Die Toskana Wochenschau erzählt manchmal von Neuigkeiten. Und manchmal davon, warum die Toskana bis heute ein wenig anders tickt.
In dieser Ausgabe #10 rollen historische Automobile durch Italien, eine weltweite Bewegung kehrt in ein kleines Dorf im Chianti zurück und Florenz bereitet sich auf sein traditionsreichstes Fest vor. Außerdem geht es um Leonardos Notizbücher, ein rätselhaftes Kunstwerk aus der Zeit der Medici und die Frage, warum plötzlich alle Zitronen fotografieren, die gar keine Zitronen sind.
Kurz gesagt: Es wird historisch, ein wenig kurios und stellenweise ziemlich italienisch.
Die 1000 Miglia rollt durch die Toskana
Manche Veranstaltungen schaut man sich an. Andere hört man schon, bevor man sie sieht. Die 1000 Miglia gehört zur zweiten Kategorie.
Mehr als 400 historische Automobile haben in dieser Woche die Toskana durchquert und dabei Orte passiert, die selbst ohne Oldtimer bereits Postkartenmotive wären: die Stadtmauern von Lucca, die Piazza dei Miracoli in Pisa, die Piazza del Campo in Siena und die sanften Hügel der Val d’Orcia.
Die einstige Langstreckenfahrt von Brescia nach Rom und zurück gilt vielen als das schönste Autorennen der Welt. Heute steht weniger die Geschwindigkeit im Vordergrund als die Faszination für historische Fahrzeuge und die Atmosphäre entlang der Strecke. Tausende Zuschauer säumten die Straßen, während glänzende Alfa Romeos, Bugattis und Bentleys durch einige der schönsten Landschaften Italiens rollten.
Besonders eindrucksvoll war erneut der Halt auf der Piazza del Campo in Siena, wo die historischen Fahrzeuge vor der einzigartigen Kulisse des mittelalterlichen Platzes einrollten. Für einen Moment wirkte es, als hätte jemand die Zeit um mehrere Jahrzehnte zurückgedreht.
Wochen-Ciao-Fazit: Selbst wer sich nicht für Autos interessiert, dürfte zugeben: Eine schönere Art, durch die Toskana zu reisen, lässt sich kaum vorstellen.

Greve und die Kunst des langsamen Lebens
Wer heute von Slow Food, Slow Travel oder Entschleunigung spricht, denkt meist an einen modernen Lifestyle-Trend. Tatsächlich liegen die Wurzeln der Bewegung im Herzen des Chianti. In Greve in Chianti entstand in den 1990er-Jahren die Idee der Cittaslow-Städte – Orte, die Lebensqualität, Nachhaltigkeit und regionale Identität bewusst in den Mittelpunkt stellen.
In diesem Monat kehrt die internationale Bewegung an ihren Ursprung zurück: Delegationen aus zahlreichen Ländern treffen sich in Greve zur internationalen Versammlung der Cittaslow-Städte. Was einst als lokale Initiative begann, umfasst heute mehr als 300 Städte in 33 Ländern.
Ich habe viele Jahre nur wenige Kilometer von Greve entfernt gelebt. Als ich damals zum ersten Mal von der Idee der Cittaslow hörte, erschien sie mir fast überflüssig. Wer einmal erlebt hat, wie die Uhren im Chianti ticken, kommt von selbst auf die Idee, dass Eile dort eher als unverbindlicher Vorschlag verstanden wird.
Wochen-Ciao-Fazit: Dass eine weltweite Bewegung für das bewusste, entschleunigte Leben ausgerechnet in Greve in Chianti entstand, überrascht eigentlich nur Menschen, die noch nie dort waren.
Florenz zählt die Tage bis San Giovanni
Für die Florentiner beginnt die wohl traditionsreichste Zeit des Jahres. Die Stadt bereitet sich auf San Giovanni, das Fest ihres Schutzpatrons Johannes des Täufers, vor. Dazu gehören historische Umzüge, Fahnenwerfer, Gottesdienste und natürlich der berühmte Calcio Storico, dessen Halbfinals bereits an diesem Wochenende auf der Piazza Santa Croce ausgetragen werden.
Wer beim Wort Fußball an Bundesliga oder Champions League denkt, wird allerdings überrascht sein. Der Calcio Storico geht auf ein Spiel aus dem 16. Jahrhundert zurück und erinnert eher an eine Mischung aus Rugby, Ringkampf und kontrolliertem Chaos. Gespielt wird nach historischen Regeln, die den Teilnehmern erstaunlich viel Freiheit lassen, sich gegenseitig die Nase krumm zu klopfen. Schubsen, Ringen, Festhalten und spektakuläre Zusammenstöße gehören ausdrücklich zum Konzept.
Das große Finale findet am 24. Juni, dem eigentlichen Festtag von San Giovanni, statt. Dann ziehen historische Formationen durch die Stadt, bevor am Abend das traditionelle Feuerwerk über dem Arno den Höhepunkt der Feierlichkeiten bildet.
Ich habe die Spiele mehrfach erlebt und kann bestätigen: Selbst Menschen, die sich normalerweise nicht für Sport interessieren, bleiben spätestens nach dem ersten Zusammenprall mit offenem Mund stehen. Zwischen Trommlern, Renaissancekostümen und Fahnenwerfern wirkt das Ganze wie eine Zeitreise – bis zwei Spieler beschließen, ihre Meinungsverschiedenheiten auf sehr direkte Weise zu klären.
