Feuerwerk, Schildkröten & kühler Marmor

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Nicht jede Geschichte aus der Toskana schafft es auf die Titelseiten. Manche verstecken sich in einem Dom, andere an einem Wasserfall, auf einem Verkehrsschild oder in einer jahrzehntealten Bahnhofsuhr. Genau diese Geschichten sammelt die Toskana Wochenschau – Woche für Woche. Viel Freude mit Ausgabe #12.

San Giovanni in Florenz: Das Fest des Stadtpatrons

Wer am 24. Juni in Florenz unterwegs ist, erlebt die Stadt von ihrer traditionsreichsten Seite. Das Fest zu Ehren des Stadtpatrons San Giovanni Battista verbindet religiöse Zeremonien, historische Umzüge, den legendären Calcio Storico und das spektakuläre Feuerwerk Fochi di San Giovanni zu einem der wichtigsten Feiertage der Stadt.

Den sportlichen Höhepunkt bildete in diesem Jahr das Finale des Calcio Storico. Die Azzurri aus Santa Maria Novella setzten sich nach einem bis zur letzten Minute spannenden Spiel mit 19:18 gegen die Rossi aus Santa Croce durch. Selbst langjährige Beobachter sprachen von einem der packendsten Endspiele der vergangenen Jahre.

Mit Einbruch der Dunkelheit zog es schließlich Tausende an die Ufer des Arno. Das traditionelle Feuerwerk über dem Fluss bildet jedes Jahr den feierlichen Abschluss der San-Giovanni-Feierlichkeiten – ein Moment, in dem sich Geschichte, Stolz und Lebensfreude zu einem einzigen Sommerabend verbinden.

  Galerie: Bilder der Woche 1 bis 3

Der Vasari-Korridor:
Florenz aus der Perspektive der Medici

Wer einmal sehen möchte, wie die Medici ihre Stadt erlebten, bekommt in diesem Sommer eine seltene Gelegenheit. Vom 3. Juli bis 20. November öffnet der berühmte Vasari-Korridor an ausgewählten Freitagabenden seine Türen – pünktlich zur goldenen Stunde über dem Arno.

Der fast 600 Meter lange Gang wurde 1565 von Giorgio Vasari für Cosimo I. de’ Medici erbaut. Er verbindet die Uffizien mit dem Palazzo Pitti und führt hoch über den Ponte Vecchio – einst als geheimer und sicherer Weg für die Herrscherfamilie, heute als einer der außergewöhnlichsten Aussichtspunkte von Florenz. Nach acht Jahren Restaurierung wurde der Korridor erst 2024 wieder für Besucher geöffnet.

Die Abendführungen finden jeweils zwischen 19 und 23 Uhr in kleinen Gruppen statt. Wer Florenz bereits kennt, dürfte die Stadt aus dieser Perspektive trotzdem noch nie gesehen haben.

Toskana Wochenschau: Blick aus dem Vasari-Korridor über den Arno und die Ponte Vecchio in Florenz
Blick auf den historischen Vasari-Korridor auf die Ponte Vecchio und den Arno in Florenz.

Historische Digitaluhr in Florenz wird restauriert

Millionen Reisende eilen täglich durch den Bahnhof Santa Maria Novella – und kaum jemand ahnt, dass dort ein kleines Stück Technikgeschichte hängt. Die historische Uhr in der Schalterhalle gilt als erste öffentliche Digitaluhr der Welt und soll nach jahrelangem Stillstand nun restauriert werden.

Entwickelt wurde sie in den 1930er-Jahren vom Ingenieur Remigio Solari. Anders als herkömmliche Uhren mit Zeigern zeigt sie die Zeit über umklappende Zifferntafeln an – ein Prinzip, das später weltweit bei Anzeigetafeln an Bahnhöfen und Flughäfen eingesetzt wurde. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus.

Mehr als ein Jahrzehnt setzten sich engagierte Florentiner für ihre Rettung ein. Nun hat die Denkmalbehörde grünes Licht für die Restaurierung gegeben. Vielleicht fällt der Blick beim nächsten Umsteigen in Florenz ja nicht nur auf den Abfahrtsplan, sondern auch auf dieses fast vergessene Stück Design- und Technikgeschichte.

  Galerie: Bild der Woche 4

Der verborgene Marmorboden im Dom von Siena

Die meisten Besucher des Doms von Siena ahnen gar nicht, dass sie normalerweise nur einen Teil seines berühmtesten Kunstwerks sehen. Denn der monumentale Marmorboden bleibt aus konservatorischen Gründen fast das ganze Jahr über abgedeckt. Nur für wenige Wochen wird er vollständig freigelegt – 2026 vom 27. Juni bis 31. Juli sowie erneut vom 18. August bis 15. November.

Der Boden gilt als eines der außergewöhnlichsten Werke der italienischen Renaissance. Über einen Zeitraum von rund sechs Jahrhunderten entstanden 56 Marmorbilder, entworfen von mehr als vierzig Künstlern, darunter Pinturicchio und Domenico Beccafumi. Gemeinsam bilden sie einen symbolischen Weg durch Philosophie, Bibel und Kunstgeschichte.

