Buongiorno und willkommen zu einer herbstlichen Toskana Wochenschau!
Diesmal beginnen wir bei den Trüffeln von Girone, deren Duft nicht nur Gäste anlockt, sondern zugleich die Arbeit des Croce Azzurra unterstützt. Außerdem erfahren wir, weshalb die Medici eine Messe im Valdarno zunächst verhindern wollten, wie unterschiedlich Bahnreisende einst auf ihren Zug warteten und warum im Polizeikommissariat von Viareggio inzwischen ein kleiner Hund namens Manetta ein Zuhause hat.
Sagra del Tartufo in Girone:
Trüffel für das Blaue Kreuz
In Girone duftet das Ehrenamt im September nach Trüffeln. Vier Wochen lang verwandelt sich das örtliche Kultur- und Freizeitzentrum in ein großes Restaurant: Serviert werden Crostini, Lasagne, Carbonara und sogar Pizza mit Trüffeln. Doch hinter der 42. Sagra del Tartufo steckt mehr als ein üppiges Abendessen.
Eine Sagra ist ein italienisches Ortsfest, bei dem sich alles um ein Lebensmittel oder ein regionales Gericht dreht. Freiwillige kochen, bedienen die Gäste und sammeln damit Geld für ihre Gemeinde.
In Girone fließt der Erlös an die Croce Azzurra, wörtlich das »Blaue Kreuz«. Ihre seit 1987 bestehende Ortsgruppe finanziert damit soziale Aufgaben – vom Krankentransport bis zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung. Wer hier Trüffel bestellt, unterstützt also zugleich diejenigen, die im Alltag für andere unterwegs sind.
Auch andernorts kündigt sich der kulinarische Herbst an: In Scarperia, Pontassieve und La Serra bei San Miniato werden Steinpilze mit eigenen Sagre gefeiert. Frische Trüffel gehören hierzulande allerdings nicht zur Grundausstattung des Supermarkts. Deshalb warten am Ende dieser Ausgabe die leichter erhältlichen Verwandten: in einem Risotto ai funghi porcini – Risotto mit Steinpilzen.
Ponte dell’Airone in Lucca:
Eine Brücke lernt fliegen
Manche Brücken tragen den Namen eines Heiligen, Politikers oder Feldherrn. Die neue Brücke über den Serchio war dagegen bereits seit Dezember in Betrieb, als sie noch immer schlicht »der neue Ponte« hieß. Erst Jugendliche aus Lucca erkannten, welcher Name längst in ihren weißen Bögen steckte.
Bei einem Rundgang durch den Flusspark beobachtete eine Klasse des Kunst- und Musikgymnasiums Passaglia einen Reiher am Ufer. Die Schüler studierten seine Bewegungen und verwandelten den Vogel in ihren Zeichnungen nach und nach in die Brücke: Flügel und Hals wurden zu den geschwungenen Bögen, die Beine zu den Pfeilern. Selbst das weiße Gefieder fand sich in der hellen Konstruktion wieder.
Aus dieser Beobachtung entstand der Name Ponte dell’Airone – Reiherbrücke. Der Vorschlag war Teil des Wettbewerbs »Nomina – Un nome per il nuovo ponte«, für den zehn Schulklassen eigene Namen entwickelten. Anschließend stimmten 1.386 Einwohner Luccas über drei Finalisten ab. Mit 566 Stimmen setzte sich der Reiher knapp gegen den Priester und Friedensaktivisten Arturo Paoli sowie die mittelalterliche Herrscherin Matilde von Canossa durch.
Nun muss die Stadt den Namen noch formell bestätigen. Doch wer die Brücke betrachtet, dürfte den Reiher bereits erkennen: fest im Fluss verankert und zugleich so geschwungen, als würde er jeden Augenblick abheben.

Signas Strohhüte: Mode, die auf dem Acker begann
In Signa floss dieser Tage ein ganzer Fluss aus Stroh. So lässt sich der Name der Modenschau »Un Fiume di Paglia« übersetzen, bei der die örtliche Strohhuttradition in der Villa Castelletti und anschließend in Campi Bisenzio auf den Laufsteg zurückkehrte. Doch Signas Verbindung zur Mode begann nicht in einem Atelier, sondern auf dem Acker.
