei Türen gleichzeitig geöffnet werden oder eine Klimaanlage auch nur den Verdacht erweckt, kalte Luft zu verbreiten. Dass diese Angst tief in der italienischen Alltagskultur verwurzelt ist, zeigt sogar das Kino.

In Der gezähmte Widerspenstige von 1980 gibt es eine Szene, in der Adriano Celentano einen an Lungenentzündung erkrankten Bekannten besucht. Der arme Mann liegt im Bett und muss mit ansehen, wie sein Besucher ziemlich rücksichtslos durch sein Krankenzimmer marschiert. In seiner Verzweiflung ruft er immer wieder flehend:

»Il vento! La finestra! La porta! – Der Wind! Das Fenster! Die Tür!«

Das ist tatsächlich eine der wenigen Szenen, die mir von diesem Film geblieben sind. Mit diesen italienischen Klamaukkomödien konnte ich nie besonders viel anfangen. Aber man musste Adriano Celentanos Humor ja nicht unbedingt mögen, um diesen Film trotzdem sehenswert zu finden. Ich muss gestehen: Als junger Mann hatte ein Film mit Ornella Muti durchaus seine Reize. Und die lagen nicht unbedingt in der Qualität des Drehbuchs.

Aber dieser verzweifelte Kranke, der mehr Angst vor der offenen Tür und dem Fenster zu haben scheint als vor seiner eigentlichen Erkrankung, hat sich ebenfalls in meinem Gedächtnis festgesetzt. Vielleicht, weil ich später in Italien feststellen durfte, dass diese Szene gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist.

Besonders gefährdet sind dort nämlich Hals, Nacken und Rücken. Ein ungeschützter Nacken kann offenbar innerhalb weniger Minuten zu einem medizinischen Notfall werden. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn eine italienische Mutter ein geöffnetes Autofenster entdeckt. Schals sind deshalb keineswegs ausschließlich Winterbekleidung. Ein leichtes Tuch kann auch bei sommerlichen Temperaturen eine geradezu lebensrettende Funktion erfüllen.

Dabei ist colpo d’aria keine präzise medizinische Diagnose. Der Ausdruck beschreibt vielmehr eine verbreitete Vorstellung: Ein plötzlicher Luftzug oder Temperaturwechsel kann Beschwerden verursachen. Und tatsächlich können kalte Luft und verspannte Muskeln unangenehm zusammenwirken. Eine Infektionskrankheit entsteht dadurch allein allerdings nicht.

Das ändert wenig an der italienischen Überzeugung, dass ein ordentlich geschlossener Fensterflügel zu den wichtigsten Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge gehört. Und manchmal beginnt man sogar als Deutscher daran zu glauben.

Wie mich eine Klimaanlage beinahe killte

Es war Hochsommer, als ich mit dem Auto zu einigen Geschäftsterminen nach Italien fuhr. Draußen herrschten Temperaturen, bei denen man froh war, überhaupt eine Klimaanlage zu besitzen. Also schaltete ich sie ein. Was sollte schon passieren? Nun ja …

Als ich in Italien ankam, ging es mir bereits ziemlich schlecht. Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, ein völlig verspannter Oberkörper. Die Rippen schmerzten. Jede Bewegung wurde zu einer kleinen Verhandlung mit meinem Körper. Aber ich hatte Termine. Drei Tage lang. Also schleppte ich mich durch Besprechungen und Geschäftstreffen, während mein Körper offenbar bereits einen Antrag auf vorzeitige Stilllegung gestellt hatte.

In meiner Unterkunft in Sesto Fiorentino lief ebenfalls die Klimaanlage. Nach meinem Empfinden machte sie die Sache nicht unbedingt besser. Aber bei diesen Temperaturen wollte ich auf die Kühlung auch nicht verzichten. Ein Teufelskreis, gewissermaßen.

Auf der Rückreise wollte ich meine Freundin Sabina an einen idyllischen Bergsee in Österreich besuchen. Ein schöner Zwischenstopp, ein bisschen Zeit miteinander verbringen, gemeinsam essen, quatschen, in Erinnerungen schwelgen und anschließend weiter nach Hause. So war jedenfalls der Plan. Stattdessen landete ich mit Fieber und Schüttelfrost im Hotelbett.