Wer Siena in diesem Sommer oder Herbst besucht, erlebt den Dom daher in einer Form, die selbst viele Italiener nur selten zu Gesicht bekommen. Ergänzt wird die Freilegung durch Führungen, Sonderveranstaltungen und erstmals auch ein erweitertes Bildungsprogramm für Schulklassen.

  Galerie: Bild der Woche 9

Die schönsten Mittelalterfeste in der Toskana 2026

Im Sommer verwandeln sich vielerorts nicht nur Burgen und Altstädte, sondern ganze Dörfer in lebendige Geschichtsbücher. Ritter, Gaukler, Fahnenschwinger und Handwerker ziehen durch die Gassen, Tavernen servieren historische Gerichte und auf den Plätzen erklingen Trommeln und mittelalterliche Musik. In der Toskana beginnt wieder die Zeit der Rievocazioni Storiche – der historischen Stadt- und Dorffeste.

Zu den Höhepunkten gehören unter anderem Monteriggioni, wo sich das vollständig erhaltene Festungsdorf vier Tage lang ins 13. Jahrhundert zurückversetzt, die Giostra dell’Orso in Pistoia, das spektakuläre Volterra AD 1398 oder der traditionsreiche Bravìo delle Botti in Montepulciano, bei dem schwere Weinfässer im Wettlauf durch die steilen Gassen gerollt werden.

Wer die Toskana im Juli oder August bereist, sollte deshalb ruhig einen Blick in den Veranstaltungskalender werfen. Kaum irgendwo lässt sich Geschichte so lebendig erleben wie zwischen mittelalterlichen Mauern, flackernden Fackeln und dem Klang der Trommeln.

  Galerie: Bilder der Woche 7 und 8

Napoleons Residenzen auf Elba wieder geöffnet

Die Insel Elba verbindet man meist mit türkisblauem Wasser und Badeurlaub. Doch hier schrieb auch Napoleon Bonaparte ein ungewöhnliches Kapitel seiner Geschichte. Nach seiner Abdankung im Jahr 1814 lebte er knapp zehn Monate im Exil auf der Mittelmeerinsel, richtete eine eigene Verwaltung ein und versuchte, Elba wirtschaftlich und infrastrukturell zu modernisieren.

Nach einer umfassenden Restaurierung sind nun seine beiden ehemaligen Residenzen – die Palazzina dei Mulini in Portoferraio und die Villa San Martino – wieder vollständig zugänglich. Restauriert wurden unter anderem historische Gärten, Terrassen und Parkanlagen, die Besucher heute wieder so erleben können, wie sie einst zur Zeit Napoleons angelegt waren.

Wer Elba bislang nur als Badeinsel kannte, entdeckt hier eine ganz andere Seite der Toskana. Zwischen Strand und Mittelmeer wartet ein Stück europäischer Geschichte – an genau dem Ort, an dem Napoleon seinen nächsten großen Plan schmiedete, bevor er nach Frankreich zurückkehrte.

Clet: Verkehrsschilder in Florenz als Kunstwerke

Wer schon einmal durch Florenz spaziert ist, hat seine Werke wahrscheinlich gesehen – oft, ohne es zu wissen. Seit 2010 verändert der französische Künstler Clet Abraham Verkehrsschilder mit selbst entworfenen Aufklebern. Aus einem Sackgassenschild wird eine Kreuzigung, aus einem Durchfahrtsverbot eine kleine humorvolle Szene. Dabei gilt für ihn eine eiserne Regel: Die eigentliche Bedeutung des Schildes darf niemals verloren gehen.

Mit seinen Arbeiten kritisiert Clet nicht den Straßenverkehr, sondern die Flut an Verboten und den autoritären Charakter vieler Schilder. Seine Aufkleber lassen sich rückstandslos entfernen und sollen die Menschen zum Schmunzeln – und vielleicht auch zum Nachdenken – bringen. Genau darüber wird seit Jahren gestritten: Ist das Kunst oder Sachbeschädigung?

Nun widmet ihm Marina di Bibbona erstmals in Italien eine Ausstellung. Im Forte dei Cavalleggeri sind neben den bekannten Straßenschildern auch Skizzen und Skulpturen zu sehen. Clet selbst meint allerdings, seine Werke seien dort am schönsten, wo sie entstanden sind: mitten auf der Straße.

