Die 21. Toskana Wochenschau setzt die Toskana in Bewegung: In Montepulciano rollen Fässer bergauf, um Luccas Stadtmauer zieht sich ein buntes Band und auf dem Monte Amiata kehrt ein Licht zurück, das einst per Radio vom Papst eingeschaltet wurde.
Dazwischen passen der Faden einer alten Nadelspitze, ein kleiner Spendenumschlag für die Hunde von Pistoia und japanisches Kino. Den Anfang macht Fußball. Oder genauer: eine Stadt, die ihren Verein seit hundert Jahren zu einem Teil ihrer eigenen Geschichte macht.
100 Jahre Fiorentina: Jubiläum in Florenz 2026
Ausgerechnet ich, der mit Fußball mal so gar nichts anfangen kann, starte diese Toskana Wochenschau mit einem Fußballthema. Aber in Florenz ist die Fiorentina nur zum Teil ein Fußballverein. Sie ist Familienerbstück, Stadtgespräch und zweite Farbe. Man kann die Tabelle ignorieren. Das Violett nicht.
Am 29. August 1926 entstand der Verein aus dem Zusammenschluss zweier Florentiner Clubs. Er gewann zwei italienische Meisterschaften und erreichte als erster italienischer Verein ein Europapokalfinale. Nach dem Bankrott 2002 musste die Fiorentina als Florentia Viola in der vierten Liga neu beginnen – begleitet von einer Stadt, die ihren Verein nicht verschwinden ließ.
Zum hundertsten Geburtstag leuchten Stadttore, der David am Piazzale Michelangelo, der Biancone und das Stadio Artemio Franchi violett. Dort erinnern nach dem Jubiläumsspiel ehemalige Spieler, Bilder, Musik und Licht an ein Jahrhundert Vereinsgeschichte.
Für die Randnotizen ist ebenfalls gesorgt: Italien widmete der Fiorentina eine Briefmarke und eine auf 4.000 Exemplare begrenzte 5-Euro-Silbermünze, die allerdings 90 Euro kostet. Die Gelateria della Passera steuert mit dem violetten »Labaro Viola« aus Schafsjoghurt und Erdbeertrauben die essbare Jubiläumsausgabe bei.
Man muss Fußball nicht lieben, um zu verstehen, was Florenz hier feiert: hundert Jahre Verbundenheit mit einem Verein, der längst zur Stadtgeschichte gehört.
Galerie: Bilder der Woche 1 bis 3
Croce del Monte Amiata
leuchtet nach 80 Jahren wieder
Manche Denkmäler werden nicht einfach auf einen Berg gebaut. Sie werden hinaufgetragen.
Als 1910 auf dem Monte Amiata ein 22 Meter hohes Eisenkreuz entstand, führte noch keine Straße auf den 1.738 Meter hohen Gipfel. Die Bewohner von Abbadia San Salvatore trugen die von Luciano Zalaffi entworfenen Bauteile über schwierige Wege nach oben.
Am 17. Juni 1944 brachte die abziehende deutsche Armee das Monument zu Fall. Doch schon wenige Monate nach Kriegsende stand es wieder. Schmiede, Mechaniker und Bürger hatten erhaltene Teile geborgen und rund dreieinhalb Tonnen zerstörtes Eisen ersetzt.
Am 24. August 1946 schaltete Papst Pius XII. die Beleuchtung über eine Radioverbindung ein. Nach Krieg und Zerstörung strahlte das Kreuz wieder über der Toskana – verbunden mit einem Aufruf zu Frieden und Verständigung.
Achtzig Jahre später kehrte das Licht zurück. Seine Farben erinnern an die Bergleute, die vulkanische Vergangenheit und die Spiritualität des Ortes. Doch die Croce gehört vor allem jenen Menschen, die ihr Eisen auf den Gipfel trugen und es nach dem Krieg ein zweites Mal aufrichteten.

