Anstand und Höflichkeit sind in unserer Gesellschaft leise geworden.
»Anstand, das ist, was Ihnen Ihre Großmutter gelehrt hat.«
Der Satz fällt nicht im Stillen. Er fällt in einem Gerichtssaal. Im Chaos von »The Bonfire of the Vanities«, in dem jeder spricht, aber niemand zuhört. Ein Richter versucht, Ordnung herzustellen, während um ihn herum längst andere Kräfte wirken.
Karrieren. Eitelkeiten. Interessen. Ein Angeklagter, der mehr Symbol ist als Mensch. Und ein Raum voller Menschen, die alle etwas wollen – nur keine Wahrheit.
Und mitten hinein dieser Satz. Fast altmodisch. Fast naiv. Und gerade deshalb so entlarvend.
Ich musste in letzter Zeit oft daran denken. Nicht in großen Momenten. Sondern im Alltag. Im Bus, wenn junge Menschen älteren Herrschaften den letzten Sitzplatz wegschnappen. Im Supermarkt, wenn die Kassiererin zum Ventil für schlechte Laune wird. Auf der Straße, wenn aus einem kleinen Fehler sofort ein persönlicher Angriff wird.
Diese kleinen Reibungen. Diese schnellen Eskalationen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der Respekt verschwindet.

Und ich merke: Mein erster Reflex ist ein anderer. Ich suche den Fehler bei mir selbst. Das gebietet der Anstand. Und vielleicht auch die Bescheidenheit. Ein Schritt zurück. Ein kurzes Innehalten. Die Möglichkeit, dass ich etwas übersehen habe.
Das ist kein schlechter Instinkt. Im Gegenteil. Aber er hat eine Grenze.
Denn manchmal liegt es eben nicht an mir. Manchmal liegt es daran, dass der Ton kippt. Dass Rücksicht keine Rolle mehr spielt. Dass jeder nur noch bei sich ist.
Und genau dort beginnt ein unangenehmer Gedanke: Vielleicht leben wir längst in einer Gesellschaft, in der Höflichkeit nicht mehr Grundlage ist, sondern Ausnahme.
Eine Gesellschaft voller windiger Gebrauchtwagenhändler. Freundlich im ersten Satz. Und dahinter immer ein Kalkül. Vielleicht ist das zu hart. Vielleicht auch nur zu ehrlich. Ich weiß es nicht.
Was ich weiß:
Ich will diesen ersten Reflex nicht verlieren. Dieses kurze Prüfen. Dieses »Vielleicht liegt es an mir«. Aber ich will auch nicht dabei stehen bleiben.
Anstand, das ist, was Ihnen Ihre Großmutter gelehrt hat.
Anstand bedeutet nicht, sich selbst dauerhaft infrage zu stellen. Er bedeutet auch, zu erkennen, wann Schluss ist. Wann ein Satz kein Missverständnis mehr ist. Sondern ein Ton. Wann ein Verhalten kein Versehen mehr ist. Sondern Haltung.
Und vielleicht ist genau das die schwierigste Balance: Sich selbst nicht aus der Verantwortung stehlen. Aber auch nicht alles bei sich abladen.
Meine Großmutter hätte dafür wahrscheinlich keine großen Worte gebraucht. Kein Essay. Kein Zitat. Nur einen Blick. Und einen einfachen Satz. Und der hätte gereicht.
Weitergedacht:
• Selbstzweifel
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.