Der Erlkönig hat kein Netz

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Goethe würde entweder herzhaft lachen oder empört schnauben, weil ich seinen Erlkönig in einem Meme für Instagram verwurstet habe. Wahrscheinlich beides.

»Mein Vater, mein Vater, jetzt warte doch mal –
ich hab hier im Wald kein Mobilfunksignal.«

Wir zitieren Goethe heute überall – nur nicht mehr so, wie er es sich gewünscht hätte. Nicht im Hörsaal. Nicht im Theater. Sondern im Internet. Zwischen Katzenvideos und politischen Wutausbrüchen.

Goethes Erlkönig als humorvolle Neuinterpretation mit Smartphone und fehlendem Mobilfunksignal im Wald
Goethes Erlkönig – neu erzählt

Ich selbst bin mit Goethe-Dauerberieselung aufgewachsen: Zauberlehrling bei Disney (pädagogisch fragwürdig), Osterspaziergang in der Schule (Zwangsbeglückung). Und natürlich Leipzig, wo Faust und Mephisto an jeder Straßenecke lauern und darauf warten, dass jemand endlich wieder »Mein Leipzig lob ich mir« sagt.

Und ja, ich gestehe es offen: Ich liebe seine Sprache. Dieser Mann hat Sätze geschrieben, die in mir nachhallen wie Kirchenglocken.

Und dann komme ich mit meinen kleinen Geschichten und versuche, wenigstens einen Hauch dieser Magie einzufangen.

Und Italien?
Tja … Goethe hat’s mir vorgemacht. Die Sehnsucht, der Süden, das Licht, die Erkenntnis, dass man erst in Italien versteht, wer man ist und wer man sein könnte.

Er ist dorthin gereist, um sich selbst zu finden. Ich ging dorthin, um mich nicht zu verlieren. Man könnte sagen: Wir teilen denselben Nordstern – nur sein Pferd war eleganter.

Und dennoch, trotz all dieser Verehrung: Wir haben diese eigenartige Marotte, Goethe zu modernisieren, zu verdrehen, in Popkultur zu pressen.

Und vielleicht beweist das nur eines: Große Worte überleben alles. Epoche. Interpretation. Ironie. Und sogar ein Meme über schlechte Netzabdeckung.

Und wir Autoren?
Wir tun so, als wären wir frei. Doch irgendwo im Hinterkopf sitzt immer dieser kleine Goethe. Er tritt hinter uns, blickt auf unsere Zeilen und murmelt:

»Ach du meine Güte … ernsthaft?«

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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