Die 9. Ausgabe der Toskana Wochenschau beginnt diesmal hoch über den Dächern von Florenz und endet irgendwo zwischen Piombino und Elba. Dazwischen liegen ein Sonnenstrahl, der seit Jahrhunderten seinen Weg durch den Dom findet, eine Amphore aus römischer Zeit und der 80. Geburtstag der italienischen Republik.
Außerdem: Straßenkunst, neue Zugverbindungen und weitere Geschichten aus einer Region, die selbst ihre Überraschungen nie ganz planen kann.
80 Jahre Italienische Republik
Am 2. Juni feierte Italien den 80. Geburtstag seiner Republik. An diesem Tag entschieden sich die Italiener im Jahr 1946 in einem historischen Referendum für die Republik und gegen die Monarchie. Gleichzeitig war es die erste nationale Abstimmung, an der Frauen teilnehmen durften.
In Florenz begann der Feiertag traditionell mit dem Hissen der Flagge auf der Piazza della Repubblica, bevor die Feierlichkeiten auf die Piazza della Signoria weiterzogen. Besonders bemerkenswert war jedoch das Abendprogramm: Unter freiem Himmel wurde auf der Piazza della Signoria der Film C’è ancora domani (Morgen ist auch noch ein Tag) aufgeführt, der vom Leben italienischer Frauen in der Nachkriegszeit erzählt. Anschließend wurde eine landesweite Sondersendung zum Jubiläum aus dem Quirinalspalast übertragen.
Für viele Italiener markiert der 2. Juni nicht nur einen Blick zurück auf die Geschichte des Landes, sondern auch den inoffiziellen Beginn des Sommers.
Sommerprognose für die Toskana
Der Sommer hat in der Toskana noch gar nicht richtig begonnen, da zeigen sich bereits die ersten Folgen ungewöhnlich hoher Temperaturen. Meteorologen beobachten derzeit ein deutlich überdurchschnittlich warmes Mittelmeer. Das freut zwar Badegäste, erhöht aber zugleich die Wahrscheinlichkeit für kräftige Gewitter und Starkregen.
Wie schnell sich die Wetterlage ändern kann, zeigte sich in dieser Woche. Heftige Unwetter sorgten in Teilen der Toskana für Überschwemmungen und Erdrutsche. In der Provinz Pistoia mussten Straßen gesperrt werden, während in Arezzo mehrere Autofahrer aus überfluteten Unterführungen gerettet werden mussten.
Die Experten rechnen deshalb mit einem Sommer voller Kontraste: lange Hitzephasen, unterbrochen von plötzlichen Gewittern und lokalen Starkregenereignissen. Für Urlauber bedeutet das vor allem eines: Sonnencreme und Regenschirm könnten in diesem Jahr gleich wichtig werden.

Neuer Direktzug zwischen Pisa und Garfagnana
Wer im Sommer einmal einen etwas anderen Tagesausflug unternehmen möchte, bekommt dafür bald eine neue Möglichkeit. Ab dem 15. Juli verbindet ein neuer Direktzug Pisa über die Versilia mit Minucciano im Norden der Toskana. Das Angebot läuft zunächst bis zum 6. September und soll die Küste besser mit den Bergregionen der Garfagnana und Lunigiana verknüpfen.
Geplant ist jeweils eine direkte Morgenverbindung von Pisa in Richtung Minucciano sowie eine Abendverbindung zurück an die Küste. Damit lässt sich ein ganzer Tag zwischen Wanderwegen, Naturparks, mittelalterlichen Dörfern und den Berglandschaften der Apuanischen Alpen verbringen, ohne auf das Auto angewiesen zu sein.
Ergänzt wird das Angebot durch zusätzliche Bahnverbindungen zwischen Aulla und Minucciano. Die Region versteht das Projekt ausdrücklich nicht nur als Verkehrslösung, sondern auch als Einladung, weniger bekannte Teile der Toskana zu entdecken.
