Willkommen zu einer neuen Toskana Wochenschau – mit Geschichten zwischen jahrhundertealten Ritualen, verrückten Ideen und kleinen Momenten.
Diese Woche reisen wir nach Siena, wo ein jahrhundertealtes Rennen selbst dann seinen Zauber nicht verliert, wenn der Himmel andere Pläne hat. Wir schauen nach Pisa, wo ein Kindheitstraum aus Papier plötzlich Weltrekordformat bekommt. Und wir landen in Florenz, wo aus kleinen Flunkereien eine eigene Kunstform geworden ist. Dazwischen begegnen wir Menschen, die alte Traditionen bewahren, jungen Ideen, die Wurzeln schlagen, und Meisterwerken der Renaissance, die mit moderner Technik in die Zukunft geführt werden.
Kurz gesagt: eine Woche voller Geschichten, die zeigen, warum die Toskana gerade dort am spannendsten ist, wo man gar nicht gesucht hätte.
Der Palio von Siena:
Wenn eine Stadt für 90 Sekunden den Atem anhält
Eigentlich hätte am 2. Juli wieder alles seinen gewohnten Gang nehmen sollen. Die Fahnen der Contrade sollten über Siena wehen, die Piazza del Campo sollte beben, und zehn Pferde sollten in einem der berühmtesten Rennen Italiens gegeneinander antreten.
Doch dann kam der Regen. Zum dritten Mal in drei Jahren musste der Palio di Provenzano verschoben werden. Ausgerechnet etwas so Alltägliches wie Regen bremste eine der ältesten Traditionen Sienas. Denn auf der Piazza del Campo wird nicht einfach ein Rennen vorbereitet. Der Platz verwandelt sich für wenige Tage in eine Arena, bedeckt mit einer Schicht aus tufo – einem speziellen Sandboden, der den historischen Platz zur Rennbahn macht. Ist dieser Boden nicht sicher, wartet Siena.
Und gerade dieses Warten erzählt viel über den Palio. Denn wer den Palio nur als Pferderennen betrachtet, wird Siena nie verstehen. Die drei Runden um die Piazza dauern kaum länger als eine Minute. Doch diese eine Minute trägt Jahrhunderte Geschichte.
Die eigentlichen Hauptdarsteller sind die Contrade – die historischen Stadtviertel Sienas. Siebzehn gibt es davon, mit eigenen Farben, Wappen, Museen, Traditionen und einer Zugehörigkeit, die viele Sieneser ein Leben lang begleitet. Man wohnt nicht einfach in einer Contrada. Man gehört dazu.
Auch der Preis erzählt davon. Kein Pokal, kein Geldbetrag wartet auf den Sieger, sondern der Drappellone, von den Sienesern liebevoll Cencio genannt – ein bemaltes Seidenbanner, das jedes Jahr neu von einem Künstler gestaltet wird und anschließend Teil der Geschichte der siegreichen Contrada wird.
Schon Reisende vergangener Jahrhunderte berichteten staunend mit einer Mischung aus Faszination und Verwunderung vor diesem Schauspiel. Sie sahen die prachtvollen Umzüge, die Begeisterung der Menschen und versuchten zu begreifen, warum ein Pferd eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand versetzen kann.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Palio: Er will gar kein Spektakel für Besucher sein. Siena veranstaltet den Palio nicht für die Welt. Die Welt darf nur zuschauen.
Galerie: Bilder der Woche 1 bis 4
Valerio, der letzte Cocomeraio von Florenz
Es gibt Dinge, die verschwinden nicht plötzlich. Sie werden einfach weniger. Ein Laden schließt. Ein Handwerker hört auf. Eine Tradition findet keinen Nachfolger. Und irgendwann bemerkt man, dass etwas fehlt, was früher selbstverständlich war.
In Florenz passiert das gerade mit den Cocomerai.
Wer früher an warmen Sommerabenden durch die Stadt lief, fand sie überall: kleine Stände, an denen große Wassermelonen aufgeschnitten wurden. Keine Plastikschale aus dem Kühlregal, keine vorgeschnittenen Würfel für unterwegs. Sondern eine dicke Scheibe Wassermelone, frisch geschnitten direkt vom Messer, gegessen noch vor Ort.
Einer der letzten, der diese Tradition noch lebt, ist Valerio Lo Buono an der Certosa von Florenz. Schon als Zehnjähriger stand er zwischen den Melonen. Damals führte sein Vater Calogero den Stand, später übernahm Valerio selbst. Jeden Sommer baut er seinen kleinen Kiosk wieder auf – so wie früher.
Die Melonen kommen aus Mantua, manche wiegen mehr als 25 Kilo. Aber eigentlich geht es bei Valerio gar nicht nur um Wassermelonen. »Hier isst man nicht einfach und geht wieder«, sagt er. Die Menschen bleiben stehen. Sie reden. Manche kommen seit Jahren vorbei. Andere entdecken den kleinen Stand zufällig und setzen sich für ein paar Minuten in einen Florentiner Sommer, der ein wenig langsamer tickt.
