Wenn an Ferragosto in der Toskana 7.000 Kerzen leuchten und selbst die Madonna zum Streitfall wird, kann von Feiertagsruhe keine Rede sein. Die 19. Toskana Wochenschau erzählt von einem August zwischen überlieferten Ritualen und neuen Zumutungen: von Rückzugsorten vor der Hitze, die unter ihrem eigenen Reiz leiden, von beinahe verschwundenen Erinnerungen und von Funden, die neue Fragen aufwerfen. Selbst die Vergangenheit hält sich nicht an die Ordnung – weder auf dem Meeresgrund noch im steinernen Kalender von Lucca. Und dann wäre da noch eine Wassermelone, die bereits vor Jahrhunderten jedes vernünftige Maß sprengte.
Ferragosto in der Toskana:
Wenn der Feiertag zum Volksfest wird
Ferragosto wird jedes Jahr am 15. August gefeiert und fällt mit Mariä Himmelfahrt zusammen. Es ist einer der wichtigsten Sommerfeiertage Italiens: Viele Geschäfte und Dienstleistungen schließen oder arbeiten verkürzt, besonders in den Städten. Museen und Sehenswürdigkeiten folgen dagegen eigenen Feiertagsplänen. Die Toskana wird also leerer, aber nicht unbedingt leiser.
Rund um Ferragosto verwandeln sich Dorfplätze, Burghöfe und ganze Altstädte in Bühnen für alte Bräuche. In Santa Maria a Monte zeichnen am Vorabend rund 7.000 Kerzen die Fassaden, Kirchen und Türme nach. In Porto Santo Stefano treten die vier Stadtviertel beim Palio Marinaro gegeneinander an, in Sarteano versuchen Reiter im Galopp mit ihren Lanzen einen Ring zu treffen. Und Volterra reist am Sonntag gleich vollständig ins Jahr 1398 zurück – mit Handwerkern, Musikern, Gauklern und mittelalterlichen Tavernen.
Auch die Museen machen keine Feiertagspause. In Florenz bleiben unter anderem Uffizien, Palazzo Pitti, Boboli-Garten, Accademia und Bargello geöffnet; im Forte Belvedere führen Rundgänge sogar in die geheime Schatzkammer. Ferragosto leert die Städte also nicht nur. Für einen Tag belebt es sie mit einem Blick in eine andere Zeit.
Galerie: Bilder der Woche 1 bis 5
Teodora Axentes Madonna für den Palio von Siena
Mit zehn Jahren malte Teodora Axente eine Madonna auf Glas. Ihre Großmutter schenkte sie der Dorfkirche im rumänischen Şura Mare, wo der Priester das Bild auf den Altar stellte – ihre erste Ausstellung, wie sie später selbst sagte. Nun kehrt die Madonna auf dem Drappellone für den Palio am 16. August zurück: einem bemalten Seidenbanner, das als Siegespreis an die Gewinner-Contrada geht.
Die Jungfrau steht über der Goldenen Rose, einem päpstlichen Ehrengeschenk an Siena, und breitet ihren blauen Mantel schützend über die Stadt. Fischähnliche Cherubim tragen die Stadtwappen; Gewitterwolken erinnern an die Schlacht von Camollia, bei der die Republik Siena 1526 ihre Unabhängigkeit verteidigte. Im Licht darunter versammeln sich die siebzehn Contrade – historische Stadtviertelgemeinschaften – unter der Silhouette Sienas.
Ganz widerspruchslos blieb Axentes Madonna nicht. Die Diözese mahnte, bei diesem religiösen Symbol könne künstlerische Freiheit nicht grenzenlos sein: Das Drappellone sei auch ein Gebet an die Jungfrau. Darin liegt seine besondere Last. Es ist gleichzeitig Kunstwerk, Glaubenszeichen und Siegespreis – und wird nach dem Rennen im Museum der Gewinner-Contrada aufbewahrt.

Als es im Sommerkino noch Decken gab
Wer heute in einer Florentiner Augustnacht nach einer Decke verlangt, dürfte bestenfalls einen verwunderten Blick ernten. Bernardo Gozzini erinnert sich noch an andere Sommer: Abends nahm man auf dem Fahrrad oder Motorroller eine Jacke mit. In den Freiluftkinos wurden sogar Decken verteilt, damit das Publikum während des Films nicht fror.
Gozzini kennt das Wetter nicht nur aus Kindheitserinnerungen. Begeistert von den handgezeichneten Karten des Fernsehmeteorologen Edmondo Bernacca, wurde er später selbst Klimaforscher und prägte fast drei Jahrzehnte lang den toskanischen Wetterdienst LaMMA.
