Lange Nasen, schwere Steine & schwarze Störche

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Die Toskana Wochenschau beginnt diesmal deshalb mit einer preisgekrönten Unverschämtheit.

Danach versuchen zwölf Männer, einem 15 Tonnen schweren Marmorblock Befehle zu erteilen. Eine Schwimmerin krault an einem Gummiband bis an die europäische Spitze, und drei seltene Schwarzstörche legen am Lago di Sibolla eine Reisepause ein. Zum Schluss wird es langsam dunkel: erst in den Weinbergen, dann auf der Piazza dei Miracoli und schließlich über der gesamten Toskana. Willkommen zur 18. Ausgabe.

Pinocchio, deine Mudda war ’ne Klobrille!

Pinocchio ist aus Holz. So weit, so wahr. Nur aus welchem Holz? Eine DNA-Analyse habe ergeben, behauptete Riccardo Bargiacchi beim diesjährigen Campionato della Bugia im Bergdorf Le Piastre bei Pistoia, dass der berühmteste Holzkopf der Toskana keineswegs aus dem Holz einer Pinie geschnitzt wurde. Seine Herkunft sei erheblich weniger poetisch: Pinocchio war einmal ein Toilettensitz.

Damit gewann Bargiacchi die 50. Ausgabe der italienischen Lügenmeisterschaft. Ich musste sofort an die berüchtigten „Deine Mudda“-Witze denken. Nach jahrzehntelangem Schulhoftraining haben sie in der Toskana offenbar ihre kulturhistorische Vollendung gefunden.

Was wie eine besonders respektlose Fußnote zu Carlo Collodis Kinderbuch klingt, war natürlich weder wissenschaftliche Erkenntnis noch ernst gemeinte Literaturkritik. Es war eine preisgekrönte Lüge – und genau darum geht es in Le Piastre seit einem halben Jahrhundert. Zur Jubiläumsausgabe beteiligten sich 384 Lügner aus 47 Ländern an fünf verschiedenen Wettbewerben.

Ausgezeichnet wurde auch der Literaturwissenschaftler Giovanni Capecchi, der seit vielen Jahren über Pinocchio forscht. Er hat zwei Bücher über Collodis Holzjungen veröffentlicht und den Pinocchio-Atlas des italienischen Lexikonverlags Treccani herausgegeben. Seine jüngste These klingt ebenfalls nach einem Beitrag zur Lügenmeisterschaft: Pinocchio sei gar kein Lügner. Warum das so sein soll, ließ sich leider nicht zweifelsfrei ermitteln. Vielleicht gehört genau das aber bereits zum Spiel.

Die Lügen von Le Piastre sollen künftig sogar ein dauerhaftes Zuhause bekommen. Im ehemaligen Kino des Dorfes ist das Spazio Bugia geplant: ein Ort, der die Geschichte des Wettbewerbs bewahrt und zugleich Bühne für neue Flunkereien wird.

Ein altes Dorfkino als Museum der Lüge – das passt erstaunlich gut. Schließlich waren Kinos schon immer Orte, an denen uns jemand im Dunkeln die unglaublichsten Geschichten erzählte. Und wir nur zu gern bereit waren, sie für eine Weile zu glauben.

Lizzatura in Resceto: Männer bringen einen schweren Marmorblock auf Holzstangen ins Tal – Toskana Wochenschau
Bei der Lizzatura in Resceto wird ein 15 Tonnen schwerer Marmorblock mit Seilen und Holzstangen talwärts bewegt.

Lizzatura in Resceto:
Ein Tanz mit 15 Tonnen Marmor

Bevor sich der Marmor bewegt, wird gebetet. Die zwölf Männer bekreuzigen sich, sprechen gemeinsam das Vaterunser und rufen den heiligen Antonius an. Dann nehmen sie ihre Plätze ein. Vor ihnen liegt ein rund 15 Tonnen schwerer Block aus grauem Bardiglio-Marmor, hinter ihnen die steilen Hänge der Apuanischen Alpen.

Am 1. August ist in Resceto bei Massa die Lizzatura wieder lebendig geworden: jene jahrhundertealte Methode, mit der Arbeiter gewaltige Steinblöcke ohne Maschinen aus den Brüchen ins Tal beförderten. Auf hölzernen Schlitten wurden sie über abschüssige Geröllwege hinabgelassen – gebremst mit Seilen, Holzstangen und der eigenen Körperkraft.