Zwei Tage lag ich dort und fühlte mich hundeelend. Sabina kümmerte sich wunderbar, organisierte einen Arzt ins Hotel, was auch dringend nötig war. Schließlich hatte ich nicht damit gerechnet, unfreiwillig mehrere Tage in einem österreichischen Hotel verbringen zu müssen. Entsprechend unvorbereitet war ich auf diese Zwangspause.

Als ich schließlich wieder einigermaßen geradeaus gehen konnte und mir die Heimfahrt zutraute, hatte ich meine Konsequenzen gezogen. Ich setzte mich ins Auto, schaltete die Klimaanlage ein und bedeckte meinen gesamten Oberkörper mit einem Handtuch. Mitten im Hochsommer. Ich fuhr also durch die sommerliche Landschaft, eingewickelt wie ein schlecht verpacktes Möbelstück, und versuchte, jeden direkten Kontakt mit der gekühlten Luft zu vermeiden.

Ich kam wohlbehalten zu Hause an. Aber es dauerte noch volle drei Wochen, bis ich wieder vollständig genesen war. Irgendwo in Italien hätte eine Nonna wahrscheinlich zufrieden genickt:

»Hai visto? Te l’avevo detto. – Siehst du? Ich hab’s dir doch gesagt.«

Und ich musste mir eingestehen, dass ich nach dieser Reise dem italienischen colpo d’aria mit deutlich mehr Respekt begegnete. Ob begründet oder nicht. Das Handtuch hatte jedenfalls seinen festen Platz im Auto gefunden.

Nach dem Essen wird nicht geschwommen. Basta!

Neben der Zugluft gehört das Baden nach dem Essen zu den größten Gefahren des italienischen Sommers. Stellen wir uns einen herrlichen Augusttag an der italienischen Küste vor. Die Sonne scheint, das Meer glitzert, die Familie sitzt unter einem Sonnenschirm und hat gerade das Mittagessen beendet. Vielleicht eine Portion Pasta, etwas Obst und anschließend noch einen Espresso. Die Kinder wollen natürlich zurück ins Wasser. Aber daraus wird nichts.

»Devi aspettare tre ore! – Du musst drei Stunden warten!«

Drei Stunden! Eine halbe Ewigkeit, wenn man acht Jahre alt ist, das Meer direkt vor der Nase hat und die größte Herausforderung des Tages darin besteht, eine möglichst gewaltige Wasserfontäne beim Hineinspringen zu erzeugen.

Doch die italienische Mamma bleibt unerbittlich. Der Grund für diese Zwangspause trägt einen Namen, der bereits nach medizinischem Notfall klingt: congestione. Gemeint ist eine Störung der Verdauung, die angeblich auftreten kann, wenn man mit vollem Magen ins kalte Wasser springt. Krämpfe, Kreislaufprobleme, im schlimmsten Fall sogar Ertrinken. Und natürlich kennt irgendjemand immer jemanden, dem genau das schon einmal passiert sein soll.

Das Italienische Rote Kreuz klärt über solche sommerlichen Gesundheitsmythen auf: Die sogenannte congestione digestiva ist als eigenständiger medizinischer Begriff wissenschaftlich nicht eindeutig definiert. Mit anderen Worten: Ein bisschen Vorsicht ist vernünftig. Aber wer nach einem belegten Brötchen ins Meer steigt, begibt sich nicht automatisch in Lebensgefahr.

Eine italienische Nonna wird diese Informationen vermutlich interessiert zur Kenntnis nehmen. Anschließend wird sie auf ihre Uhr schauen und verkünden, dass noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten fehlen. Und wer darüber diskutieren möchte, bekommt möglicherweise gleich noch einen Vortrag über eiskalte Getränke. Denn die congestione lauert nach traditioneller Vorstellung nicht nur im Meer, sondern auch in einem Glas Wasser direkt aus dem Kühlschrank.

Manchmal frage ich mich, wie die Italiener es überhaupt schaffen, einen Sommer zu überleben. Andererseits: Vielleicht gehören solche Regeln einfach zum Familienleben. Man sitzt zusammen, isst gemeinsam, redet miteinander und bleibt anschließend noch eine Weile im Schatten. Und wenn die Kinder irgendwann endlich wieder ins Meer dürfen, ist längst Zeit für die nächste Mahlzeit.