Weltrekord-Blumenteppich
auf der Stadtmauer von Lucca
Vier Kilometer Blumenteppich – das klingt, als hätte jemand eine ganze Provinz entblättert und die Stadtmauer von Lucca in Rosen, Dahlien und Nelken gehüllt. Die Wirklichkeit war etwas bodenständiger. Im ziemlich wörtlichen Sinne.
Am 22. August entstand auf den historischen Mauern ein 4.233,45 Meter langes Band aus vergänglichen Materialien. Gefärbte Sägespäne spielten dabei die Hauptrolle, ergänzt durch Blüten, Sand, Salz, Holzspäne, Pflanzenteile und sogar Obst und Gemüse. Das schmale Band umrundete Lucca und verband 15 große Bildfelder auf den Bastionen miteinander.
Dort steckte die eigentliche Kunst: Rund 100 Künstler aus 13 Städten und drei Kontinenten legten auf jeweils ungefähr sechs mal vier Metern Bilder von Puccini, dem Ponte del Diavolo, den Apuanischen Alpen, dem Carnevale di Viareggio und der Grotta del Vento. Auch das Plakat zum 60. Geburtstag von Lucca Comics & Games entstand aus gefärbter segatura.
Am Abend fuhr eine Notarin mit dem Messrad einmal um die gesamte Stadtmauer. Das Ergebnis übertraf den bisherigen Rekord aus dem mexikanischen Huamantla um knapp 294 Meter. Guinness World Records muss die Unterlagen allerdings noch prüfen. Bis dahin besitzt Lucca einen notariell vermessenen Bestwert – aber noch keinen offiziell bestätigten Weltrekord.
Gut, vier Kilometer Blütenrausch waren es also nicht. Eher ein sehr langer Strich aus Sägemehl mit 15 ausgesprochen hübschen Ausrufezeichen. Aber er führte einmal um eine der schönsten Stadtmauern Italiens – und den Menschen in Lucca hat er sichtlich Freude bereitet.
Unwetter in der Toskana
beschädigt Tierheim in Pistoia
Mehr als 350 Einsätze in zwanzig Stunden, Windböen von bis zu 110 Stundenkilometer und rund 21.000 Blitze: Das schwere Unwetter vom 20. August hielt weite Teile der Toskana in Atem. Bäume stürzten um, Straßen wurden überflutet und Dächer beschädigt.
In Pistoia traf der Sturm das Tierheim in der Via Agati. Das Dach des historischen Isoliertrakts wurde aufgerissen, zwei Überdachungen der Zwinger brachen zusammen. Verletzt wurde keines der Tiere. Prince, ein gelähmter Hund, und Ettore, ein blinder Deutscher Schäferhund, kamen vorsorglich in einen sicheren Bereich.
Der beschädigte Trakt entstand Anfang der 1960er-Jahre, nachdem Pistoia beschlossen hatte, nicht vermittelte Fundhunde nicht länger töten zu lassen. Nun wurden die Schäden zunächst auf rund 30.000 Euro geschätzt. Eine Spendenaktion erreichte diese Summe dank mehr als 860 Unterstützern innerhalb von 48 Stunden.
Zwischen den Spenden lag ein kleiner Umschlag. »Für die Hündchen im Tierheim, von Raffaele«, stand darauf in Kinderhandschrift. Der sechsjährige Junge hatte seine Ersparnisse gebracht.
Ein Unwetter lässt sich in Windgeschwindigkeiten, Blitzen und Einsätzen vermessen. Wie eine Gemeinschaft darauf antwortet, zeigt sich manchmal auch in einem krakelig beschrifteten Umschlag.
Punto Tavarnelle:
traditionelle Nadelspitze aus dem Chianti
Als Maddalena Pacciani im vergangenen Jahr heiratete, trug sie einen Schleier, dessen Schleppe ihre Großmutter Bruna Bacci gearbeitet hatte. Nicht gestickt und nicht geklöppelt, sondern mit einer Technik, die es nur in diesem Winkel des Chianti gibt: dem Punto Tavarnelle.