Die Arbeit begann früher lange vor Sonnenaufgang. Die Männer stiegen mit Seilen, Hämmern und schweren Stangen zu den Brüchen hinauf. Selbst die grünen Seifenstücke in ihrer Ausrüstung hatten einen Zweck: Sie machten das Holz geschmeidig, über das die Last talwärts glitt. Ein falscher Handgriff oder ein gerissenes Seil konnte den Marmor in eine tödliche Lawine verwandeln.

Auch bei der heutigen Vorführung folgt jeder den Kommandos des capo-lizza Umberto Bonini, den alle Bolan nennen. Auf sein Zeichen lockern die Männer gemeinsam die Seile. Während der Block vorwärtsrutscht, ziehen andere die freigewordenen Stangen hervor und legen sie wieder vor den Schlitten. Von außen wirkt das beinahe wie ein Tanz – nur dass ein einziger Fehler genügt, um 15 Tonnen außer Kontrolle geraten zu lassen.

Für Resceto ist die Lizzatura deshalb mehr als die Vorführung eines alten Handwerks. Sie erinnert an Männer, die diese gefährliche Arbeit nicht aus Abenteuerlust verrichteten, sondern um ihre Familien zu ernähren. Zugleich versucht der Verein Resceto Vive, damit auch das Dorf lebendig zu halten. Bis in die 1980er-Jahre wohnten dort noch etwa 200 Menschen, heute sind es nur noch 80.

Die Strecke beträgt inzwischen kaum mehr als hundert Meter. Sie genügt, um zu verstehen, was es einst bedeutete, einem 15 Tonnen schweren Stein vorzuschreiben, wohin er sich bewegen darf.

Galerie: Bilder der Woche 1 und 2

Ginevra Taddeucci:
Mit einem Gummiband zu Gold in der Seine

Ausgerechnet eine Freiwasserschwimmerin trainierte zeitweise, ohne einen einzigen Meter voranzukommen. Während der Pandemie baute Massimiliano Taddeucci seiner Tochter Ginevra ein kleines Schwimmbecken in den heimischen Garten. Für richtige Bahnen reichte der Platz nicht. Also wurde die Schwimmerin an einem Gummiband befestigt und kraulte auf der Stelle gegen dessen Widerstand an.

Sechs Jahre später gewann die 29-Jährige aus Lastra a Signa bei den Europameisterschaften in Paris sowohl über fünf als auch über zehn Kilometer im Freiwasser. Als erste Italienerin holte sie beide Titel bei derselben EM – ausgerechnet in jener Seine, in der sie bereits bei den Olympischen Spielen 2024 Bronze gewonnen hatte.

Begonnen hatte alles weit weniger zielstrebig. Mit neun Jahren hatte Ginevra genug vom Tanzunterricht und wollte lieber schwimmen. In einem Hallenbad in Empoli fiel ihr Talent auf, später wurde Giovanni Pistelli ihr Trainer. Ihre Eltern begleiteten sie, hielten sich nach Aussage ihres Vaters aber bewusst im Hintergrund: Die sportlichen Entscheidungen sollte Ginevra selbst treffen.

Der Weg an die europäische Spitze verlief dennoch nicht geradlinig. Weil sie häufig müde war, wurde bei ihr Zöliakie festgestellt. Nachdem sie ihre Ernährung umgestellt hatte, verbesserten sich auch ihre Leistungen deutlich.

Heute trainiert Ginevra Taddeucci zwischen Lastra a Signa, Fucecchio und Piombino. In ihrer Heimatgemeinde besitzt sie sogar einen Schlüssel zum Schwimmbad und bekommt bei Bedarf eine eigene Bahn reserviert.

Das Gartenbecken mit dem Gummiband dürfte sie inzwischen nicht mehr benötigen. Aber die Vorstellung gefällt mir: Eine der besten Freiwasserschwimmerinnen Europas bereitete sich auf viele Kilometer in Flüssen und Seen vor, indem sie im Garten ihres Elternhauses hartnäckig auf der Stelle schwamm.

Galerie: Bilder der Woche 3 und 4

Drei Schwarzstörche machen Rast
am Lago di Sibolla

Störche haben bekanntlich ein enges Verhältnis zu uns Menschen. Sie nisten auf Dächern, bringen angeblich Kinder und stehen gelegentlich mit nur einem Bein in deutschen Vorgärten. Zumindest gilt das für den Weißstorch. Sein schwarzer Verwandter hält von menschlicher Gesellschaft deutlich weniger.