Typisch italienisch – voller Strand von Tuerredda als Symbol für die Regel, nach dem Essen nicht schwimmen zu gehen
Mittagessen vorbei, Meer in Sicht – und trotzdem heißt es erst einmal warten. Basta.

Regen und die Gefahr der nassen Haare

Wer glaubt, mit dem colpo d’aria und der congestione seien die größten Gefahren des italienischen Alltags bereits abgehandelt, unterschätzt den Erfindungsreichtum besorgter italienischer Mütter. Nehmen wir beispielsweise nasse Haare. In Deutschland verlässt man nach dem Duschen durchaus einmal mit feuchten Haaren das Haus. Besonders im Sommer, wenn die Temperaturen ohnehin jenseits der dreißig Grad liegen. In Italien kann ein solches Verhalten dagegen ernsthafte Besorgnis auslösen.

»Asciugati i capelli! – Trockne dir die Haare!«

Und zwar ordentlich. Am besten mit dem Föhn. Denn wer mit nassen Haaren nach draußen geht, riskiert nach verbreiteter Überzeugung mindestens eine Erkältung, möglicherweise aber auch Schlimmeres. Dass Erkältungen durch Viren und nicht durch feuchte Frisuren verursacht werden, ist dabei ein medizinisches Detail, das in einer solchen Diskussion nicht unbedingt weiterhilft.

Ähnlich verhält es sich mit kalten Füßen. Barfuß auf Fliesen laufen? In italienischen Wohnungen kann man deshalb selbst im Hochsommer Menschen begegnen, die auf Hausschuhen bestehen, während draußen die Zikaden vor Hitze beinahe vom Baum fallen.

Und dann wäre da noch der Regen. Ein paar Tropfen auf dem Kopf können durchaus Anlass sein, sofort nach einem Regenschirm, einer Jacke oder zumindest einer geeigneten Kopfbedeckung zu suchen. Nicht unbedingt, weil man nass werden könnte, sondern weil die Nässe möglicherweise eine Erkrankung nach sich zieht.

Es ist ein bemerkenswertes System der Gesundheitsvorsorge, das den menschlichen Körper offenbar für erstaunlich widerstandsfähig gegen gutes Essen und Rotwein hält, ihn gleichzeitig aber durch eine feuchte Haarsträhne ernsthaft gefährdet sieht.

Sei una mozzarella!

Noch komplizierter wird es, wenn man im Sommer nicht die richtige Hautfarbe besitzt. Wer nach einigen Wochen italienischer Sonne immer noch auffällig blass ist, muss damit rechnen, als mozzarella bezeichnet zu werden.

»Sei una mozzarella! – Du bist ein Mozzarella!«

Gemeint ist natürlich nicht die kulinarische Qualität des Angesprochenen, sondern seine eher käsefarbene Erscheinung. Gebräunte Haut gilt vielerorts noch immer als Zeichen eines gelungenen Sommers. Wer dagegen aussieht, als hätte er die vergangenen drei Wochen ausschließlich im Keller verbracht, darf mit entsprechenden Kommentaren rechnen.

Es war der erste warme Frühlingstag in Leipzig, an dem man endlich kurze Hosen tragen konnte. Meine Bemerkung über meine mozzarellafarbenen Beine brachte nicht nur meine Begleiter, sondern auch die Gäste auf dem Freisitz eines Cafés zum Lachen.

Dabei ist die Sache aus medizinischer Sicht ausgerechnet hier umgekehrt. Übermäßige UV-Strahlung schädigt die Haut, erhöht das Hautkrebsrisiko und beschleunigt die Hautalterung. Eine gesunde Bräune im eigentlichen Sinne gibt es nicht.

Besonders hübsch finde ich den Widerspruch: Einerseits soll man sich unbedingt vor kaltem Wind, Regen und feuchten Haaren schützen. Andererseits darf man sich der prallen Sonne aussetzen, um bloß nicht wie ein Milchprodukt auszusehen. Der italienische Körper hat offenbar sehr individuelle Vorstellungen davon, was ihm gefährlich werden könnte.

Typisch italienisch – Mozzarella als augenzwinkerndes Symbol für auffallend blasse Haut im Sommer
Wer im italienischen Sommer auffallend blass bleibt, bekommt schon mal zu hören: „Sei una mozzarella!“

Zieh dir etwas über!

