Sterne, Schildkröten & eine Abtei, die es nie gab

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Ciao, ihr Lieben! Benvenuti zur 31. Ausgabe der Toskana Wochenschau! Diese Woche wird es in der Toskana ein bisschen rätselhaft. Eine Abtei, die es vermutlich nie gegeben hat, spielt die Hauptrolle in einem handfesten Kunstskandal. In Florenz kann man trotz richtiger Adresse vor der falschen Tür stehen. Und eine Schildkröte bekommt ein Segel verpasst – ausgerechnet von den Medici. Dazwischen geht es um 2.500 selbst gestaltete Sterne, eine ganz besondere Großmutter und die Frage, was Dante mit einer ganzen Stadt voller Menschen anfangen kann.

2.500 Sterne für Barberino Val d’Elsa

Was passiert, wenn man den Bewohnern eines kleinen toskanischen Ortes 2.500 Keramikfliesen in die Hand drückt und sie bittet, darauf ihre ganz persönliche Vorstellung eines Sterns zu verewigen? In Barberino Val d’Elsa ist daraus eine ganze Galaxie entstanden.

Die Panoramaterrasse des Ortes, von der aus der Blick über die Hügel der Valdelsa schweift, soll nach langer Zeit der Nichtnutzung wieder zu einem Treffpunkt werden. Aber statt einfach einen neuen Boden verlegen zu lassen, hat die Gemeinde ihre Bewohner selbst zu Künstlern gemacht.

Unter dem Titel Spazio Antico – Tempo Nuovo (Alter Raum – Neue Zeit) entwickelten die Künstlerin Adele Giuntini und der Architekt Francesco Casella ein ungewöhnliches Gemeinschaftsprojekt. Rund hundert Keramikworkshops fanden statt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene griffen zu Ton und Werkzeugen, um ihre eigenen Sterne zu gestalten.

Mal geometrisch, mal verspielt, mal kaum mehr als ein paar Linien. Manche Sterne lachen, andere scheinen zu tanzen. Keiner muss aussehen wie der andere. Und genau das ist die Idee.

Besonders eindrucksvoll ist die Beteiligung der Schulen: Rund 800 Fliesen stammen von Kindern aus 35 Klassen. Insgesamt sind inzwischen 2.500 kleine Kunstwerke entstanden, die später zu einer riesigen Spiralgalaxie zusammengesetzt werden sollen. Das Muster orientiert sich am Goldenen Schnitt und der berühmten Fibonacci-Folge. Lichtpunkte werden auf besondere Orte der Umgebung verweisen, darunter das Osservatorio Polifunzionale del Chianti.

Die erste Phase ist inzwischen abgeschlossen. Die Sterne sind fertig, doch die Terrasse muss erst noch entsprechend umgestaltet werden. Dann wird aus den vielen einzelnen Keramikstücken ein öffentliches Kunstwerk, das nicht einfach nur betrachtet, sondern täglich betreten und genutzt werden kann.

Und das gefällt mir an diesem Projekt besonders: Die Menschen von Barberino bekommen nicht bloß eine hübsch renovierte Terrasse. Sie haben selbst etwas geschaffen, das zu ihrem Ort gehört. Jeder Stern erzählt von jemandem, der dort lebt, zur Schule geht oder seine Freizeit verbringt. 2.500 Sterne. Und hinter jedem steckt ein Mensch.

  Galerie: Bilder der Woche 1 und 2

Nonna Silvi:
Abschied von Italiens berühmter Koch-Oma

Eigentlich war ihr Enkel schuld. Er hatte sich tätowieren lassen und wollte seiner Großmutter das neue Kunstwerk zeigen. Ihre Reaktion filmte er mit dem Handy. Das Video landete im Internet und wurde zum Hit. So begann im Oktober 2022 eine Karriere, mit der vermutlich niemand in der Familie gerechnet hatte. Am wenigsten wohl die damals 81-jährige Silvana Bini. Unter dem Namen Nonna Silvi wurde sie innerhalb weniger Jahre zu einer der bekanntesten italienischen Küchenpersönlichkeiten in den sozialen Medien. Mehr als vier Millionen Menschen folgten ihr allein auf Instagram. Und wer ihr einmal beim Kochen zugesehen hat, versteht schnell, warum.

