25.000 Windbeutel, Wölfe am Wasser & Florenz auf der Mauer 

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Diese Toskana Wochenschau beginnt dort, wo der Mensch für den Moment zurücktreten muss: an einem Fluss, der ohne Badegäste plötzlich wieder Enten und Fische zeigt.

Manchmal markieren Mauern, wo eine Stadt endete. Manchmal entscheiden zwei Seile, wann ein Pferderennen beginnt. Zwischen Brauchtum und Gegenwart, Schuld und zweiter Chance, Besitz und Verlust, Natur und menschlichem Anspruch.

Und in Orentano rollt sogar Geschichte durchs Dorf – mit 25.000 Windbeuteln. Willkommen zur 20. Ausgabe.

An der Elsa kehrt Ruhe ein

In der vergangenen Wochenschau mussten wir am Sentierelsa die Badehose einpacken. Nun zeigt sich, was ein Fluss macht, wenn der Mensch einmal nicht in ihm planscht, springt und für Instagram posiert. Schon am ersten Tag des Badeverbots wurden wieder Enten und deutlich mehr Fische beobachtet; auch das türkise Wasser wirkte ruhiger und klarer. Ein wissenschaftlicher Nachweis ökologischer Erholung ist das noch nicht, wohl aber eine bemerkenswerte Momentaufnahme. Freiwillige erklärten den Besuchern derweil, warum Baden und Sprünge vorerst untersagt sind.

Ganz still ist es an der Elsa trotzdem nicht geworden: Ein Raftinganbieter wehrt sich gegen die Einschränkungen. Der Konflikt zwischen Naturraum und Freizeitkulisse geht also in die nächste Runde.

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Posse: Alarm an der Fassade

An der Collodi-Schule in Pisa sorgten Pfeile und Aufschriften wie »Si fascia« und »No fascia« kurzzeitig für politischen Alarm. Man witterte faschistische oder gar nationalsozialistische Schmierzeichen. Bis die Stadtverwaltung den ideologischen Untergrund freilegte: Es waren Arbeitsanweisungen für die neue Wärmedämmung. »Fascia« kennzeichnete schlicht die Flächen, die mit einem thermischen Mantel versehen werden sollten. Selten wurde Faschismusverdacht so schnell weggedämmt.

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28 Jahre, zwei Tage und eine Stunde

Der Nicchio, eine der 17 historischen Stadtteilgemeinschaften Sienas und an seiner Muschel zu erkennen, musste 28 Jahre auf diesen Palio warten. Dann ließ ihn der Himmel noch zwei Tage länger zappeln: Zweimal wurde das Rennen wegen Regens verschoben. Am Dienstag dauerte allein die Mossa mehr als eine Stunde. Bei dieser komplizierten Startprozedur stehen neun Pferde zwischen zwei Seilen; erst das zehnte kommt von hinten und löst im richtigen Moment den Start aus.

Als es endlich so weit war, setzten sich Giovanni Atzeni, genannt Tittia, und der zehnjährige Wallach Anda e Bola sofort an die Spitze. Drei Runden lang gab das Gespann die Führung nicht mehr ab. Für Tittia war es der 13. Sieg, für den Nicchio der erste seit 1998.

Unmittelbar hinter dem Ziel schlug der Jubel jedoch in Entsetzen um. Contradaioli – die Mitglieder und Bewohner des siegreichen Stadtteils – liefen bereits auf die Bahn. Anda e Bola kollidierte mit Feiernden, Tittia stürzte kopfüber auf den festgewalzten Tuffbelag der Piazza del Campo. Das Pferd blieb unverletzt, der Fantino, wie der Palio-Jockey heißt, kam mit einem Schädeltrauma ins Krankenhaus. Seine Genesung macht Fortschritte, gefeiert wird im Nicchio erst, wenn er wieder dabei sein kann.

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Toskana Wochenschau: Fantini und Pferde beim Start des Palio di Siena auf der Piazza del Campo
Bei der Mossa stehen neun Pferde zwischen zwei Seilen. Erst der zehnte Fantino löst mit seinem Einritt den Start des Palio di Siena aus.