Auch 1983 seien in Florenz bereits 42 oder 43 Grad erreicht worden. Damals dauerten solche Spitzen jedoch zwei oder drei Tage. Heute halten die Hitzeperioden länger an, und tropische Nächte lassen der Stadt kaum Zeit zum Abkühlen. Gozzini empfiehlt mehr Schatten, mehr Grün und andere Straßenbeläge. Die Sommerdecken jedenfalls sind längst verschwunden und mit ihnen ein kleines Stück Florentiner Klima.
Das Gefäß ohne Schiff und das Schiff ohne Alter
Auf dem Meeresgrund vor Elba haben Archäologen ein römisches Gefäß ohne sein Schiff gefunden – und ein mögliches Schiff, dessen Alter noch niemand kennt. Ob beide Entdeckungen überhaupt miteinander verbunden sind, ist bislang offen.
Beim ersten Fund handelt es sich um ein Dolium, einen großen Tonbehälter für Wein, Öl oder Getreide. Seine Merkmale und der Fundkontext sprechen dafür, dass es zu einer sogenannten nave a dolia gehörte. Auf diesen römischen Handelsschiffen wurden zwischen dem ersten Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus riesige Tongefäße fest in den Rumpf eingebaut. Sie funktionierten gewissermaßen wie Tanks, in denen vor allem Wein unverpackt über das Tyrrhenische Meer transportiert wurde.
Der zweite Fund ist etwa fünf Meter lang und zwei Meter breit. Trotz einer dichten Schicht aus Meeresschleim erkannten die Taucher Teile der Beplankung, weitere Holzelemente und zahlreiche Bronzenägel. Mehr lässt sich bislang kaum sagen: Das mögliche Wrack könnte aus der Spätantike oder ebenso gut aus dem Mittelalter stammen.
Im Herbst soll weitergegraben werden. Bis dahin hat das Gefäß ein Alter, aber kein Schiff – und das Schiff eine Form, aber noch kein Alter.
Galerie: Bilder der Woche 6 bis 8
Wenn der Fluss zu instagrammabel wird
Für Generationen war die Elsa der Badestrand von Colle Val d’Elsa: ein naher Ort, um an heißen Sommertagen Abkühlung zu finden. Doch das smaragdgrüne Wasser macht sich auch auf Instagram ausgesprochen gut. Und aus dem Badeplatz der Einheimischen wurde ein überregionales Ausflugsziel.
Nach der Pandemie sorgten Influencer-Videos für einen weiteren Schub. Inzwischen kommen an manchen Tagen rund 1.500 Menschen in den nur vier Kilometer langen Flusspark. Manche lassen Müll zurück, grillen trotz Verbots oder bieten unerlaubte Raftingtouren an. Schilder, Umweltlotsen und verstärkte Kontrollen konnten den Andrang nicht ausreichend bremsen.
Nun zieht die Gemeinde erstmals die Notbremse: Bis zum 30. Oktober sind Baden, Rafting und sämtliche Fahrten mit Kanus, Kajaks, Schlauchbooten oder anderen Schwimmkörpern verboten.
Ausgerechnet die Suche nach Abkühlung und unberührter Natur gefährdet damit, was die Besucher an die Elsa lockt. Der Fluss ist zu einer Overtourism-Parabel geworden.
Galerie: Bilder der Woche 9 bis 11
Der kleine Zug, der die Berge zusammenhielt
Am 21. Juni 1926 fuhr der erste Zug der Ferrovia Alto Pistoiese von Pracchia nach San Marcello. Musikkapellen, Applaus und neugierige Bewohner empfingen ihn. Für die Bergdörfer war die Schmalspurbahn ein Versprechen: Die Zukunft hatte sich ihren Weg in den Apennin gebahnt.
Gebaut wurde die FAP vor allem für das Metallwerk von Campo Tizzoro, das eine Verbindung zur Bahnstrecke zwischen Pistoia und Bologna benötigte. Doch bald transportierte der kleine Zug nicht nur Arbeiter und Waren. Schüler, Soldaten, Bewohner und Ausflügler fuhren mit ihm durch Pracchia, Maresca, Gavinana, Limestre und San Marcello bis nach Mammiano.
Fast vierzig Jahre hielt die Bahn die Orte der Montagna Pistoiese zusammen. Am 30. September 1965 wurde sie stillgelegt. Nicht, weil die Fahrgäste fehlten, sondern weil Italien inzwischen auf Automobile und Busse setzte.