Mit roter Kappe, Schürze und einer gehörigen Portion toskanischem Temperament stand sie vor der Kamera, erklärte ihre Rezepte, gestikulierte, schimpfte gelegentlich und redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Hochglanzküche? Fehlanzeige. Bei Nonna Silvi ging es um gutes Essen und darum, dass auch aus ein paar Resten noch etwas Ordentliches werden kann.

Dabei hatte Silvana Bini den größten Teil ihres Lebens ganz ohne Kameras verbracht. 1941 in Montespertoli als jüngstes von acht Kindern geboren, musste sie früh mit anpacken. Mit 14 verdiente sie ihr erstes Geld als Büglerin, später arbeitete sie in einer Stickerei. Als ihr Sohn Marco 2006 den Forno Martini in Castelfiorentino eröffnete, wurde die Familienbäckerei auch zu ihrem Arbeitsplatz. Erst ihre Enkel Gabriele und Simone brachten die Großmutter ins Internet. Was mit ein paar lustigen Familienvideos begann, führte sie schließlich weit über die Toskana hinaus. Sie veröffentlichte Kochbücher, wurde ausgezeichnet und reiste 2024 sogar nach Katar, um für die dortige Herrscherfamilie zu kochen. Im Oktober 2026 erhielt sie noch einen Preis von Forbes Italia.

Am 31. Oktober ist Silvana Bini im Alter von 85 Jahren in ihrem Haus in Montespertoli gestorben. Eine plötzlich aufgetretene schwere Krankheit hatte ihr innerhalb von nur zwanzig Tagen die Kräfte genommen. Ihre Familie war bis zuletzt bei ihr.

Die Enkel erzählten später, dass sie selbst in diesen letzten Tagen noch wissen wollte, was zu tun sei und wie es in der Bäckerei laufe. Das passt zu einer Frau, für die Familie und Arbeit offenbar nie weit auseinanderlagen. Der Forno Martini soll weitergeführt werden. Auch das gemeinsame Projekt rund um Nonna Silvi soll bestehen bleiben.

Und ihre Videos natürlich. Darin wird sie weiterhin in ihrer Küche stehen, den Kochlöffel schwingen und den Menschen erklären, wie man aus einfachen Zutaten etwas Gutes macht.

Buon viaggio, Nonna Silvi. Und grazie für all die Geschichten aus deiner Küche.

Rote Hausnummern in Florenz:
Was bedeutet das „r“?

Stell dir vor, du hast in Florenz einen Tisch in einem Restaurant reserviert. Du kennst die Straße, du kennst die Hausnummer, und trotzdem stehst du vor der falschen Tür. Statt einer Trattoria findest du einen Hauseingang. Das Restaurant liegt vielleicht ein paar Schritte weiter. Vielleicht aber auch mehrere Hundert Meter entfernt.

Willkommen in Florenz, wo eine Hausnummer nicht unbedingt das bedeutet, was man darunter versteht.

Die Stadt leistet sich nämlich gleich zwei Nummerierungssysteme. Da gibt es die schwarzen Hausnummern, die auf den Schildern häufig dunkelblau aussehen und zu Wohnhäusern gehören. Und dann sind da noch die roten Nummern für Geschäfte, Werkstätten und andere gewerbliche Eingänge. Damit niemand durcheinanderkommt, hat man ihnen zusätzlich ein kleines r spendiert. Die Via Beispielstraße 10 und die Via Beispielstraße 10r können deshalb zwei völlig unterschiedliche Adressen sein. Das Gemeine daran: Beide Nummernreihen laufen unabhängig voneinander. Wer also glaubt, die 10r müsse sich irgendwo in der Nähe der 10 befinden, kann einen längeren Spaziergang erleben.