Bei dieser Nadelspitze wird das Muster auf Papier gezeichnet. Anschließend entsteht das Geflecht mit Nadel und Faden unmittelbar auf der Vorlage – ohne Stoffgrund, Klöppel oder Klöppelkissen. Am Ende wird das Papier entfernt. Zurück bleibt eine feine, aber widerstandsfähige Spitze.
Nach Tavarnelle kam die Technik 1906 mit Suor Arcangela Banchelli. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie für viele Frauen des Chianti zu einer Erwerbsquelle. Sie arbeiteten vor Haustüren und in den Höfen der Bauernhäuser an Tischdecken, Kleidungsstücken und Brautschleiern.
Selbst Salvatore Ferragamo ließ aus der Spitze Oberteile für Schuhe fertigen, die später unter anderem Audrey Hepburn und Sophia Loren trugen.
Heute beherrschen wieder 65 Frauen die fast verschwundene Technik. Im Oktober beginnt eine neue Runde kostenloser Kurse für Punto Tavarnelle. Auch Maddalena hat den Anfängerkurs absolviert und möchte weitermachen.
Ihre Großmutter hat ihr damit mehr hinterlassen als einen Brautschleier. Sie hat ihr einen Faden in die Hand gegeben, den Maddalena nun weiterspinnt.
Galerie: Bild der Woche 4
Netflix dreht neue
Mostro-di-Firenze-Serie in Florenz
Zehn Jahre lang habe ich in der Nähe von Mercatale in Val di Pesa gelebt. Für mich ist der Ort deshalb nicht bloß ein Name aus einem der verworrensten Kriminalfälle Italiens, sondern Teil meines eigenen toskanischen Alltags. Umso eigenartiger ist es, wenn die Gegend nun erneut zur Kulisse für die Geschichte des Mostro di Firenze wird.
Nach einer ersten Miniserie über die sogenannte sardische Spur dreht Stefano Sollima für Netflix ein weiteres Kapitel. Il Mostro: Pietro Pacciani soll in drei Episoden von den Ermittlungen gegen den Bauern aus Mercatale und die später als Compagni di merende bekannt gewordenen Verdächtigen erzählen.
Dafür werden in Florenz die damaligen Schauplätze wiederhergestellt: das Gefängnis Sollicciano, der Gerichtsbunker von Santa Verdiana, das frühere Gericht an der Piazza San Firenze und die alte Staatsanwaltschaft. Die Stadt spielt damit ihre eigene, bis heute nicht abgeschlossene Kriminalgeschichte nach.
Pacciani wurde 1994 wegen sieben der acht Doppelmorde zu lebenslanger Haft verurteilt und später in zweiter Instanz freigesprochen. Der Kassationsgerichtshof hob den Freispruch wieder auf. Zu einem neuen Verfahren kam es nicht mehr, weil Pacciani 1998 starb. Ein rechtskräftiges Urteil über seine Beteiligung existiert daher nicht.
Zwischen 1968 und 1985 wurden sechzehn Menschen ermordet. Wer dafür verantwortlich war, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Netflix kann Gerichtssäle rekonstruieren und alte Verdächtigungen neu erzählen. Gewissheit kann auch die Serie nicht schaffen.
Und Mercatale bleibt für mich ohnehin mehr als der Ort, aus dem das Fernsehen nun erneut Pietro Pacciani heraufbeschwört.
Bravìo delle Botti 2026 in Montepulciano
Anderswo gehören Weinfässer in den Keller. In Montepulciano werden sie durch die steilen Gassen bergauf getrieben. Beim Bravìo delle Botti kämpfen die acht Contraden um ein bemaltes Siegestuch: Je zwei spingitori bringen ein rund 80 Kilogramm schweres Fass bis hinauf zur Piazza Grande. Am 30. August findet die 52. Ausgabe des Rennens statt.
Einen besonderen Akzent setzte zuvor eine Frauenstaffel. Neu war allerdings nicht, dass Frauen ein Fass schoben – die „Dame della Botte“ treten bereits seit 2017 in einem eigenen Wettbewerb an. Erstmals bewältigten sie nun gemeinsam die vollständige Strecke des eigentlichen Bravìo. Die Paare wurden bewusst aus Frauen verschiedener Contraden gebildet. Für einmal ging es nicht um einen Sieger, sondern um das Verbindende hinter aller gepflegten Rivalität.