Elisas zweite Chance

Der Nicchio hat in dieser Woche noch eine zweite Geschichte erzählt. Sie handelt nicht vom Siegen, sondern von Schuld und der Frage, ob eine Täterin eine neue Chance bekommen darf.

Mit 13 Jahren gehörte Elisa Vardoni zu einer »Baby Gang«, die andere Mädchen beleidigte, verfolgte und körperlich angriff. Die Taten wurden gefilmt und in sozialen Netzwerken verbreitet. Die betroffenen Mädchen und ihre Familien gingen zur Polizei, ein Jugendgericht ordnete ein Rehabilitationsprogramm mit gemeinnütziger Arbeit an.

Bei der Misericordia di Siena, einer traditionsreichen Hilfsorganisation, kümmerte sich Elisa um einsame Senioren und Kinder. Auch nach Abschluss des Programms übernimmt sie dort weiterhin freiwillig Dienste.

Heute besucht die 19-Jährige ein technisches Institut und spielt beim Siena Femminile in der Serie C. Dass sie außerdem das Finale der Miss Toscana erreicht hat, ist dabei beinahe nebensächlich. Ihr eigentlicher Erfolg liegt abseits des Laufstegs.

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25.000 Windbeutel auf Rädern

Ein zwölf Meter langer und sechs Meter hoher Kuchenwagen, bedeckt mit 25.000 gefüllten Windbeuteln, zieht durch ein toskanisches Dorf – und am Ende wird er aufgegessen. Das ist kein missglückter Fiebertraum, sondern der jährliche Dolcione von Orentano. Seine Vorgeschichte begann zwischen den Weltkriegen und setzte sich nach 1945 fort: Zeitweise arbeiteten mehr als 300 Menschen aus Orentano in Roms Pasticcerien. Wenn sie im Sommer heimkehrten, brachten sie ihr Handwerk mit. 1968 entstand daraus die Festa del Bignè, 1987 hatte Ivo Stefanelli die noch vernünftigere Idee, aus dem Kleingebäck ein rollendes Monument zu bauen.

Seitdem wurden der Schiefe Turm von Pisa, römische Plätze, die Vespa, Leonardos Erfindungen und zuletzt der Aufstieg des Pisa SC in die Serie A in Windbeutel übersetzt. 2026 bestand das Dolcione aus einem Denkmal für die Verfassung und 80 Jahre Republik. Frauen in Kleidung von 1946 stellten den ersten landesweiten Urnengang mit weiblicher Beteiligung nach. Dann hielt das Riesengebäck vor dem Haus der 101-jährigen Rosetta Buoncristiani, die damals selbst gewählt hatte. Mehr Brauchtum geht kaum: Erst wird Geschichte gebaut, dann gemeinsam verspeist.

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Ein Notarvertrag und trotzdem kein Zuhause

Drei Besichtigungen, ein leicht nachverhandelter Preis und drei Monate später der Notartermin: Im Februar kaufte ein 48-jähriger Arbeiter in Florenz für rund 200.000 Euro eine Wohnung in Novoli. Dort wollte er mit seiner Frau und dem minderjährigen, behinderten Sohn leben.

Einen Tag nach dem rogito, dem notariellen Eigentumsübergang, meldete das Unternehmen des Verkäufers Insolvenz an. Die Wohnung fiel in die Insolvenzmasse, die Familie musste nach abgeschlossener Renovierung ausziehen und lebt seither abwechselnd in Hotels und bei Freunden, während der Kredit weiterläuft.

Der Verkäufer soll von der drohenden Pleite gewusst haben; inzwischen steht er wegen des Verdachts auf schweren Betrug und betrügerischen Bankrott unter Hausarrest. Die gezahlten 200.000 Euro wurden vorläufig beschlagnahmt.

Ein Extremfall, gewiss. Aber auch eine bittere Erinnerung daran, warum es in Casa Mia – Dein Weg zur eigenen Immobilie in Italien nicht nur um schöne Häuser, sondern vor allem um die Prüfungen vor der Unterschrift geht.