Eingeführt wurde die doppelte Nummerierung in den 1930er-Jahren. Ursprünglich sollte sie Wohnhäuser und Geschäftseingänge sauber voneinander unterscheiden. Schon nach gut zwanzig Jahren gab man das System wieder auf. Nur verschwunden ist es bis heute nicht. 2021 existierten in Florenz noch rund 23.000 rote Hausnummern. Und die machten sogar modernen Navigationssystemen Schwierigkeiten. Lieferdienste und Rettungsfahrzeuge landeten gelegentlich an der falschen Adresse, weshalb die Stadt ihre digitalen Adressdaten zur Verfügung stellte.

Mittlerweile werden die roten Nummern nach und nach abgeschafft. Alle auf einmal zu ersetzen, würde allerdings ein ziemliches Durcheinander verursachen. So bleibt Florenz vorerst eine Stadt, in der man nicht nur wissen sollte, wohin man möchte, sondern auch, welche Farbe die Hausnummer hat. Und falls der Kellner behauptet, du seist zu spät: Vielleicht warst du ja pünktlich. Nur eben an der falschen 10.

  Galerie: Bild der Woche 3

Alceo Dossena:
Die erfundene Abtei am Monte Amiata

Auf dem Monte Amiata gibt es einen Waldweg mit einem ungewöhnlichen Namen: Terapia Forestale della Contessa, die Waldtherapie der Gräfin. Er führt durch einen alten Buchenwald, in dem sich einst eine ziemlich dramatische Liebesgeschichte abgespielt haben soll.

Der Legende nach traf sich hier die Gräfin Gherarda degli Aldobrandeschi heimlich mit ihrem Geliebten Adalberto. Ihr Ehemann war davon wenig begeistert und soll kurzerhand den Wald angezündet haben, um die beiden loszuwerden. Doch eine mächtige Buche schützte das Liebespaar vor den Flammen. Der betrogene Gatte starb schließlich selbst, während die Liebenden angeblich noch heute als Geister durch den Wald streifen.

So weit die Legende. Aber der Monte Amiata hat noch eine zweite Geschichte zu bieten, die fast ebenso unglaublich klingt. In diesem Wald soll einst eine prächtige Abtei gestanden haben, die bei einem Erdbeben vollständig im Boden versank. Nur einige Felsbrocken erinnern angeblich noch an das verschwundene Bauwerk.

Das Problem: Diese Abtei hat vermutlich nie existiert.

Und damit kommen wir zu Alceo Dossena, einem der erstaunlichsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. 1878 in Cremona geboren, entwickelte Dossena ein außergewöhnliches Talent dafür, Skulpturen im Stil längst verstorbener Meister zu schaffen. Seine Werke sahen aus, als stammten sie von Donatello, Giovanni Pisano oder anderen Größen der Renaissance. Dabei waren es keine einfachen Kopien. Dossena erfand völlig neue Kunstwerke, die nur so wirkten, als wären sie mehrere Jahrhunderte alt.

Kunsthändler erkannten schnell, welches Geschäft sich damit machen ließ. Sie verkauften seine Arbeiten für enorme Summen an Sammler und Museen, während der Künstler selbst nur einen Bruchteil der Erlöse erhielt. Irgendwann wurde allerdings die Frage unbequem, woher plötzlich all diese bislang unbekannten Meisterwerke kamen.

Hier soll die geheimnisvolle Abtei auf dem Monte Amiata ins Spiel gekommen sein. Ein Kunsthändler verbreitete die Geschichte, die Skulpturen stammten aus einem verschütteten Kloster. Ein findiger Priester würde die Kunstschätze heimlich bergen und verkaufen. Eine wunderbare Erklärung für immer neue Sensationsfunde, die niemand überprüfen konnte.