1714 ließ sich Domenico Michelacci in Signa nieder und experimentierte mit einer besonderen Anbaumethode für Weizen. Eng ausgesät und noch vor der Reife aus der Erde gezogen, bildeten die Pflanzen lange, dünne und biegsame Halme. Nicht das Korn war gefragt, sondern das Stroh für besonders feine Hüte.
Den Erfolg ermöglichten vor allem die trecciaiole. Der Begriff leitet sich von treccia, dem Zopf oder Geflecht, ab und bezeichnet die Frauen, die das gebleichte Stroh in mühsamer Handarbeit zu Bändern flochten. Ihre Arbeit machte Signa berühmt, brachte ihnen selbst jedoch kaum genug zum Leben.
1896 verdienten manche Flechterinnen für zwölf bis fünfzehn Stunden Arbeit gerade einmal zehn bis zwanzig Centesimi. Am 15. Mai legte sich Barsene Conti deshalb mit ihrem Kind auf dem Arm auf die Straßenbahngleise von Brozzi, um den Abtransport der Hüte nach Florenz zu verhindern. Daraus entstand einer der ersten von Frauen getragenen Arbeitskämpfe der Toskana, der sich in diesem Jahr zum 130. Mal jährt.
Nun soll auch der historische grano marzuolo nach Signa zurückkehren. Ein Agronom hat seltenes Saatgut aufgespürt, das der früher verwendeten Weizensorte entsprechen soll und auf einem örtlichen Hof vermehrt wird.
So verbindet die Modenschau heutige Entwürfe mit den Frauen, die Signas Stroh einst flochten – und mit einem Weizen, der nicht auf dem Teller, sondern auf dem Kopf landete.
Galerie: Bild der Woche 1
Festa del Perdono in Terranuova Bracciolini:
Ein Fest seit den Medici
Mit Perdono – Vergebung – begann diese Geschichte keineswegs. Eher mit einem Streit zwischen zwei Nachbarorten. Bereits 1598 bat Terranuova den toskanischen Großherzog Ferdinando I. de’ Medici um die Erlaubnis, einmal im Jahr eine dreitägige Messe veranstalten zu dürfen. Der Großherzog lehnte mehrfach ab: Im benachbarten Figline gab es bereits einen Markt, dem Terranuova keine Kundschaft abspenstig machen sollte.
Erst 1615 gestattete Cosimo II. de’ Medici den Terranuovesi eine eigene Messe am vierten Sonntag im September. Der Zeitpunkt war günstig gewählt: Zur Weinlese kamen Bauern und Händler aus dem Umland zusammen, um Vieh, landwirtschaftliche Erzeugnisse und handwerkliche Waren zu verkaufen.
Von einem Perdono war damals allerdings noch keine Rede. Das italienische Wort für Vergebung erscheint in den kommunalen Unterlagen erst 1682 gemeinsam mit der Bezeichnung Fiera, also Messe. Die weltliche Handelsveranstaltung erhielt damit eine religiöse Seite: Gläubige baten um einen kirchlichen Ablass, während die sterblichen Überreste des Märtyrers San Tito öffentlich gezeigt wurden.
Beide Seiten prägen die Festa del Perdono bis heute. In der Kirche wird weiterhin San Tito verehrt, draußen eröffnen drei Böllerschüsse die Messe. Zwischen Landwirtschaftsmaschinen und Viehschau werden die beste Porchetta und beim »Fischio d’Oro« die geschicktesten Imitationen von Vogelstimmen gekürt. Zum Abschluss führt das Radrennen Ruota d’Oro durch das Valdarno.
2026 feiert Terranuova die 412. Ausgabe eines Festes, das ein Medici schließlich erlaubte, nachdem ein anderer es jahrelang verhindert hatte.
Galerie: Bilder der Woche 2 und 3
Manetta in Viareggio:
Wie ein Hund ins Polizeikommissariat zog
Am 12. August kehrte eine Polizeistreife von der Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Sant’Anna di Stazzema zurück. Auf der Provinzstraße nach Camaiore entdeckten die Beamten einen kleinen Hund, der orientierungslos zwischen den Autos umherlief.
Die Leiterin des Polizeikommissariats von Viareggio, Maria Teresa Canessa, versuchte, das Tier von der Straße zu holen. Doch der verängstigte Malteser ließ niemanden an sich heran, flüchtete in den Wald und verschwand.