Schichtwechsel an der Wasserstelle

Im Parco della Maremma hat die Hitze einen inoffiziellen Trinkplan eingeführt. Fotofallen zeigen, wie Reiher und Damwild gemeinsam an den verbliebenen Tümpeln und Quellen stehen, während Wildschweine und Wölfe einander sorgfältig ablösen.

Forschende der Universität Siena nennen das »zeitliche Vermeidung«: Räuber und mögliche Beute nutzen dieselbe Wasserstelle, nur zu unterschiedlichen Stunden.

Hinter dem friedlichen Schichtwechsel steckt allerdings mehr als eine hübsche Tiergeschichte. Eine mehrjährige Untersuchung in acht toskanischen Schutzgebieten mit über 12.400 Beobachtungstagen zeigt, dass große Hitze den Tagesrhythmus der Tiere stärker verändert als die Anwesenheit von Menschen. Rehe ziehen sich tagsüber zurück und werden nachts aktiver, obwohl dann die Gefahr steigt, einem Wolf zu begegnen.

In der Maremma bestimmt inzwischen der Durst den Stundenplan. Und offenbar weiß jeder, wann er an der Reihe ist.

  Galerie: Bild der Woche 6 und 7

Warme Füße seit 2.000 Jahren

Bei Acquaviva, einem Ortsteil von Montepulciano, wächst ein 2.000 Jahre altes Puzzle. Auf rund 600 Quadratmetern legen Archäologen in Fontegrande eine römische Thermenanlage aus der frühen Kaiserzeit frei. Neu hinzugekommen ist ein Raum mit Apsis, wasserfestem Ziegelmörtelboden und Rohrleitungen – vermutlich das frigidarium für die kalten Bäder.

Gleich nebenan wurde schon in den 1990er-Jahren das Gegenprogramm entdeckt: zwei calidaria für Heißbäder, vielleicht getrennt nach Frauen und Männern. Beheizt wurden sie durch ein Hypokaustum. Dabei ruhte der Fußboden auf kleinen Pfeilern, sodass heiße Luft aus den Öfen darunter zirkulieren konnte. Römische Fußbodenheizung, lange bevor das Wort Energieeffizienz erfunden war.

Diesmal sollen die freigelegten Mauern nicht wieder aus dem Blick verschwinden. Ein überdachter Besucherweg ist bereits geplant und kann modular mitwachsen, falls Fontegrande noch weitere Räume preisgibt. Das Bad wird damit Teil der »Wege des Wassers«, die antike Wasserorte der Valdichiana miteinander verbinden sollen.

  Galerie: Bild der Woche 8

Wo Florenz einmal endete

Florenz hat seine Stadtmauer nicht vollständig verloren. Es hat sie nur weitgehend aus dem Blick gerückt. Der letzte mittelalterliche Mauerring war rund acht Kilometer lang und entstand zwischen dem späten 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Als Florenz im 19. Jahrhundert Hauptstadt des jungen Königreichs Italien wurde, mussten große Teile nördlich des Arno den neuen Ringstraßen weichen. Im Oltrarno blieb deutlich mehr erhalten, bislang jedoch meist verschlossen. Nur etwa ein Drittel der erhaltenen Tore und Türme ist zugänglich, von den Wegen auf den Mauerkronen gerade einmal sechs Prozent.

Das soll sich mit dem neuen Stadtmauerprogramm PUMA ändern. Bis 2029 werden Mauern, Tore und Türme restauriert und neue Höhenwege vorbereitet, unter anderem an der Via di Belvedere unterhalb des Piazzale Michelangelo. Dann ließe sich Florenz nicht nur von einer Kuppel oder einem Aussichtspunkt betrachten, sondern entlang jener steinernen Linie, die einst festlegte, wo die Stadt endete.

Toskana Wochenschau: Mittelalterlicher Turm und Stadtmauer an der Via della Madonna della Pace in Florenz
Turm und erhaltene Stadtmauer an der Via della Madonna della Pace: Teile der mittelalterlichen Befestigung sollen restauriert und durch neue Besucherwege erschlossen werden.

Als Florenz noch anders klang

Die Florentiner Renaissance wird gewöhnlich betrachtet: in Gemälden, Palästen und Marmor. FloReMus erinnert daran, dass sie auch gehört wurde.