1928 flog der Schwindel auf. Dossena selbst machte öffentlich, dass die angeblich jahrhundertealten Kunstwerke aus seiner eigenen Werkstatt stammten. Der Skandal erschütterte den internationalen Kunstmarkt und brachte etliche Experten in Erklärungsnot. Die besondere Ironie daran: Die Skulpturen waren keineswegs schlecht. Im Gegenteil. Sie waren so gut, dass Fachleute sie zuvor begeistert als Meisterwerke gefeiert hatten. Erst als ihr tatsächlicher Schöpfer bekannt wurde, verloren sie plötzlich ihren vermeintlichen historischen Wert.

Und die Abtei? Von ihr fehlt bis heute jede Spur. Nach Darstellung des Kunsthistorikers Andrea di Lorenzo ist ihre Existenz lediglich eine erfundene Herkunftsgeschichte.

Wer von diesem Wald nach Florenz fährt, kann in der Kirche Santa Maria al Pignone übrigens zwei Werke Dossenas entdecken.

Verrückte Geschichte: Die Abtei war erfunden, die Herkunft der Skulpturen ebenfalls. Aber die Kunstwerke waren echt. Nur ihr angeblicher Schöpfer war der falsche. Eine Fälschung, die eigentlich keine war – und eine Abtei, die es eigentlich nie gab.

  Galerie: Bild der Woche 4

Bardiccio – die Winterwurst aus der Valdisieve

Wenn in der Valdisieve die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, taucht in den Metzgereien eine Wurst auf, die außerhalb dieser Gegend kaum jemand kennt. Sie ist dunkelrot, riecht kräftig nach wildem Fenchel und Knoblauch und hört auf den Namen Bardiccio.

Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine gewöhnliche Salsiccia. Doch der Bardiccio hat eine ziemlich eigenwillige Geschichte. Seine Wurzeln liegen in der bäuerlichen Küche, in der nach der Schlachtung eines Schweins möglichst nichts weggeworfen wurde. Auch Herz, Leber und andere Innereien wanderten in den Fleischwolf. Mit Gewürzen und reichlich wildem Fenchel entstand daraus eine kräftige Wurst, die besonders in den kalten Monaten auf den Tisch kam.

Heute besteht Bardiccio überwiegend aus Schweine- und Rindfleisch. Innereien spielen längst nicht mehr dieselbe Rolle wie früher. Eine verbindliche Rezeptur gibt es allerdings nicht. Jeder Metzger hat seine eigene Mischung, und was in Rufina hergestellt wird, kann durchaus anders schmecken als in Pelago oder Dicomano.

Das Besondere ist seine Saison. Bardiccio wird traditionell nur von September bis Mai hergestellt. Anders als Salami reift er nicht über Wochen oder Monate, sondern wird frisch verkauft und muss vor dem Verzehr gegart werden. Am liebsten landet er auf dem Grill, manchmal aber auch in einer Tomatensauce oder einem deftigen Schmorgericht.

Dass diese unscheinbare Spezialität ein echtes Stück regionaler Kultur ist, zeigt eine Auszeichnung aus diesem Jahr. Der Metzger Giancarlo Francini aus Dicomano erhielt von der Accademia Italiana della Cucina den Premio Dino Villani 2026. Seit mehr als sechzig Jahren bewahrt er die handwerkliche Herstellung des Bardiccio.

Bei der Preisverleihung zeigte die Küche des Restaurants Da Sergio gleich, was sich damit alles anstellen lässt: Bardiccio auf geröstetem Brot mit Schwarzkohl, zu hausgemachten Tagliatelle mit Kürbis oder als Füllung für einen Kaninchenbraten.