Am nächsten Morgen meldete eine Karosseriewerkstatt in den sozialen Netzwerken, dass dort ein kleiner Hund Schutz gesucht hatte. Einer der Polizisten erkannte ihn in der Beschreibung wieder. Das Tier kauerte zitternd in einer Ecke und verweigerte zunächst sogar Wasser und Futter. Beim Tierarzt zeigte sich, dass es dehydriert, unterernährt und von Parasiten befallen war. Einen Mikrochip besaß es nicht, auch als vermisst war es nirgendwo gemeldet.
Statt den ungefähr dreijährigen Hund in ein Tierheim zu bringen, beschlossen Canessa und ihre Mitarbeiter, ihn gemeinsam zu adoptieren. Er wurde versorgt, gewaschen und gechippt – und bekam den Namen Manetta.
Ganz ohne Polizeihumor ging es dabei nicht: manette sind auf Italienisch Handschellen. Inzwischen ist Manetta das Maskottchen des Kommissariats. Der Ort, von dem aus die Beamten gewöhnlich anderen zu Hilfe kommen, wurde für ihn selbst zu einem sicheren Zuhause.
Galerie: Bild der Woche 4
Mazzoni-Säle in Montecatini Terme:
Warten in drei Klassen
Wer 1937 in Montecatini auf einen Zug wartete, erkannte seinen Platz in der Gesellschaft schon an der Farbe des Leders. In der ersten Klasse saßen die Reisenden auf roten Polstern, in der zweiten auf grünen. Die dritte Klasse musste ohne Leder auskommen, erhielt aber eine sorgfältig gestaltete geschwungene Wand aus Eichenholz.
Entworfen wurden die Wartesäle von Angiolo Mazzoni, einem Architekten und Ingenieur der italienischen Staatsbahn. Als Montecatini in den 1920er- und 1930er-Jahren immer mehr Kurgäste anzog, genügte der alte Bahnhof dem Reiseverkehr nicht mehr. Mazzoni plante ab 1933 einen Neubau, der vier Jahre später eröffnet wurde.
Für ihn war ein Bahnhof nicht nur eine Hülle für Fahrkartenschalter und Bahnsteige. Architektur, Möbel, Beleuchtung und Materialien sollten ein geschlossenes Ganzes bilden. Besonders deutlich zeigt sich das im Saal der ersten Klasse: Rotes Leder, Messingdetails, Mosaiksteine und gebogene Glasscheiben schufen eine elegante, beinahe futuristische Umgebung. Die zweite Klasse fiel mit ihren grünen Sitzen zurückhaltender aus. Doch auch der Raum der dritten wurde bewusst gestaltet. Die gesellschaftliche Rangordnung blieb trotzdem in jedem Material ablesbar.
Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen historische Fotografien und Mazzonis Zeichnungen dabei, beschädigte Teile der Ausstattung möglichst originalgetreu wiederherzustellen. Anschließend blieben die Räume zum Schutz vor Vandalismus meist verschlossen.
Nun werden die historischen Wartesäle von Montecatini wieder regelmäßig zugänglich. Vom 2. Oktober an führen kostenlose Besichtigungen jeden Freitag durch eine Zeit, in der selbst das Warten noch streng nach Fahrkarte geordnet war.
Galerie: Bilder der Woche 5 bis 7

Parco della Maremma:
Ein Sinnesweg für Menschen mit Sehbehinderung
Ein Naturpark wird gewöhnlich mit seinen Aussichten beworben: mit weiten Ebenen, einem Fluss zwischen Schilf und Weiden oder Vögeln über den Feuchtgebieten. Doch wie lässt sich eine solche Landschaft erleben, wenn man sie nicht oder nur eingeschränkt sehen kann?
An der Bocca d’Ombrone, der Mündung des Ombrone ins Meer, gibt der Parco della Maremma darauf nun eine tast- und hörbare Antwort. Am Ende des Wanderwegs A7 führt ein neuer barrierearmer Abschnitt zu einer Beobachtungshütte. Dreidimensionale Tafeln vermitteln die Form der Landschaft und stellen typische Pflanzen, Schmetterlinge und Vögel vor. Eine Metallleiste am Weg erleichtert Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen die Orientierung.