Früher gab es viele dieser Orte. Heute kaufen die meisten ihre Wassermelone im Supermarkt. Praktisch, sauber, schnell. Aber vielleicht geht dabei etwas verloren, das man nicht in Kilogramm messen kann. Der Geschmack einer Wassermelone lässt sich ersetzen. Die Menschen dahinter nicht.
Galerie: Bild der Woche 5
Icarus aus Pisa – der größte Papierflieger der Welt
Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Papierflugzeug noch einmal begeistern kann. Irgendwann zwischen Klassenzimmern, Schulheften und der Frage, wessen Flieger wohl am weitesten kommt, verschwindet diese kleine Faszination meistens irgendwo in der Kindheit.
Nicht so in Pisa. Studierende der Ingenieursfakultät der Universität Pisa haben aus einer Idee, die zunächst fast wie ein Scherz klang, ein echtes Forschungsprojekt gemacht: Icarus. Das Ziel? Den größten Papierflieger der Welt bauen.
Nicht aus Spezialmaterialien, nicht aus Carbon oder Hightech-Fasern. Nur aus Papier und Klebstoff. Was folgte, waren Monate voller Berechnungen, Simulationen, Fehlversuche und neuer Anläufe.
Am Ende stand ein Papierflugzeug mit einer Spannweite von 20 Metern und einer Länge von 7 Metern. Und ja – es flog.
Beim »We Make Future« in Bologna hob Icarus tatsächlich ab und segelte 59 Meter weit. Genug für einen neuen Guinness-Weltrekord und um den bisherigen Rekord aus Deutschland nach 13 Jahren zu übertreffen.
Die Studierenden beschrieben es vielleicht selbst am schönsten: Angefangen habe alles mit ein paar Papierfliegern zwischen den Vorlesungen. Doch mit der richtigen Methode könne selbst ein Stück Papier zu echter Ingenieurskunst werden.
Vielleicht passt genau das wunderbar zu Pisa. Eine Stadt, in der man seit Jahrhunderten neugierig ausprobiert, was passiert, wenn man Dinge einfach mal macht.
Galerie: Bilder der Woche 6 und 7
Villa Celle –
ein Obstgarten als Gedächtnis der Toskana
Ein Archiv aus Bäumen, Blüten und Früchten? In der Fattoria di Celle bei Pistoia gibt es genau das.
In der Fattoria di Celle bei Pistoia ist ein Stück toskanische Geschichte zurückgekehrt: der historische pomario, ein traditioneller Obstgarten, in dem alte regionale Sorten bewahrt werden.
Dort wachsen nun wieder Früchte, deren Namen fast schon nach kleinen Geschichten klingen: die Birne »Coscia di Firenze«, Feigen, Pflaumen und seltene Kirschsorten. Sorten, die nicht dafür entstanden sind, möglichst gleich auszusehen oder perfekt in eine Supermarktkiste zu passen. Sondern weil sie zu einem Ort gehörten.
Besonders schön an diesem Projekt: Es waren junge Menschen, die diese Vergangenheit wieder eingepflanzt haben. Schülerinnen und Schüler des Agrarinstituts De Franceschi-Pacinotti aus Pistoia setzten die neuen Bäume und beschäftigten sich vorher intensiv damit, wie ein solcher Obstgarten früher angelegt wurde.
Dafür griffen sie nicht nur zu modernen Fachbüchern. Sie suchten sogar in alten Schulheften aus dem Jahr 1929 nach Hinweisen, wie frühere Generationen ihre Obstgärten pflegten. Fast ein Jahrhundert später wurden diese Notizen wieder zu einer Anleitung.
Die Fattoria di Celle war bereits vorher ein besonderer Ort. Bekannt wurde sie durch ihre Sammlung von Umweltkunst mit zahlreichen Installationen internationaler Künstler.
Nun steht dort eine weitere Sammlung. Keine aus Stein, Metall oder Farbe. Sondern eine, die Wurzeln schlägt, Blüten trägt und irgendwann wieder Früchte schenkt.
Galerie: Bild der Woche 8
Cappella Brancacci:
Wenn die Renaissance die Zukunft testet
Ob Masaccio wohl geahnt hätte, dass seine Fresken eines Tages von Sensoren, künstlicher Intelligenz und digitalen Modellen überwacht werden?
In Florenz ist die Cappella Brancacci in der Kirche Santa Maria del Carmine zu einem europäischen Versuchslabor geworden. Ausgerechnet jener Ort, an dem Masaccio, Masolino und später Filippino Lippi mit ihren Fresken eines der großen Meisterwerke der Frührenaissance geschaffen haben.
Fast 600 Jahre alte Kunst trifft hier auf modernste Technik. Im Rahmen des europäischen Projekts AccesS wird getestet, wie historische Orte zugänglicher werden können, ohne ihren empfindlichen Charakter zu verlieren.