In der Valdisieve gehört die Wurst sogar zu eigenen Dorffesten. Beim Palio del Bardiccio in San Francesco di Pelago treten Metzger mit ihren Kreationen gegeneinander an, und das Publikum darf entscheiden, welche am besten schmeckt. So hat die Valdisieve eine kulinarische Besonderheit bewahrt, die sich weder nach internationalen Moden noch nach ganzjähriger Verfügbarkeit richtet. Wenn es warm wird, verabschiedet sich der Bardiccio. Und wenn der Herbst kommt, ist er wieder da.

  Galerie: Bild der Woche 5

100 Gesänge für Dante:
Wenn San Miniato zur Göttlichen Komödie wird

Stell dir vor, du schlenderst durch die Gassen von San Miniato und plötzlich rezitiert jemand Dante. Ein paar Schritte weiter hörst du die nächsten Verse. Mal auf Italienisch, mal auf Deutsch, Englisch oder in einer anderen Sprache. Und irgendwo steht vielleicht ein vierjähriges Kind neben einem neunzigjährigen Mann, beide mit einem Stück Weltliteratur in der Hand.

Am Sonntag, dem 8. November, verwandelt sich San Miniato zum dritten Mal in eine einzige große Bühne für Dantes Göttliche Komödie. Mehr als 500 Menschen zwischen vier und neunzig Jahren werden erwartet, um gemeinsam die hundert Gesänge des berühmten Werkes vorzutragen. In über zehn Sprachen soll Dantes Reise durch die drei Reiche des Jenseits lebendig werden. Dafür braucht niemand eine Schauspielausbildung oder besondere literarische Kenntnisse. Wer mitmachen möchte, muss vor allem eines mitbringen: Lust am Vorlesen.

Die Stadt selbst wird dabei zur Kulisse. Das Inferno, also die Hölle, bekommt seinen Platz im Auditorium San Martino. Das Purgatorio, der Läuterungsberg, wird in der Bibliothek des Priesterseminars gelesen. Und wer ins Paradies möchte, muss zur Kirche Santissimo Crocifisso.

Organisiert wird die Veranstaltung vom Kulturverein Culter, der schon bei den ersten beiden Ausgaben mehr als tausend Mitwirkende und über 5.000 Zuschauer zusammengebracht hat. Am Ende treffen sich die Beteiligten zu einem gemeinsamen Abschluss, bei dem Dantes Verse noch einmal im Chor erklingen.

Das Besondere daran ist für mich weniger die Zahl der Teilnehmer als die Idee dahinter. Ein Werk, vor über 700 Jahren geschrieben, wird nicht ehrfürchtig hinter Glas ausgestellt oder ausschließlich von Literaturwissenschaftlern besprochen. Es gehört für einen Tag wieder allen. Kindern und Großeltern, Einheimischen und Zugezogenen, Menschen, die Dante seit ihrer Schulzeit kennen, und solchen, die ihm vielleicht zum ersten Mal begegnen.

Und San Miniato hat sogar eine eigene Verbindung zur Göttlichen Komödie: Im 13. Gesang des Inferno begegnen Dante und Vergil dem einst mächtigen kaiserlichen Kanzler Pier delle Vigne, dessen Schicksal eng mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. Hundert Gesänge, mehr als fünfhundert Stimmen und eine kleine toskanische Stadt, die für einen Nachmittag zur Weltliteratur wird.

Toskana Wochenschau – gemeinsamer Dante-Vortrag vor einer Kirche in San Miniato
Beim großen Dante-Finale versammeln sich die Mitwirkenden vor der Kirche in San Miniato zum gemeinsamen Vortrag.

Festina lente – die segelnde Schildkröte der Medici

Eine Schildkröte mit einem Segel auf dem Rücken. Zugegeben, als Fortbewegungsmittel klingt das nicht besonders überzeugend. Doch für Cosimo I. de’ Medici war dieses ungewöhnliche Tier eines seiner liebsten Sinnbilder. Es stand für einen Grundsatz, den wir auch im Deutschen kennen: Eile mit Weile.