Und damit wären wir wieder bei einem der wichtigsten Sätze italienischer Familiengeschichte:

»Copriti! – Zieh dir etwas über!«

Dieser Satz kennt weder Altersgrenzen noch Jahreszeiten. Man kann fünfundfünfzig Jahre alt sein, einen verantwortungsvollen Beruf ausüben, ein Haus besitzen und seine Steuererklärung eigenständig erledigen. Wenn die eigene Mutter der Meinung ist, dass es draußen zu frisch ist, bleibt man trotzdem ein Kind, das dringend eine Jacke benötigt. Widerspruch ist zwecklos.

Die Küche als weiterer Gefahrenbereich

Wer glaubt, die italienischen Gefahren beschränkten sich auf Zugluft, Klimaanlagen und unvorsichtige Badeausflüge, hat vermutlich noch nie versucht, einem Römer eine Carbonara mit Sahne zu servieren. In Italien kann man nämlich auch am Herd in Schwierigkeiten geraten. Nicht unbedingt gesundheitlich, aber gesellschaftlich. Und manchmal fragt man sich, was schlimmer ist.

Nehmen wir die bereits erwähnte Carbonara. Eigentlich ein überschaubares Gericht. Pasta, Guanciale, Eier, Pecorino und schwarzer Pfeffer. Fertig. Doch wehe, jemand kommt auf die Idee, das Rezept ein wenig zu verändern. Mit Sahne beispielsweise. Oder gekochtem Schinken. Vielleicht sogar ein paar Zwiebeln.

Was in deutschen Küchen unter kreativer Freiheit durchgeht, kann in Rom eine Grundsatzdiskussion auslösen, deren Heftigkeit normalerweise politischen Debatten vorbehalten bleibt. Und versuchen Sie bloß nicht, sich mit dem Argument herauszureden, dass es Ihnen so besser schmeckt. Darum geht es nämlich überhaupt nicht.

Spaghetti werden nicht zerbrochen!

Ähnlich verhält es sich mit Spaghetti. Wer die langen Nudeln vor dem Kochen in zwei Hälften bricht, damit sie besser in den Topf passen, begeht nach Auffassung mancher Italiener einen Akt kulinarischer Barbarei. Dabei wäre die Lösung denkbar einfach: Man wartet einige Sekunden, bis die unteren Enden weich geworden sind, und schiebt den Rest vorsichtig ins kochende Wasser. Aber offenbar gibt es Menschen, die lieber ein jahrhundertealtes kulinarisches Selbstverständnis erschüttern, als dreißig Sekunden Geduld aufzubringen.

Auch die Sache mit dem Cappuccino kann heikel werden. Wer nach einem ausgiebigen Abendessen einen Cappuccino bestellt, wird ihn in aller Regel bekommen. Allerdings könnte der Kellner einen kurzen Moment innehalten.

Ein Cappuccino? Nach dem Abendessen?

Für viele Italiener gehört dieses Getränk zum Frühstück oder zumindest in die erste Tageshälfte. Nach einer Mahlzeit trinkt man gewöhnlich einen Espresso.

Natürlich wird niemand verhaftet, weil er um neun Uhr abends einen Cappuccino bestellt. Aber die Wahrscheinlichkeit, als Tourist erkannt zu werden, steigt beträchtlich.

Typisch italienisch – ältere Italienerin mit frischer Pasta als Symbol für Tradition und Küchenregeln
Trotz Zugluft, Badeverboten und strengen Küchenregeln kann man in Italien offenbar ein hohes Alter erreichen.

Wenn Nonna das wüsste!

Hinter dieser kulinarischen Strenge steckt allerdings mehr als die Freude daran, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Die italienische Küche ist eng mit regionalen Traditionen und Familiengeschichten verbunden. Was heute auf den Tisch kommt, wurde häufig schon von der Mutter oder Großmutter gekocht. Und deren Rezepte wiederum stammen nicht selten aus einer Zeit, in der man mit wenigen Zutaten auskommen musste. Aus dieser einfachen Küche, der cucina povera, sind viele Gerichte entstanden, die heute weltweit geschätzt werden.

Dabei gibt es keineswegs die eine, überall gültige italienische Küche. Schon zwischen benachbarten Orten können sich die Vorstellungen darüber unterscheiden, wie ein bestimmtes Gericht richtig zubereitet wird. Was in Bologna selbstverständlich ist, kann in Florenz bereits Stirnrunzeln auslösen. Und was eine sizilianische Nonna für unverzichtbar hält, muss ihre Kollegin aus dem Piemont noch lange nicht überzeugen.