  • Clet Abraham bringt eine Street-Art-Folie auf ein Verkehrsschild an – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild mit einem sägenden Tischler in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Zwei von Clet Abraham gestaltete Verkehrsschilder in Florenz zeigen eine Kreuzigung auf einem Sackgassen-Schild und eine Figur an einem Einfahrt-verboten-Schild.
  • Clet Abraham verwandelt ein Einfahrt-verboten-Schild in Florenz mit Katze, Maus und Mäuseloch in ein humorvolles Kunstwerk.
  • Clet Abraham verwandelt ein Einfahrt-verboten-Schild in einen Ertrinkenden im Wasser – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham verwandelt ein Parkplatzschild in das Wort Peace – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham verwandelt ein Einfahrt-verboten-Schild in eine geöffnete Konservendose – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein STOP-Schild mit einer Bombe als Buchstabe T – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham verwandelt ein Einfahrt-verboten-Schild mit einem pinkelnden Hund in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham verbindet Michelangelos David mit einem Einfahrt-verboten-Schild in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham bringt in der Toskana Wochenschau eine seiner Street-Art-Arbeiten auf einem Verkehrsschild in Florenz an
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild mit einer Faust in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild mit einer durch den Balken gehenden Figur in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild mit einer kletternden Figur in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild als Pac-Man in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Sackgassen-Schild mit einer gekreuzigten Figur in Florenz – Toskana Wochenschau
  • Kunstdruck von Clet Abraham mit Weinglas auf Einfahrt-verboten-Schild – Toskana Wochenschau
  • Clet Abraham gestaltet ein Einfahrt-verboten-Schild mit einem Zimmermann in Florenz – Toskana Wochenschau

Caretta caretta: Seltenes Schildkrötennest im Naturpark San Rossore

Eigentlich waren die Freiwilligen nur auf ihrer routinemäßigen Kontrollrunde unterwegs. Doch im Naturpark San Rossore machten sie eine Entdeckung, die selbst erfahrene Naturschützer überraschte: Zum ersten Mal wurde an diesem Küstenabschnitt ein Nest der Caretta caretta Schildkröte nachgewiesen.

Das Gelege liegt in einem geschützten Bereich des Parks, fernab des Badebetriebs. Nun überwachen Ehrenamtliche, Forschende und die Küstenwache das Nest rund um die Uhr – in der Hoffnung, dass in einigen Wochen Dutzende kleine Meeresschildkröten ihren Weg ins Mittelmeer antreten.

Die eigentliche Eiablage-Saison beginnt erst jetzt. Naturschützer hoffen deshalb, dass entlang der toskanischen Küste in den kommenden Wochen noch weitere Nester entdeckt werden. Vielleicht wird die Toskana ja langsam wieder zu einem Zuhause für eine der faszinierendsten Bewohnerinnen des Mittelmeers.

  Galerie: Bilder der Woche 5 und 6

Ausflugstipp der Woche: Der Aquacheta-Wasserfall

Wer die Toskana einmal abseits der bekannten Postkartenmotive erleben möchte, sollte sich den Aquacheta-Wasserfall vormerken. Mit fast 70 Metern Fallhöhe gehört er zu den eindrucksvollsten Wasserfällen des toskanisch-romagnolischen Apennins und liegt mitten im Nationalpark Foreste Casentinesi.

Die Wanderung beginnt im kleinen Ort San Benedetto in Alpe und führt entlang des Acquacheta-Bachs durch Buchen- und Eichenwälder, vorbei an felsigen Schluchten und immer wieder zu beeindruckenden Ausblicken. Gerade weil der Wasserfall fernab der klassischen Touristenrouten liegt, zählt er zu den ruhigeren Naturerlebnissen der Region.

Seine Berühmtheit verdankt der Aquacheta jedoch nicht allein seiner Landschaft. Bereits Dante Alighieri erwähnte den Wasserfall in der Göttlichen Komödie und nutzte sein gewaltiges Tosen als Vergleich für einen Wassersturz in der Hölle. Wer hier wandert, folgt also nicht nur einem Naturpfad, sondern auch den Spuren eines der größten Dichter Europas.

  Galerie: Bild der Woche 10 →


So viel für diese Woche. Die nächste Ausgabe erscheint am kommenden Freitag – mit neuen Geschichten zwischen Florenz, den Hügeln der Toskana und allem, was unterwegs meine Aufmerksamkeit geweckt hat.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael


Bilder der Woche

Zwischen den Schlagzeilen bleibt manches Bild unerzählt. Deshalb gibt es hier zum Abschluss noch einige Eindrücke aus der Toskana dieser Woche.

  • Toskana Wochenschau: Historischer Tanz auf der Piazza della Signoria zum San Giovanni Fest in Florenz
  • Toskana Wochenschau: Historischer Festumzug zum San Giovanni Fest durch die Altstadt von Florenz
  • Toskana Wochenschau: Sieger feiern das Finale des Calcio Storico Fiorentino in Florenz
  • Toskana Wochenschau: Historische Digitaluhr in der Station Santa Maria Novella vor und nach der Restaurierung
  • Toskana Wochenschau: Frisch geschlüpfte Caretta-caretta-Schildkröte am Strand
  • Toskana Wochenschau: Junge Caretta-caretta-Schildkröte auf dem Weg zum Meer
  • Toskana Wochenschau: Historisches Mittelalterfest in Monteriggioni mit Tänzern und Musikern
  • Toskana Wochenschau: Armbrustschütze beim Balestro del Girifalco in Massa Marittima
  • Toskana Wochenschau: Freigelegter Marmorboden im Dom von Siena mit historischen Marmorintarsien
  • Toskana Wochenschau: Aquacheta-Wasserfall im toskanischen Apennin als Ausflugstipp

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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