Vom 6. bis 27. September bringt das Festival in seiner zehnten Ausgabe die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts zurück in die Stadt. Veranstalter ist das seit 1982 bestehende Ensemble L’Homme Armé, benannt nach einem französischen Lied des späten Mittelalters, dessen Melodie zahlreiche Komponisten weiterverarbeiteten.

Auf dem Programm stehen zehn Konzerte, musikalische Bibliotheksbesuche, Gespräche, ein Workshop und eine abschließende Wanderung auf den Spuren der Belagerung von Florenz 1529. Dabei geht es um Luthers Reformation ebenso wie um Lucrezia Borgia, historische Tasteninstrumente oder den musikalischen Austausch zwischen den Höfen von Florenz und Mantua.

Gespielt und erzählt wird unter anderem im Cenacolo del Fuligno, im Palazzo Medici Riccardi und in der Basilica della Santissima Annunziata. FloReMus liefert der Renaissance keine Begleitmusik. Es gibt ihr ihre Stimme zurück.

  Galerie: Bilder der Woche 9 und 10

Seit 1908 geht es bergauf

Livornos öffentlicher Nahverkehr besitzt eine Linie, die weniger durch die Stadt als den Berg hinaufführt.

Am 19. August 1908 nahm die Standseilbahn von Montenero ihren Betrieb auf – als erste elektrisch angetriebene funicolare Italiens. Gleichzeitig erhielt der hoch gelegene Ortsteil elektrisches Licht. Die Strecke ist nur 644 Meter lang, überwindet dabei jedoch 110 Höhenmeter und erreicht mehr als 18 Prozent Steigung.

Zwei Wagen teilen sich ein Gleis und passieren einander an einer Ausweichstelle in der Mitte. Bis zum Bau der Panoramastraße 1963 war die Bahn die wichtigste Verbindung zum Marienheiligtum von Montenero.

Inzwischen fährt sie vollautomatisch, wird von einer Photovoltaikanlage unterstützt und kann bei Stromausfall auf Batteriebetrieb wechseln. Selbst die Flut von 2017, die Gleisbett, Stationen und 75 Meter Stützmauer zerstörte, legte sie nur kurzzeitig lahm. 2025 beförderte sie knapp 94.000 Menschen. Ein Museumsstück ist sie also nur dem Alter nach.

  Galerie: Bilder der Woche 11 und 12


Damit endet diese Ausgabe 110 Höhenmeter über Livorno. Unten jedoch wird weiter gestritten, gebaut, gegraben, erinnert und gelegentlich ein Denkmal aufgegessen. Nächsten Freitag schauen wir wieder nach, was davon geblieben ist und was die Toskana inzwischen neu erfunden hat.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael


Bilder der Woche

  • Toskana Wochenschau: Badeverbotsschild am türkisblauen Fluss Elsa bei Colle di Val d’Elsa
  • Toskana Wochenschau: Braune Markierungen und ein Pfeil auf einer gelben Hausfassade in Pisa
  • Toskana Wochenschau: gestürztes Pferd und sein Fantini nach dem Palio di Siena
  • Toskana Wochenschau: Elisa mit Startnummer bei einer regionalen Auswahl für Miss Italia
  • Toskana Wochenschau: Dolcione aus 25.000 Windbeuteln zur italienischen Republik in Orentano
  • toskana-wochenschau-wildschweine-maremma
  • Toskana Wochenschau: Reh an einer nahezu ausgetrockneten Wasserstelle im Parco della Maremma
  • Toskana Wochenschau: Archäologische Ausgrabung am römischen Fundplatz Fontegrande bei Montepulciano
  • Toskana Wochenschau: Gruppenporträt des Ensembles L’Homme Armé, Veranstalter des Festivals FloReMus
  • Toskana Wochenschau: Gambistin und Sängerin Giovanna Baviera mit ihrem historischen Streichinstrument
  • Toskana Wochenschau: Fahrgäste steigen in die historische Standseilbahn von Montenero bei Livorno
  • Toskana Wochenschau: Roter Wagen der Funicolare di Montenero auf einer Brücke über einer Wohnstraße

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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