Der Streit darüber, wie etwas gekocht werden muss, gehört gewissermaßen selbst zur kulinarischen Tradition. Und wehe, jemand behauptet, seine Großmutter habe das immer ganz anders gemacht. Dann wird aus einer harmlosen Unterhaltung schnell eine Angelegenheit von grundsätzlicher Bedeutung.

Es ist eben ein Unterschied, ob man ein Rezept verändert oder an einer Familienüberlieferung rüttelt. Deshalb sollte man in Italien beim Kochen vielleicht dieselbe Vorsicht walten lassen wie beim Öffnen eines Fensters. Erst nachdenken. Dann handeln. Und wenn man sich unsicher ist, fragt man am besten die Mamma. Die weiß es ohnehin besser.

La mamma – Italiens wichtigste Gesundheitsbehörde

Es gibt in Italien zahlreiche Einrichtungen, die sich um die Gesundheit der Bevölkerung kümmern. Krankenhäuser, Arztpraxen, Gesundheitsämter und ein staatliches Gesundheitssystem. Aber keine dieser Institutionen verfügt über eine derart umfassende Zuständigkeit wie die italienische Mamma. Sie weiß, wann es zu kalt ist. Wann man zu wenig gegessen hat. Wann man sich etwas überziehen sollte. Und vor allem, wann man besser auf sie gehört hätte.

Ihre medizinische Ausbildung besteht in vielen Fällen aus jahrzehntelanger Erfahrung, den Ratschlägen der eigenen Mutter und einer beachtlichen Sammlung von Geschichten darüber, was anderen Menschen bereits alles zugestoßen ist. Und ihre Autorität endet keineswegs mit der Volljährigkeit ihrer Kinder. Ein erwachsener Mann kann einen Betrieb führen, mehrere Angestellte beschäftigen und schwierige geschäftliche Entscheidungen treffen. Wenn seine Mutter findet, dass er zu dünn angezogen ist, wird er sich trotzdem rechtfertigen müssen.

»Ma mamma, non fa freddo! – Aber Mama, es ist doch gar nicht kalt!«

Ein schwaches Argument. Denn die Mamma weiß, dass es später kalt werden könnte. Oder dass irgendwo ein Fenster offensteht. Oder dass der Wind dreht. Und wenn sich ihr Sohn am nächsten Tag tatsächlich nicht wohlfühlt, folgt jener Satz, gegen den sämtliche medizinischen Fachpublikationen machtlos sind:

»Te l’avevo detto! – Ich hab’s dir doch gesagt!«

Hast du schon gegessen?

Eine weitere Kernkompetenz der italienischen Mamma ist die Ernährungsüberwachung.

»Hai mangiato? – Hast du gegessen?«

Diese Frage kann jederzeit gestellt werden. Auch dann, wenn man gerade vom Mittagessen kommt. Denn gegessen zu haben bedeutet schließlich noch lange nicht, ausreichend gegessen zu haben. Wer eine Einladung zum Essen bei einer italienischen Familie annimmt, sollte deshalb möglichst keine weiteren Verpflichtungen für den Nachmittag einplanen. Nach der Pasta folgt möglicherweise ein zweiter Gang. Dann etwas Gemüse, Obst, vielleicht noch ein Stück Kuchen. Und selbstverständlich ein Espresso.

»Prendine ancora un po‘! – Nimm doch noch ein bisschen!«

Wer ablehnt, muss damit rechnen, dass die Ablehnung als höfliche Zurückhaltung interpretiert wird. Also bekommt er vorsichtshalber doch noch etwas auf den Teller.

Es ist eine bemerkenswerte Form der Fürsorge: Einerseits wird man eindringlich vor sämtlichen Gefahren des Alltags gewarnt, andererseits soll man sich bei jeder Gelegenheit den Bauch vollschlagen. Und wehe, man will danach schwimmen gehen.