Das passt zum diesjährigen panno: Es erinnert an 80 Jahre Italienische Republik und daran, dass Frauen 1946 erstmals wählen durften. So erzählt das alte Fassrennen diesmal nebenbei auch eine neuere Geschichte – bevor am Sonntag wieder acht Contraden, acht Fässer und ein ziemlich steiler Weg über den Sieg entscheiden.

Audioguide für Sorano in fünf Sprachen
Manche Orte brauchen eigentlich keinen Erzähler. Sorano mit seinen Häusern aus Tuffstein, unterirdischen Kellern und etruskischen Hohlwegen hat nun trotzdem einen bekommen. Kostenlos auf Italienisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch.
Über einen QR-Code oder direkt im Browser öffnet sich nicht nur ein einzelner Rundgang, sondern ein Paket aus acht Audiotouren. Neben Sorano werden Sovana, die Felsensiedlung Vitozza und die kleineren Ortsteile der Gemeinde vorgestellt. Zu jeder Tour gibt es außerdem eine eigene Kinderversion, die aus Festungen, Höhlenwohnungen und etruskischen Gräbern kleine Entdeckungsreisen macht.
Der Audioguide erklärt unter anderem die Fortezza Orsini, das jüdische Viertel, die Felskeller und jene geheimnisvollen Wege, die schon die Etrusker tief in den Stein schnitten.
Praktisch daran: Man muss dafür nicht einmal in Sorano sein. Die Touren lassen sich auch zu Hause anhören – als akustischer Spaziergang durch die Tufflandschaft der südlichen Toskana oder als Einstimmung auf den nächsten Besuch.
Galerie: Bild der Woche 5
Festival des japanischen Films in Florenz 2026
Japan kommt nach Florenz. Nicht als Postkarte aus Kirschblüten, Tempeln und Leuchtreklame, sondern auf 16-Millimeter-Film. Vom 3. bis 6. September zeigt das Festival del Cinema Giapponese im Kino La Compagnia zehn Filme im Original mit italienischen Untertiteln. Der Eintritt ist frei.
Im Mittelpunkt stehen Landschaften, die mehr sind als schöne Kulissen. In Kaneto Shindōs nahezu dialoglosem Klassiker Die nackte Insel ringt eine Bauernfamilie einer kargen Insel das Überleben ab. In Das Dorf wartet eine Berggemeinde darauf, von einem Stausee verschluckt zu werden. Und Der Schrei des Windes verbindet auf einer Insel bei Okinawa die Gegenwart mit den Erinnerungen an den Krieg.
Diese drei Filme kommen als historische 16-Millimeter-Kopien aus dem Archiv des Japanischen Kulturinstituts in Rom nach Florenz. Neuere Produktionen und drei Kurzfilme ergänzen das viertägige Programm.
Den direkten Bogen nach Kyoto schlägt der Eröffnungsfilm Il giardino delle rose. Er erinnert an die inzwischen mehr als 60 Jahre währende Städtepartnerschaft mit Florenz. Doch die eigentliche Verbindung entsteht auf der Leinwand: zwischen zwei Kulturen, die wissen, dass Landschaft niemals nur Hintergrund ist.
Galerie: Bilder der Woche 6 und 7
Am Ende dieser Ausgabe bin ich noch immer kein Fußballfan. Aber ich verstehe ein wenig besser, weshalb eine ganze Stadt für ihren Verein violett leuchtet.
Vielleicht ist Verbundenheit überhaupt das heimliche Thema dieser Woche. Manchmal wiegt sie 80 Kilogramm und muss bergauf geschoben werden. Manchmal steckt sie in einem kleinen Umschlag oder einem Brautschleier. Und manchmal zieht sie eine 4.233,45 Meter lange, bunte Spur um eine Stadtmauer … auch wenn ein beträchtlicher Teil davon nur Sägemehl war.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.