Manchmal sind es gerade solche Verbindungen, die den Blick auf eine Region verändern. Die meisten Besucher kennen Pisa wegen seines schiefen Turms und die Versilia wegen ihrer Strände. Doch nur wenige Kilometer weiter beginnt eine andere Toskana – mit Kastanienwäldern, Bergdörfern und überraschend viel Ruhe. Der neue Zug macht diesen Teil des Landes nun ein Stück leichter erreichbar.
Neue Arno-Brücke in Florenz eröffnet
Florenz hat erstmals seit fast fünfzig Jahren eine neue Brücke über den Arno eröffnet. Die rund 180 Meter lange Verbindung verbindet die Stadtteile Bellariva und Albereta-Anconella und ist Teil der neuen Straßenbahnstrecke nach Bagno a Ripoli. Zur Eröffnung strömten Hunderte Florentiner auf die Brücke, noch bevor der Verkehr freigegeben wurde.
Besonders bemerkenswert ist der Name der neuen Brücke. Sie trägt künftig den Namen von Nadia und Caterina Nencioni, zwei Mädchen, die 1993 beim Mafia-Anschlag in der Via dei Georgofili ums Leben kamen. Die Benennung erfolgte nach einer öffentlichen Abstimmung der Bürger.
Die neue Verbindung soll nicht nur den Verkehr entlasten, sondern auch neue Rad- und Fußwege, Grünflächen und Aufenthaltsbereiche entlang des Flusses erschließen. Noch sind nicht alle Arbeiten abgeschlossen, doch schon jetzt gilt die Brücke als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der Stadt in den vergangenen Jahren.
Zwischen Küste und Kuppel findet die Toskana immer noch neue Geschichten.
Mercantia in Certaldo startet in den Sommer
Wer Mitte Juli durch Certaldo spaziert, sollte sich nicht wundern, wenn plötzlich ein Akrobat über den Dächern schwebt oder ein Stelzenläufer um die nächste Ecke biegt.
Vom 15. bis 19. Juli verwandelt sich das mittelalterliche Certaldo Alto wieder in eine riesige Freilichtbühne. Dann kehrt Mercantia zurück, eines der bekanntesten Straßenkunstfestivals Italiens. Seit fast vier Jahrzehnten werden die engen Gassen des Geburtsortes von Giovanni Boccaccio zum Schauplatz für Theater, Musik, Akrobatik und ungewöhnliche Begegnungen.
Das Besondere an Mercantia: Es gibt keine klassische Bühne. Das gesamte Dorf wird zur Kulisse. Zwischen alten Mauern, kleinen Plätzen und historischen Innenhöfen begegnen Besucher Musikern, Feuerkünstlern, Tänzern und Luftakrobaten. Oft entsteht der Zauber gerade dort, wo man ihn nicht erwartet – hinter einer Toreinfahrt oder auf einer unscheinbaren Treppe.
Neu ist in diesem Jahr die »Mercantia dei Bambini«, ein eigener Bereich mit Spielen, Aufführungen und Mitmachangeboten für Kinder und Familien. Damit soll das Festival noch stärker zu einem Ort werden, an dem alle Generationen gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen können.
Mehr als hundert Kunsthandwerker ergänzen das Programm mit Vorführungen und handgefertigten Arbeiten. So wirkt Mercantia weniger wie ein Festival und eher wie eine jener Sommernächte, von denen man später erzählt, weil man nie ganz sicher ist, ob man alles wirklich gesehen hat.
Barrierefreier Strand in Marina di Pisa
An der Küste von Marina di Pisa ist ein besonderer Strandabschnitt eröffnet worden. Die Wonderland Stella Maris Beach wurde so gestaltet, dass auch Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen möglichst unkompliziert einen Tag am Meer verbringen können. Die Nutzung ist kostenlos und steht Familien sowie Vereinen nach Anmeldung offen.
Der Strand verfügt über barrierefreie Zugänge, spezielle Strand- und Wassersessel, Liegen, Sonnenschirme sowie Bereiche für Sport, Spiele und gemeinsame Aktivitäten. Betreut wird das Projekt von der Stiftung Stella Maris und dem Verein Wonderland, die den Strand zugleich als Ort der Begegnung und Teilhabe verstehen.
