Kunst, Klänge & kleine Rückkehrer

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Die neue Toskana Wochenschau führt diesmal zwischen Renaissancefresken, nächtlich geöffneten Museen, digitalen Leonardo-Manuskripten und erstaunlich treuen Zugvögeln hindurch. Dazwischen: multisensorische Spaziergänge im Boboli-Garten, Florenz als Sommergalerie, ein preisgekrönter Flughafen — und die Erkenntnis, dass man die Toskana manchmal am besten entdeckt, wenn man sich einfach treiben lässt.

Florenz wird zur Sommergalerie

Während viele Besucher im Sommer vor allem an Dom, Ponte Vecchio und Uffizien denken, verwandelt sich Florenz derzeit fast nebenbei wieder in eine große Ausstellungsstadt.

Zu den wichtigsten Sommerausstellungen gehören die Rothko-Retrospektive im Palazzo Strozzi, Firenze Déco im Palazzo Medici Riccardi und Werke von Georg Baselitz im Museo Novecento.

Das Schöne daran: Viele dieser Ausstellungen liegen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Man läuft also nicht nur durch Florenz — man bewegt sich gleichzeitig durch völlig unterschiedliche Epochen, Stile und Blickwinkel.

Vielleicht ist genau das eine der angenehmsten Arten, diese Stadt zu entdecken: nicht Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern zwischendurch einfach in einem Palazzo verschwinden.

Florenz vor den Selfiesticks

Wer Florenz einmal ohne Smartphones, Influencerposen und Touristenschlangen sehen möchte, sollte derzeit die Foto-Locchi-Ausstellung in der Villa Bardini besuchen.

Gezeigt werden historische Aufnahmen aus den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren — ein Florenz zwischen Nachkriegszeit, Eleganz und langsam wachsendem Tourismus.

Straßen. Plätze. Alltagsszenen. Und eine Stadt, die gleichzeitig vertraut wirkt und doch völlig anders aussieht.

Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieser Bilder: Sie erinnern daran, dass Florenz nicht immer Kulisse war, sondern zuerst einmal eine ganz normale, lebendige Stadt.

Santa Maria Novella und Masaccios Trinität

Zwischen rollenden Koffern, Straßenbahnen und dem täglichen Gedränge rund um den Florentiner Hauptbahnhof wurde in diesen Tagen still an einem der wichtigsten Werke der Frührenaissance gearbeitet.

In Santa Maria Novella ist die dreijährige Restaurierung von Masaccios berühmter Trinità abgeschlossen worden — jenem Fresko, das als eines der ersten Meisterwerke perspektivischer Malerei gilt.

Die Restauratoren entkoppelten die historische Konstruktion behutsam von der Mauer dahinter, damit das Werk künftig „atmen“ kann und neue Spannungsrisse vermieden werden. Eine technische Maßnahme — und zugleich eine kleine Erinnerung daran, dass selbst die großen Ikonen der Renaissance manchmal einfach ein wenig Luft brauchen.

Masaccios restaurierte Trinità in Santa Maria Novella in Florenz
Masaccios restaurierte Trinità in Santa Maria Novella in Florenz

Museumsnacht zwischen Donatello und Innenhöfen

Wer an diesem Wochenende in der Toskana unterwegs ist, kann die Region einmal nicht zwischen Warteschlangen und Smartphonekameras erleben, sondern in ungewöhnlicher Abendruhe.

Zur Notte Europea dei Musei öffnen zahlreiche Museen und Kulturorte bis Mitternacht — vielerorts für den symbolischen Eintrittspreis von nur einem Euro.

In Florenz beteiligen sich unter anderem die Accademia, das Bargello, San Marco und Palazzo Davanzati, während andernorts Abteien, Stadtmuseen und historische Palazzi ihre Türen bis spät in die Nacht offenhalten.

Zwischen Donatello, Rothko, Fresken und Innenhöfen entsteht dabei jener seltene Moment, in dem Kultur nicht wie ein Programmpunkt wirkt, sondern wie ein Spaziergang durch die eigene Geschichte.

Leonardos Manuskripte finden digital zusammen

Leonardo da Vinci bekommt gewissermaßen ein digitales Gedächtnis zurück.

Museen und Bibliotheken aus Italien und Großbritannien arbeiten derzeit an einer Plattform, die verstreute Manuskripte, Skizzen und Notizen des Renaissance-Genies virtuell wieder zusammenführt. Im Mittelpunkt steht dabei der berühmte Codex Atlanticus, dessen Seiten heute auf verschiedene Sammlungen verteilt sind.

Die neue Plattform soll künftig fast 1.200 Manuskriptseiten miteinander verknüpfen und Forschern wie Interessierten einen gemeinsamen digitalen Zugang ermöglichen.

Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, ob Technik Kultur verdrängt, zeigt Florenz einmal mehr das Gegenteil: Manchmal hilft ausgerechnet die Digitalisierung dabei, Geschichte wieder sichtbar zu machen.