Die Schwarzstörche leben bevorzugt in abgelegenen Wäldern und ungestörten Feuchtgebieten. Umso besonderer war der Besuch dreier Jungvögel am Lago di Sibolla bei Altopascio. Auf ihrer Reise aus den europäischen Brutgebieten nach Afrika machten sie in dem kleinen toskanischen Naturschutzgebiet Rast. In jüngerer Zeit wurde dort nur ein einziges weiteres Mal ein Schwarzstorch beobachtet.

In Italien war die Art fast ein Jahrtausend lang als Brutvogel verschwunden. Erst 1994 nistete wieder ein Paar auf der Halbinsel. Inzwischen werden landesweit etwa vierzig Brutpaare gezählt – eine erfreuliche Rückkehr, auch wenn der Schwarzstorch weiterhin als gefährdet gilt.

Dass sich gleich drei der seltenen Reisenden am Lago di Sibolla niederließen, ist deshalb mehr als eine hübsche Vogelbeobachtung. Die kleine Reserve liegt zwischen dem Padule di Fucecchio und der Ebene von Bientina und bietet inzwischen 165 Vogelarten Schutz. Für Zugvögel ist sie Rastplatz, Winterquartier und offenbar manchmal auch ein stilles Hotel auf dem Weg nach Afrika.

Die Mitarbeiter der LIPU hoffen nun, dass aus dem seltenen Zwischenstopp eine feste Reiseroute wird. Viel Aufhebens werden die Schwarzstörche darum vermutlich nicht machen. Wer fast tausend Jahre lang Abstand zu den Menschen gehalten hat, reist lieber unbemerkt.

Galerie: Bilder der Woche 5 und 6

Calici di Stelle 2026:
Ein Glas Wein unter toskanischen Sternen

In den kommenden Nächten werden in der Toskana nicht nur die Sterne gezählt, sondern auch die Weingläser. Noch bis zum 16. August verbindet das Festival Calici di Stelle mehr als 50 Veranstaltungen in rund 30 Weingütern und neun Gemeinden: mit Abendessen zwischen den Reben, nächtlichen Kellereibesichtigungen, Picknicks bei Sonnenuntergang und astronomischen Beobachtungen.

Dabei nutzt jedes Weingut den Himmel auf seine Weise. In Lamole führen abendliche Spaziergänge durch die Weinberge zum Picknick im Sonnenuntergang. Die Fattoria Lavacchio im Chianti Rùfina lädt am 9. August zu einem „Wish upon a Star“-Picknick ein. Einen Tag später treffen bei der Tenuta di Nozzole in Greve in Chianti vierzig Jahrgänge Chardonnay auf Grillkunst, Livemusik und Astronomie.

Besonders reizvoll klingt eine Idee aus Montalcino: Das Weingut Podere La Vigna reduziert am 14. August bewusst die künstliche Beleuchtung, damit die Gäste ihren Brunello unter einem möglichst ungestörten Nachthimmel probieren können. In der Maremma wiederum stehen professionelle Teleskope bereit, während die Tenuta Fertuna Filmmusik mit einem Vortrag über Astrophysik verbindet.

Calici di Stelle gibt es bereits seit 1996. Inzwischen zählt es zu den bekanntesten Weinfesten Italiens und lockte im vergangenen Jahr mehr als eine Million Besucher an. Der Wein ist dabei längst nicht mehr der einzige Grund, hinauszufahren. Die toskanischen Güter machen ihre Landschaft, ihre Geschichte und sogar die Dunkelheit zum Teil des Erlebnisses.

In einer Woche, in der über der Toskana erst die Sonne als schmale Sichel untergeht und anschließend die Perseiden erscheinen, könnte man sich kaum einen passenderen Platz dafür wünschen als einen Weinberg. Das richtige Glas für die Himmelsbeobachtung steht dort schließlich schon bereit.

Galerie: Bilder der Woche 7 und 8

Orchester bei der Notte dei Miracoli vor dem beleuchteten Dom von Pisa – Toskana Wochenschau
Bei der Notte dei Miracoli erklingt auf der Piazza dei Miracoli eine Operngala vor den rot beleuchteten Monumenten.

Notte dei Miracoli:
Pisa feiert den Geburtstag seines Turms

Geburtstagskinder stehen gewöhnlich im Mittelpunkt ihrer Feier. In Pisa darf das berühmteste von ihnen am Sonntagabend allerdings nur leuchten und gut aussehen: Der Schiefe Turm schließt vorzeitig für Besucher und dient als Kulisse für die Notte dei Miracoli.