Wochen-Ciao-Fazit: In Florenz wird Ende Juni nicht nur gefeiert. Man pflegt auch eine jahrhundertealte Tradition, bei der man sich gelegentlich mit historischem Regelwerk die Nase krumm haut.
Manchmal genügt ein Oldtimer, ein Dorfplatz oder ein Mann auf einer Vespa, um eine gute Geschichte zu erzählen.
Das Rätsel um den Livorno-Torso
Der sogenannte Livorno-Torso, eine antike Bronze aus der Sammlung der Medici, ist nach einer zweijährigen Restaurierung wieder im Archäologischen Museum von Florenz zu sehen. Dabei bestätigten Wissenschaftler etwas Erstaunliches: Die Statue hat offenbar lange Zeit unter Wasser gelegen. Muschelreste, Meeresablagerungen und Spuren im Inneren der Bronze deuten darauf hin, dass sie einst auf dem Grund des Meeres lag.
Das Kuriose daran: Bis heute ist unklar, woher die Statue ursprünglich stammt. Fachleute diskutieren seit Jahrzehnten darüber, ob es sich um ein griechisches Original oder eine römische Kopie handelt. Sicher ist nur, dass der Torso bereits zu Zeiten von Cosimo I. de‘ Medici als kostbares Kunstwerk galt.
Wochen-Ciao-Fazit: Manche Museumsstücke erzählen ihre Geschichte bereitwillig. Andere verbringen erst ein paar Jahrhunderte auf dem Meeresgrund und behalten den spannendsten Teil trotzdem für sich.
Leonardos Notizbücher sind wieder vereint
Manchmal lohnt es sich, eine Geschichte weiterzuverfolgen. Vor einigen Wochen hatte ich in der Wochen-Ciao über ein ehrgeiziges Projekt des Museo Galileo in Florenz berichtet: Leonardo da Vincis verstreute Manuskripte sollten nach mehr als vier Jahrhunderten zumindest digital wieder zusammengeführt werden.
Nun ist die Plattform Leonardotheka online. Erstmals lassen sich dort die wichtigsten Leonardo-Bestände aus Mailand und Windsor gemeinsam durchsuchen. Rund 3.500 Seiten mit Skizzen, Zeichnungen und Notizen stehen frei zur Verfügung.
Besonders faszinierend: Einige Manuskriptseiten konnten digital wieder zusammengesetzt werden, nachdem sie seit dem späten 16. Jahrhundert getrennt waren. Was einst zu Leonardos Werkstatt gehörte, findet auf dem Bildschirm wieder zusammen.
Wochen-Ciao-Fazit: Manchmal dauert es eben etwas länger. In diesem Fall nur rund 400 Jahre.
Dante liefert jetzt Essen aus
In Florenz ist derzeit ein Street-Art-Werk zu sehen, das vermutlich selbst Dante Alighieri zum Schmunzeln gebracht hätte. Der Künstler Noone zeigt den berühmtesten Sohn der Stadt als Lieferfahrer auf einer Vespa – ausgestattet mit Thermorucksack und dem vielsagenden Schriftzug life is a inferno.
Das Wandbild vereint gleich mehrere italienische Ikonen: Dante aus Florenz, die Vespa aus Pontedera und die moderne Welt der Lieferdienste. Hinter dem augenzwinkernden Motiv steckt jedoch auch Kritik an den Arbeitsbedingungen der sogenannten Gig Economy, in der immer mehr Menschen von kurzfristigen Aufträgen leben.
Wochen-Ciao-Fazit: Sieben Jahrhunderte nach der Göttlichen Komödie muss Dante offenbar immer noch durchs Inferno. Diesmal allerdings auf einer Vespa.

Frucht oder Dessert?
Wer derzeit durch die sozialen Netzwerke scrollt, begegnet ihnen früher oder später: perfekt aussehenden Zitronen, Erdbeeren oder Erdnüssen, die sich beim Anschneiden plötzlich als aufwendige Desserts entpuppen. Der Trend der sogenannten frutta realistica hat Millionen Aufrufe auf TikTok und Instagram gesammelt – und inzwischen auch Florenz erreicht.
Einige Florentiner Konditoreien berichten von einem regelrechten Ansturm. Besonders junge Kunden kaufen die täuschend echten Kunstwerke nicht nur zum Essen, sondern auch zum Filmen. Das Überraschungsmoment landet anschließend direkt auf den sozialen Netzwerken. Zeitweise wurden täglich mehr als 250 Stück verkauft.
Das Faszinierende: Außen sehen die Kreationen aus wie Obst aus dem Garten. Innen verbergen sich Mousse, Cremes und Fruchtfüllungen. Man weiß erst beim Anschneiden, ob man gerade eine Zitrone oder ein Dessert vor sich hat.
Wochen-Ciao-Fazit: Früher fotografierten Touristen den Dom von Florenz. Heute filmen sie Zitronen, die gar keine Zitronen sind. Wir leben in verrückten Zeiten!
Zwischen historischen Rennwagen, Renaissance-Notizbüchern, entschleunigten Dörfern und kämpferischen Florentinern war diese Ausgabe wieder eine kleine Reise durch die vielen Facetten der Toskana.
Für heute schließen wir das Notizbuch und lassen die Geschichten noch ein wenig nachklingen.
Ich wünsche dir eine gute Woche – mit ausreichend Zeit für einen Espresso, ein gutes Buch und möglichst wenig Eile.
A presto!
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.