Denn die Herausforderung ist groß: Wie bringt man Menschen näher an Kunst heran, die man gleichzeitig schützen muss?
Neue Sensoren überwachen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftqualität. Besucherströme werden analysiert, ohne persönliche Daten zu speichern. Künstliche Intelligenz und digitale Modelle sollen dabei helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die Fresken besser zu bewahren.
Doch der vielleicht schönste Teil des Projekts lässt sich nicht in Daten messen.
Ein Tastmodell der Szene »Die Heilung des Gelähmten und die Auferweckung der Tabita« ermöglicht blinden und sehbehinderten Menschen einen neuen Zugang zu Masaccios Kunst. Ein Fresko, das jahrhundertelang nur betrachtet werden konnte, wird plötzlich erfahrbar.
Die Brancacci-Kapelle zeigt damit, dass Tradition und Zukunft keine Gegensätze sein müssen.
Ein Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert bekommt Hilfe aus dem 21. Jahrhundert, damit seine Geschichte weiter erzählt werden kann.
Galerie: Bild der Woche 9
Lucca Summer Festival: Die Stadt wird zur Bühne
In Lucca haben es Musiker traditionell schwer. Nicht wegen des Publikums – sondern wegen der Konkurrenz. Denn bevor der erste Ton gespielt wird, hat die Stadt selbst schon ihren Auftritt.
Seit Ende der 1990er-Jahre verwandelt das Lucca Summer Festival die historische Altstadt jeden Sommer in einen Treffpunkt für Musikfans aus aller Welt. Zwischen alten Mauern, engen Gassen und der Piazza Napoleone stehen plötzlich Künstler auf der Bühne, die sonst die großen Hallen dieser Welt füllen.
Auch 2026 liest sich das Programm wieder wie eine kleine Reise durch die Musikgeschichte.
Ludovico Einaudi eröffnet das Festival mit seinen leisen Klavierwelten. Danach folgen unter anderem David Byrne, Katy Perry, Zucchero, Jamiroquai, Tom Jones und Nick Cave.
Eine Mischung, die auf dem Papier kaum zusammenpassen dürfte – und gerade deshalb funktioniert.
Vielleicht ist genau das der besondere Reiz solcher Sommerabende in Italien. Tagsüber erzählt eine Stadt ihre jahrhundertealten Geschichten aus Stein. Und wenn die Sonne untergeht, kommen neue Geschichten dazu.
Mit ein paar Gitarren, einem Klavier und mit Tausenden Menschen, die gemeinsam unter freiem Himmel singen.
Galerie: Bild der Woche 10

Pinocchio und die Kunst,
die schönsten Lügen zu erzählen
Eine Weltmeisterschaft im Lügen? Ausgerechnet in der Heimat von Pinocchio klingt diese Idee fast zu passend, um wahr zu sein.
Doch in der Toskana wird daraus keine schnelle Spaßveranstaltung, sondern eine Tradition mit eigener Akademie, festen Regeln und inzwischen einem halben Jahrhundert Geschichte.
Seit 50 Jahren trifft man sich im kleinen Ort Le Piastre bei Pistoia zum Campionato della Bugia – der Meisterschaft der Lüge. Gesucht werden allerdings keine Betrüger, sondern Menschen mit Fantasie, Humor und der Fähigkeit, eine gute Geschichte zu erzählen.
In diesem Jahr führt der Weg der Lügner zunächst nach Florenz. Die Auswahlrunde findet im Mercato Centrale statt. Und der Ort ist nicht zufällig gewählt.
2026 erinnert Florenz an den 200. Geburtstag von Carlo Lorenzini, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen Collodi. Nur wenige Schritte vom Markt entfernt wurde der Schöpfer von Pinocchio geboren. Und genau hier soll er später regelmäßig eingekauft haben – mit einem großen roten Tuch, in dem er seine Einkäufe nach Hause trug.
Dass die Toskaner beim Thema Lüge ihren Humor nicht verloren haben, zeigte auch eine Geschichte des Bürgermeisters von Le Piastre. Vor vielen Jahren kam er einmal verspätet zur Veranstaltung und entschuldigte sich: Weil es hier um Lügen gehe, sei er versehentlich im Parlament gelandet.
Vielleicht erklärt genau dieser Humor, warum der Wettbewerb seit Jahrzehnten funktioniert. Denn gefeiert wird dort nicht die Lüge, die täuscht. Sondern die kleine Übertreibung, die Fantasie und die Freude daran, eine Geschichte so gut zu erzählen, dass man sie fast glauben möchte.
Pinocchio hätte vermutlich seinen Spaß daran gehabt. Auch wenn seine Nase danach vielleicht ein kleines Stück länger gewesen wäre.
Eine Woche zwischen Pferdehufen, Papierflügeln und Pinocchios langer Nase. Die Toskana hat wieder einmal bewiesen: Die besten Geschichten findet man selten dort, wo alle suchen.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.