Gefeiert wird ein Datum, ohne das Pisa heute um ein Wahrzeichen ärmer wäre. Am 9. August 1173 wurde der Grundstein des Campanile gelegt. Genau 853 Jahre später erklingen zu seinen Füßen Arien von Puccini, Bizet und Offenbach sowie Filmmusik von Ennio Morricone und Nino Rota. Der Tenor Francesco Meli, die Sopranistin Mariam Battistelli und die Mezzosopranistin Cristina Mosca treten gemeinsam mit der Orchestra Filarmonica Italiana auf.

Auch die übrigen Monumente der Piazza dei Miracoli beteiligen sich an der Feier. Zwischen 20.30 und 23.30 Uhr können der Dom, das Baptisterium, der Camposanto sowie das Museo dell’Opera del Duomo und das Museo delle Sinopie kostenlos besucht werden. Für die meisten Gebäude ist eine Reservierung erforderlich, der Dom öffnet mit begrenztem Einlass auch ohne Anmeldung.

Die Notte dei Miracoli in Pisa findet erst seit 2023 statt. Trotzdem wirkt die Idee, den Turm mit einer Operngala zu feiern, bereits erstaunlich selbstverständlich. Schließlich hat sich das Geburtstagskind 853 Jahre lang darum bemüht, aufzufallen. Da darf es sich an seinem Ehrentag ruhig zurücklehnen. Nur bitte nicht noch weiter.

Galerie: Bild der Woche 9

Wenn die Sonne als Sichel untergeht

Am kommenden Mittwoch, dem 12. August, verschwindet die Sonne über der Toskana – allerdings nicht vollständig. Gegen 19.30 Uhr beginnt eine partielle Sonnenfinsternis. Während der Mond immer weiter vor die Sonnenscheibe wandert, sinkt diese zugleich dem westlichen Horizont entgegen. Einen eigentlichen Höhepunkt gibt es deshalb nicht: Die Sonne geht zwischen 20.20 und 20.28 Uhr unter, während die Finsternis noch zunimmt.

Die besten Aussichten bietet die nordtoskanische Küste. In der Versilia sowie an den Küsten von Pisa und Livorno werden beim Sonnenuntergang etwa 93 bis 94 Prozent der Sonnenscheibe verdeckt sein. In Florenz, Prato und Pistoia sind es bis zu 92 Prozent. Entscheidend ist ein möglichst freier Blick nach Westen – schon ein Berg oder Hügel am Horizont kann das Schauspiel vorzeitig beenden.

Wer die Sonnenfinsternis in der Toskana beobachten möchte, braucht unbedingt eine zertifizierte Sonnenfinsternisbrille. Gewöhnliche Sonnenbrillen schützen die Augen nicht.

Nach dem Sonnenuntergang geht das Schauspiel am Himmel weiter: In der Nacht vom 12. auf den 13. August erreichen die Perseiden ihren Höhepunkt. Weil zugleich Neumond ist, dürfte das Licht der Sternschnuppen besonders gut zu sehen sein. Erst verabschiedet sich die Sonne als schmale Sichel, danach beginnt der Himmel zu fallen.


Sollte am Mittwoch also jemand behaupten, die Sonne verschwinde über der Toskana, ist das ausnahmsweise keine preisgekrönte Lüge. Bis nächsten Freitag!

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael


Bilder der Woche

  • Lizzatura in Resceto: Männer bewegen einen schweren Marmorblock mit Seilen und Holzstangen ins Tal – Toskana Wochenschau
  • Lizzatura in Resceto: Arbeiter bewegen einen Marmorblock vor zahlreichen Zuschauern talwärts – Toskana Wochenschau
  • Freiwasserschwimmerin Ginevra Taddeucci mit Goldmedaille bei der EM in Paris – Toskana Wochenschau
  • Freiwasserschwimmerin Ginevra Taddeucci auf einer Vespa in Lastra a Signa – Toskana Wochenschau
  • Schwarzstorch im Flug über dem Naturschutzgebiet Lago di Sibolla – Toskana Wochenschau
  • Junger Schwarzstorch mit ausgebreiteten Flügeln am Lago di Sibolla – Toskana Wochenschau
  • Frau betrachtet bei Calici di Stelle eine Sternenkarte im nächtlichen Weinberg – Toskana Wochenschau
  • Weinflasche und Glas bei Kerzenschein während der Calici di Stelle – Toskana Wochenschau
  • Nächtlicher Blick über die Piazza dei Miracoli mit Baptisterium, Dom und Schiefem Turm von Pisa – Toskana Wochenschau

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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