Fürsorge kennt keine Altersgrenze

Natürlich ist nicht jede italienische Mutter so. Und selbstverständlich gibt es überfürsorgliche Mütter auch in Deutschland. Aber die Figur der mamma italiana hat nicht ohne Grund einen festen Platz im kulturellen Selbstbild Italiens gefunden. Sie ist Familienmittelpunkt, Ratgeberin, Köchin, Organisatorin und gelegentlich auch eine Instanz, gegen deren Entscheidungen ein Widerspruch wenig Aussicht auf Erfolg hat.

Man kann darüber schmunzeln. Besonders dann, wenn ein erwachsener Mann von seiner Mutter angewiesen wird, sich gefälligst Hausschuhe anzuziehen.

Natürlich kann diese Fürsorge anstrengend werden. Zuweilen sogar ausgesprochen anstrengend. Vor allem, wenn man sich selbst durchaus in der Lage sieht, über die eigene Bekleidung und die erforderliche Kalorienzufuhr zu entscheiden. Aber vielleicht gehört auch das zur italienischen Lebensart: Dass man sich umeinander kümmert, selbst wenn der andere gerade überhaupt nicht darum gebeten hat. Und so wird aus einem scheinbar banalen Copriti! manchmal eine kleine Liebeserklärung. Wenn auch eine, die man vorzugsweise mit geschlossenen Fenstern entgegennimmt.

Zwischen Aberglauben und gesunder Vorsicht

Nach all den lebensbedrohlichen Gefahren des italienischen Alltags stellt sich natürlich eine Frage: Wie haben es die Italiener eigentlich geschafft, bis heute zu überleben?

Nun, ganz so dramatisch ist die Lage glücklicherweise nicht. Man sollte die italienischen Warnungen weder vollständig belächeln noch ungeprüft übernehmen. Denn wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Überlieferungen, persönlichen Erfahrungen und einer ordentlichen Portion Aberglauben.

Nehmen wir noch einmal den berüchtigten colpo d’aria. Zugluft allein verursacht keine Erkältung, dafür braucht es Krankheitserreger. Kalte Luft kann allerdings Muskelbeschwerden verstärken, und ungünstig eingestellte Klimaanlagen können die Schleimhäute reizen.

Es gibt also durchaus einen vernünftigen Kern hinter manchen Warnungen. Nur wird daraus im Laufe der Generationen gelegentlich eine Gewissheit, die keine Ausnahmen mehr zulässt. Aus »Ein kalter Luftzug kann unangenehm sein« wird irgendwann »Mach das Fenster zu, sonst wirst du krank!«. Und wer einmal krank geworden ist, nachdem er im Durchzug gesessen hat, wird diesen Zusammenhang vermutlich sein Leben lang nicht mehr infrage stellen. Ich kann das nachvollziehen. Schließlich habe ich selbst eine ziemlich eindrucksvolle Erfahrung mit Klimaanlagen gemacht.

Wenn die Erfahrung stärker ist als die Wissenschaft

Besonders interessant finde ich, wie solche Überzeugungen innerhalb von Familien weitergegeben werden. Die Großmutter hat es schon gesagt. Die Mutter hat es übernommen. Und irgendwann erklärt die erwachsene Tochter ihrem eigenen Kind, warum es auf keinen Fall mit nassen Haaren aus dem Haus gehen darf.

Hinzu kommt, dass unsere Erinnerung ausgesprochen wählerisch sein kann. Wer hundertmal mit nassen Haaren das Haus verlässt und gesund bleibt, wird sich daran kaum erinnern. Erwischt ihn beim hundertersten Mal eine Erkältung, ist der Schuldige dagegen schnell gefunden.

»Te l’avevo detto! – Ich hab’s dir doch gesagt!«

Und seien wir einmal ehrlich: Solche Überzeugungen sind keineswegs eine italienische Spezialität. Auch in Deutschland kennt man die Warnung vor kalten Füßen, nassen Haaren oder dem Sitzen auf einem kalten Stein.

Der Unterschied liegt vielleicht weniger in den Vorstellungen selbst als in der Begeisterung, mit der sie in Italien gelegentlich verteidigt werden.

Nicht jeder gute Rat braucht eine wissenschaftliche Studie

Allerdings wäre es ein Fehler, jede überlieferte Vorsichtsmaßnahme gleich als Unsinn abzutun. Wer bei großer Hitze ausreichend trinkt, sich vor übermäßiger Sonne schützt oder nach einem üppigen Essen nicht sofort sportliche Höchstleistungen vollbringt, handelt durchaus vernünftig. Und einen unangenehmen Luftzug aus einer Klimaanlage muss niemand tapfer ertragen, nur weil er keine Infektionskrankheit verursacht. Man darf schließlich ein Fenster schließen, einfach weil einem kalt ist.