Entwickelt wurde der sensorische Weg gemeinsam mit der Sektion Grosseto des italienischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. In der Hütte erschließt sich die Landschaft vor allem über ihre Geräusche: durch Vogelrufe, den Wind im Schilf und das Wasser an der nahen Flussmündung.
Nötig wurde der Neubau, nachdem Sturmfluten und Veränderungen an der Mündung den früheren Steg beschädigt hatten. Der etwa 180 Meter lange Weg besteht deshalb aus recyceltem Kunststoff, der den feuchten Bedingungen besser standhalten soll als Holz.
In der Hütte erinnert eine Tafel an die 2025 verstorbene Forscherin Alessia Mori. Familie und Freunde finanzierten außerdem Bänke und zwei Fernrohre zur Vogelbeobachtung.
Der Weg zeigt, dass Barrierefreiheit in der Natur nicht an einer Rampe endet. Sie beginnt bei der Frage, wie sich eine Landschaft erzählen lässt, wenn das Auge nicht der wichtigste Wegweiser ist.
Steinpilzrisotto: Rezept für Risotto ai funghi porcini
Am Anfang dieser Ausgabe haben Trüffel die Kasse der Croce Azzurra gefüllt. Zum Abschluss bleiben wir im herbstlichen Unterholz, wechseln aber zu einem Pilz, der auch in Deutschland leichter zu bekommen ist. Frische Steinpilze sind wunderbar, tiefgekühlte oder getrocknete ergeben jedoch ebenfalls ein aromatisches Risotto.
Zutaten für vier Personen
- 300 g Risottoreis, etwa Carnaroli, Arborio oder Vialone Nano
- 300 g frische oder tiefgekühlte Steinpilze
- alternativ 30 g getrocknete Steinpilze und 200 g braune Champignons
- etwa 900 ml Gemüsebrühe
- 1 Schalotte
- 100 ml trockener Weißwein
- 2 EL Olivenöl
- 30 g Butter
- 40 g Parmesan oder Grana Padano
- ½ Bund glatte Petersilie
- Salz und schwarzer Pfeffer
Getrocknete Steinpilze etwa 20 Minuten in warmem Wasser einweichen, ausdrücken und grob zerkleinern. Das Einweichwasser durch einen Kaffeefilter oder ein sehr feines Sieb gießen und zur Gemüsebrühe geben.
Frische Steinpilze nicht unter fließendem Wasser waschen, sondern mit einem Pinsel oder feuchten Tuch säubern und in Stücke schneiden. Tiefgekühlte Pilze können direkt in die heiße Pfanne gegeben werden.
Einen Esslöffel Olivenöl erhitzen und die Pilze darin kräftig anbraten. Mit Salz, Pfeffer und etwas gehackter Petersilie würzen, anschließend beiseitestellen.
Die Schalotte fein würfeln und im restlichen Olivenöl glasig dünsten. Den Reis dazugeben und etwa eine Minute mitrösten. Mit dem Weißwein ablöschen und die Flüssigkeit fast vollständig verdampfen lassen.
Nach und nach die heiße Brühe angießen und regelmäßig umrühren. Immer erst Flüssigkeit nachfüllen, wenn der Reis den vorherigen Schöpflöffel beinahe aufgenommen hat. Nach etwa zwölf Minuten die Pilze unterheben und das Risotto bissfest garen.
Den Topf vom Herd nehmen, Butter und geriebenen Käse unterrühren und das Risotto zwei Minuten zugedeckt ruhen lassen. Bei Bedarf noch etwas Brühe ergänzen: Es soll weich über den Teller fließen und nicht als fester Hügel darauf stehen.
Mit Petersilie und frisch gemahlenem Pfeffer servieren – und für einen Moment so tun, als läge hinter dem Küchenfenster nicht Leipzig, sondern ein herbstlicher Wald im Mugello.

Damit schließt sich der Kreis dieser Ausgabe: von den Trüffeln für den guten Zweck bis zu den Steinpilzen im eigenen Kochtopf. Dazwischen lagen einige Umwege über Äcker, Brücken, Wartesäle und sogar ein Polizeikommissariat.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und – falls du das Risotto ausprobierst – buon appetito!
Wir lesen uns am nächsten Freitag wieder.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.