Entstanden ist damit weit mehr als nur ein zusätzlicher Strandabschnitt. Die Initiatoren möchten einen Ort schaffen, an dem Menschen unabhängig von ihren körperlichen Voraussetzungen gemeinsam Zeit verbringen können. Oder, wie es die Organisatoren formulieren: einen Ort, an dem niemand zurückgelassen wird.
Gerade im Sommer wirken solche Projekte oft unscheinbar. Doch manchmal besteht Fortschritt nicht aus großen Schlagzeilen, sondern einfach darin, dass mehr Menschen einen Tag am Meer genießen können.

Der Sonnenstrahl im Dom von Florenz
An zwei Tagen im Juni wird der Dom von Florenz erneut zur astronomischen Versuchsanlage. Am 12. und 19. Juni können Besucher beobachten, wie ein Sonnenstrahl durch eine kleine Öffnung in Brunelleschis Kuppel fällt und nach einem fast 90 Meter langen Weg exakt auf dem Boden der Kathedrale landet. Das Schauspiel dauert nur kurze Zeit, wird aber seit Jahrhunderten beobachtet.
Hinter dem Phänomen steckt der sogenannte Gnomon des Doms, ein astronomisches Messinstrument aus dem 15. Jahrhundert. Entworfen wurde es vom Mathematiker und Astronomen Paolo dal Pozzo Toscanelli, der damit die Stellung der Sonne und die Länge des Sonnenjahres bestimmen wollte.
Die Öffnung, durch die das Licht fällt, misst nur wenige Zentimeter und befindet sich rund 90 Meter über dem Boden der Kathedrale. Damit gilt der Florentiner Gnomon bis heute als der höchste seiner Art weltweit.
Florenz besitzt viele berühmte Kunstwerke. Manchmal genügt aber ein einzelner Sonnenstrahl, um daran zu erinnern, dass die Stadt einst auch zu den wissenschaftlichen Zentren Europas gehörte.
2.000 Jahre alte Amphore vor Piombino gefunden
Vor der Küste von Piombino hat das Meer ein Stück Antike freigegeben. Rund 400 Meter vor Punta Falcone entdeckte der Piombineser Andrea Della Monaca beim Schwimmen eine römische Amphore, die plötzlich an der Wasseroberfläche trieb. Das Gefäß stammt aus der Zeit zwischen 130 und 30 v. Chr. und hat damit mehr als 2.000 Jahre Geschichte hinter sich.
Della Monaca war ohne Flossen unterwegs und bemerkte die Amphore eher zufällig. Da starker Scirocco aufkam und das Gefäß gegen die Felsen zu treiben drohte, schob er es mit einiger Mühe bis an den Strand. Anschließend verständigte er die Hafenbehörde und die Denkmalpflege, die den Fund in ihre Obhut nahmen.
Bei dem Fundstück handelt es sich um eine sogenannte Dressel-1-Amphore, einen Gefäßtyp, der in der römischen Antike vor allem für den Transport von Wein verwendet wurde.
Die Gewässer zwischen Piombino und Elba gehören seit Jahrtausenden zu den wichtigsten Seewegen der Region. Zahlreiche Schiffsunglücke haben dort ihre Spuren hinterlassen. Meist bleiben sie verborgen. Manchmal aber entscheidet das Meer offenbar, eines seiner Geheimnisse wieder preiszugeben.
Die Toskana kann laut sein. Mit Festivals, Konzerten und Sommerabenden unter freiem Himmel. Sie kann aber auch leise sein – in einem Sonnenstrahl auf dem Boden des Doms, in einer Amphore auf dem Meeresgrund oder auf einem Bahnsteig irgendwo zwischen Küste und Bergen.
Nächste Woche gibt es neue Geschichten.
Bis dahin: buona settimana.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Weitergedacht:
• Toskana Wochenschau #6 – Zwischen Schnee, Netflix & Kirschenfest
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.