Die Rückkehr der Averla

Manche Rückkehrer brauchen keine Schlagzeilen.

Im pistoiesischen Apennin ist erneut dasselbe Paar Neuntöter (Averla piccola) aufgetaucht — jener kleine Zugvogel mit der auffälligen schwarzen Augenmaske, der jedes Jahr tausende Kilometer zwischen Afrika und Europa zurücklegt.

Nach rund 12.000 Kilometern fanden die beiden Tiere erneut denselben Ort in der Toskana wieder.

Zwischen all den Debatten über Mobilität, Beschleunigung und permanente Bewegung wirkt diese Nachricht fast seltsam beruhigend: Selbst in einer rastlosen Welt gibt es offenbar noch Wesen, die zuverlässig zurückkehren.

Boboli mit verbundenen Augen

Im Boboli-Garten kann man die Toskana derzeit nicht nur ansehen, sondern buchstäblich fühlen.

Unter dem Titel Giardino dei sensi werden dort wieder multisensorische Führungen angeboten, bei denen Besucher mit verbundenen Augen durch die botanischen Bereiche des Parks geführt werden — begleitet von sehbehinderten Guides.

Statt Aussichtspunkten stehen plötzlich Düfte, Oberflächen, Geräusche und Pflanzenstrukturen im Mittelpunkt. Unterstützt wird das Projekt sogar von Sensorik und Audiotechnik entlang der Wege.

Eine ungewöhnliche Idee, die erstaunlich gut zu Florenz passt: Ausgerechnet in einer Stadt, die sonst so stark vom Sehen lebt, geht es diesmal darum, die Welt für einen Moment anders wahrzunehmen.

Multisensorische Führung im Boboli-Garten in Florenz mit verbundenen Augen
Giardino dei Sensi im Boboli-Garten – Florenz Multisensorische Führung im Boboli-Garten in Florenz mit verbundenen Augenohne Augenlicht

Der Flughafen Florenz wächst leise weiter

Während viele Reisende über Florenz vor allem als Kunststadt sprechen, wächst der Flughafen der Stadt inzwischen still zu einem immer wichtigeren Knotenpunkt heran.

Der »Vespucci« wurde nun von europäischen Fluggesellschaften zum besten Flughafen Europas seiner Größenklasse ausgezeichnet — also unter Airports mit weniger als fünf Millionen Passagieren jährlich. Fast vier Millionen Menschen nutzten den Flughafen bereits 2025, dazu kommen inzwischen rund 40 Ziele und zahlreiche internationale Verbindungen.

Besonders spannend daran: Der Flughafen soll in Zukunft nicht einfach nur erweitert, sondern architektonisch regelrecht in die toskanische Landschaft hineingeschrieben werden. Der Entwurf des Architekturbüros Rafael Viñoly sieht einen Terminal vor, dessen Dach auf rund acht Hektar Fläche vollständig als Weinberg angelegt wird. Die Reben sollen später sogar geerntet und der Wein direkt vor Ort verkauft werden.

Die Idee dahinter ist typisch Toskana: Infrastruktur nicht als Fremdkörper zu bauen, sondern als Teil der Landschaft.

Zwischen Renaissancekuppeln, Regionalzügen und künftig vielleicht sogar Dachweinbergen zeigt sich damit einmal mehr ein typisch florentinischer Widerspruch: Die Stadt wirkt oft wie ein Freilichtmuseum — und denkt gleichzeitig erstaunlich futuristisch.

Die Toskana entdeckt den Urlaub mit Haustieren

Auch Reisen mit Hund oder Katze werden in der Toskana zunehmend zum Wirtschaftsfaktor.

Eine aktuelle Studie zählt die Region inzwischen zu den beliebtesten Zielen Italiens für Urlauber mit Haustieren — besonders gefragt seien dabei Bergregionen und Orte entlang des Apennin.

Dahinter steckt längst mehr als nur ein Trend: In Italien leben inzwischen deutlich mehr Hunde und Katzen als Kinder unter 14 Jahren.

Die Toskana reagiert darauf mit „pet-friendly“-Initiativen, neuen Qualitätsstandards und spezielleren Angeboten für Reisende mit Vierbeinern. Ganz reibungslos funktioniert das allerdings noch nicht: Viele Unterkünfte, Restaurants oder Verkehrsmittel tun sich weiterhin schwer mit klaren Regeln.


Oder anders gesagt: Italien liebt Hunde — solange sie nicht gleichzeitig einchecken wollen. Und irgendwo zwischen Museumsnacht, Renaissancefresken, Boboli-Gärten und kleinen Zugvögeln zeigt sich vielleicht wieder einmal das eigentliche Prinzip dieser Region: Die Toskana lebt nicht davon, stehen geblieben zu sein. Sondern davon, ständig neue Wege zu finden, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.

 

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