Problematisch wird es erst, wenn aus einer möglichen Vorsichtsmaßnahme eine unumstößliche medizinische Wahrheit wird.

Doch im italienischen Familienalltag geht es häufig um etwas anderes als um wissenschaftliche Beweisführung. Wer einem anderen Menschen einen Schal reicht, möchte normalerweise keine medizinische These aufstellen. Er möchte verhindern, dass der andere friert.

Manchmal ist Fürsorge eben wichtiger als die Frage, wer Recht hat.

Typisch italienisch – Paar auf einer Terrasse mit Blick über die Hügel der Toskana
Auf sich achten, gut essen, das Wetter im Blick behalten und das Leben genießen – vielleicht steckt darin die italienische Kunst, am Leben zu bleiben.

Die italienische Kunst, am Leben zu bleiben

Je länger Italien Teil meines Lebens ist, desto mehr verstehe ich, dass hinter diesen scheinbar übertriebenen Warnungen etwas anderes steckt. Nicht nur Angst. Sondern Aufmerksamkeit. Man achtet auf sich. Auf den eigenen Körper. Auf das Essen. Auf das Wetter. Und vor allem auf die Menschen, die einem nahestehen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Italiener grundsätzlich vorsichtiger oder vernünftiger leben als andere Menschen. Wer sich einmal den italienischen Straßenverkehr angesehen hat, dürfte an dieser Theorie berechtigte Zweifel anmelden. Dort wird mitunter gefahren, als gäbe es weder ein Morgen noch eine Straßenverkehrsordnung. Aber wehe, der Beifahrer öffnet einen Spalt breit das Fenster. Dann hört der Spaß auf.

Es sind diese kleinen Widersprüche, die Italien für mich so liebenswert machen. Einerseits eine gewisse Unbekümmertheit, manchmal sogar ein bemerkenswerter Hang zum Risiko. Andererseits die beinahe rührende Sorge um einen ungeschützten Nacken oder ein Paar kalte Füße.

Ein Hai mangiato? kann mehr bedeuten als die Frage, ob man bereits gegessen hat. Ein Copriti! ist manchmal einfach nur eine andere Form von »Pass auf dich auf«. Und selbst das berühmte Te l’avevo detto! enthält neben einer gewissen Genugtuung oft auch die Erleichterung darüber, dass letztlich nichts Schlimmeres passiert ist.

Vielleicht gehört genau das zur italienischen Lebenskunst: Man möchte das Leben genießen, aber möglichst lange etwas davon haben. Man isst gemeinsam, streitet über Rezepte, kümmert sich umeinander und nimmt sich dabei gelegentlich ein bisschen zu wichtig. Auch das gehört dazu.

Ich jedenfalls habe in Italien gelernt, manche dieser Eigenheiten mit anderen Augen zu sehen. Nicht jede Warnung ist wissenschaftlich begründet. Nicht jeder gute Ratschlag muss befolgt werden. Und nicht jede italienische Mamma hat automatisch recht. Aber wenn sich jemand Gedanken darüber macht, ob ich friere, genug gegessen habe oder gesund nach Hause komme, dann ist das zunächst einmal etwas Schönes. Man muss ja nicht gleich eine medizinische Grundsatzdiskussion daraus machen.

Und was meine eigene Begegnung mit dem berüchtigten colpo d’aria betrifft? Ich weiß bis heute nicht, ob mir tatsächlich die Klimaanlagen zugesetzt haben oder ob ich damals schlicht eine ordentliche Infektion erwischt hatte. Aber eines weiß ich ganz sicher. Wenn ich im Hochsommer wieder einmal mit einem Handtuch um den Oberkörper im Auto sitze, um mich vor der kalten Luft zu schützen, dann ist das möglicherweise medizinisch vollkommen überflüssig. Doch irgendwo in Italien würde eine Nonna vermutlich zufrieden nicken.

»Hai visto? Te l’avevo detto. – Siehst du? Ich hab’s dir doch gesagt.«

Und manchmal ist es einfach klüger, einer italienischen Nonna nicht zu widersprechen.

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

Brief aus Italien

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