Zum hundertsten Geburtstag ist nun die restaurierte Station von Limestre als Ausstellungsort wiedereröffnet worden. Auf großen Teilen der ehemaligen Strecke kann man heute wandern, radeln oder reiten. Der Zug ist verschwunden, aber sein Weg verbindet die Berge noch immer.
Galerie: Bild der Woche 12
Der Kalender, an den sich der Sommer nicht mehr hält
Am Portikus des Doms San Martino in Lucca läuft das Jahr in Stein. Der im 13. Jahrhundert entstandene Zyklus der Monate zeigt für jeden Monat eine typische Tätigkeit, begleitet vom jeweiligen Tierkreiszeichen.
Im Januar wärmt sich ein Mann am Feuer, im März beschneidet ein Bauer die Reben. Der Juni mäht das Getreide, der August erntet Obst, im September werden Trauben gestampft und im Oktober wird der Wein in Fässer gefüllt. Im Dezember endet das Jahr mit der Schlachtung eines Schweins für das Weihnachtsessen.
Ursprünglich waren die Reliefs farbig bemalt. Sie dienten nicht nur als Schmuck, sondern erzählten von einer Welt, in der Arbeit, Jahreszeiten und der Lauf der Sterne fest miteinander verbunden waren.
Nur der steinerne September wirkt inzwischen etwas verspätet. In der Maremma hat die Weinlese 2026 bereits im August begonnen. Der mittelalterliche Jahreslauf ist in Stein gemeißelt. Der moderne Sommer hält sich nicht mehr daran.
Galerie: Bilder der Woche 13 bis 14

Als die Wassermelone Modell sitzen musste
Im Jahr 1704 schickte Großherzog Cosimo III. de’ Medici dem Florentiner Maler Bartolomeo Bimbi eine Wassermelone ins Atelier. Sie wog 105 toskanische Pfund, also etwa 36 Kilogramm. Der Auftrag lautete, die Frucht vollständig zu malen und anschließend unversehrt zurückzugeben.
Bimbi arbeitete schnell. Doch schon am nächsten Tag erhielt er das Gemälde wieder zurück – zusammen mit seinem Honorar und einem mehr als zehn Kilogramm schweren, gut gekühlten Stück der Wassermelone. Nun sollte er auch das rote Fruchtfleisch ergänzen. Danach durfte er die stattliche Portion mit Familie und Freunden verspeisen.
Die Anekdote war mehr als ein höfischer Scherz. In den toskanischen Stillleben jener Zeit verbanden sich Kunst, Esskultur und botanische Beobachtung. Bimbi malte Früchte mit beinahe wissenschaftlicher Genauigkeit und bewahrte damit auch Sorten, die später verschwanden. Die Wassermelone bot ihm alles, was ein Maler brauchen konnte: Volumen, Farbe und einen prächtigen Anschnitt.
Der Cocomeraio der Gegenwart hätte an Cosimos 36-Kilo-Exemplar vermutlich ebenfalls seine Freude gehabt.
Ein Sommer ohne Atempause
Nicht ein einzelner Temperaturrekord prägt diesen toskanischen Sommer, sondern die Dauer der Hitze. Seit der zweiten Junihälfte gönnt sie Florenz kaum noch längere Pausen. Bis Anfang August waren bereits an 27 Tagen mehr als 36 Grad gemessen worden – ebenso viele Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sank. Der Juli war der heißeste in der Toskana seit Beginn der regionalen Aufzeichnungen im Jahr 1955.
Die Hitze verändert inzwischen sogar den Kalender der Weinberge. In der Maremma hat die Weinlese etwa zwei Wochen früher begonnen. Frühe weiße Sorten und Trauben für Schaumweine werden bereits geerntet; beim Ciliegiolo und möglicherweise sogar beim Sangiovese könnte die Lese ebenfalls vorgezogen werden.
Die Trauben gelten als gesund und die Qualität als vielversprechend. Wegen des geringeren Gewichts der Trauben und des Trockenstresses dürfte die Erntemenge jedoch kleiner ausfallen. Die Qualität könnte also stimmen, nur der Kalender tut es längst nicht mehr.
Der Kalender von Lucca darf also weiter unbeirrt den September anzeigen. In der Maremma hat die Weinlese trotzdem bereits begonnen, an der Elsa darf nicht mehr gebadet und in Siena am Sonntag um ein Madonnenbanner geritten werden. Die Toskana macht offenbar keine Sommerpause – auch wenn Ferragosto etwas anderes vermuten lässt.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.