Die lateinische Version lautet Festina lente, also „Beeile dich langsam“. Schon der römische Kaiser Augustus soll nach diesem Motto gehandelt haben. Cosimo I., der Florenz im 16. Jahrhundert regierte, übernahm den Gedanken und gab ihm ein neues Bild.

Die Schildkröte verkörpert die Vorsicht und das gründliche Überlegen. Das vom Wind geblähte Segel steht dagegen für Tatkraft und Geschwindigkeit. Beides zusammen sollte den idealen Herrscher symbolisieren: einen Menschen, der seine Entscheidungen sorgfältig abwägt, sie dann aber entschlossen umsetzt.

Cosimo gefiel das Motiv so gut, dass er es im Palazzo Vecchio gleich mehrfach verewigen ließ. Dort kann man die segelnde Schildkröte noch heute auf Gemälden und in den kunstvollen Dekorationen entdecken.

Dass sie auch nach fast 500 Jahren nichts von ihrem Charme verloren hat, zeigt eine kleine Geschichte aus der vergangenen Woche.

Der Florentiner Künstler Lucio Minigrilli hat die Schildkröte als Bronzeskulptur neu geschaffen. Am 31. Oktober wurde sie in der Villa La Quiete dem toskanischen Regionalpräsidenten Eugenio Giani überreicht. Anlass war der Jahrestag eines historischen Familienpakts aus dem Jahr 1737.

Damals hatte Anna Maria Luisa de’ Medici, die letzte Vertreterin der großherzoglichen Familienlinie, dafür gesorgt, dass die gewaltigen Kunstsammlungen ihrer Familie in Florenz und der Toskana bleiben sollten. Eine Entscheidung, der wir bis heute einen erheblichen Teil des kulturellen Reichtums der Stadt verdanken.

So verbindet die kleine bronzene Schildkröte gleich zwei Geschichten: Cosimos Vorstellung von kluger Entschlossenheit und das Vermächtnis einer Frau, die ihre Kunstschätze für kommende Generationen bewahren wollte.

Und tatsächlich ist eine Schildkröte mit Segel ein ziemlich gutes Sinnbild für das Leben. Man muss ja nicht immer der Schnellste sein. Die Schildkröte erinnert daran, nicht stehen zu bleiben. Und das Segel daran, den richtigen Wind zu nutzen, wenn er kommt.

  Galerie: Bilder der Woche 6 bis 10


Das war’s für diese Woche aus der Toskana. Ich verabschiede mich mit einer kleinen Erkenntnis der Medici: Eile mit Weile. Wobei ich das mit dem Segel auf dem Rücken lieber der Schildkröte überlasse. Bis nächste Woche!


Bilder der Woche

  • Toskana Wochenschau – Bewohner gestalten Keramikfliesen mit Sternmotiven für Barberino Val d’Elsa
  • Toskana Wochenschau – Teilnehmerin gestaltet eine Keramikfliese mit Sternmotiv für Barberino Val d’Elsa
  • Toskana Wochenschau – rote und schwarze Hausnummer an einer Fassade in Florenz
  • Toskana Wochenschau – Madonna mit Kind von Alceo Dossena im Stil der Renaissance
  • Toskana Wochenschau – aufgeschnittener Bardiccio aus der Valdisieve mit Kräutern angerichtet
  • Toskana Wochenschau – segelnde Schildkröte als Sinnbild „Festina lente“ der Medici
  • Toskana Wochenschau – Darstellung der segelnden Schildkröte als Medici-Symbol „Festina lente“
  • Toskana Wochenschau – Fresko mit Schildkröte, Segel und Putten als Darstellung von „Festina lente“
  • Toskana Wochenschau – geschnitzte Holztür mit Medici-Symbolen und dem Wahlspruch „Festina lente“
  • Toskana Wochenschau – Wandmalerei mit Schildkröte und Segel als Sinnbild von „Festina lente“

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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