Zwischen Schnee, Netflix & Kirschenfest

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Die neue Toskana Wochenschau führt diesmal zwischen schneebedeckte Berge, ausgezeichnete Strände, Filmsets in Lucca, Wasserflaschen für Hunde und ein Kirschenfest bei Pisa.

Mit anderen Worten: Die Toskana macht wieder genau das, was sie am besten kann — gleichzeitig Frühling, Sommer, Alltag, Absurdität und Postkartenmotiv sein.

Winter mitten im Mai

Während unten in Florenz der Regen gegen die Fenster schlägt, liegt oben am Abetone wieder Schnee. Weiße Dächer, Nebel, Skipisten im Frühling.

Die Toskana kann manchmal innerhalb von zwei Autostunden ihre Jahreszeit wechseln. Vielleicht gehört genau das zu diesem Land: Dass es nie ganz berechenbar wird.

Und irgendwo sitzt jetzt jemand mit einem Cappuccino vor einer Berghütte und fragt sich, ob heute eher Dezember oder doch schon fast Juni ist.

Zwischen Winter und Badehose

Kaum liegt oben am Abetone wieder Schnee, spricht unten an der Küste schon alles über Badewasserqualität.

Die Toskana hat in diesem Jahr 20 »Bandiera Blu«-Auszeichnungen erhalten. Die blauen Flaggen sind eine Art internationales Gütesiegel für besonders saubere Strände, Wasserqualität und Umweltstandards. Neu dabei: Monte Argentario.

Während man in den Bergen also wieder die Winterreifen auspackt, werden in der Maremma bereits Liegestühle aufgeklappt.

Vielleicht ist genau das die große Spezialität dieser Region: Sie kann gleichzeitig Übergangsjacke und Badehose sein.

Die Stadt gegen ihre Ferienwohnungen

Florenz geht weiter gegen kurzfristige Ferienvermietungen vor und bekommt nun auch juristisch Rückenwind.

Ein Gericht hat die Einschränkungen für neue Kurzzeitvermietungen im historischen Zentrum bestätigt. Die Stadt spricht von einem Sieg gegen Übertourismus. Kritiker wiederum sehen darin Eingriffe in Eigentumsrechte und den freien Markt.

Man muss dafür keine einfache Lösung haben, um das Problem zu erkennen: Wenn Altstädte irgendwann nur noch aus Rollkoffern, Schlüsselboxen und Wochenendgästen bestehen, verlieren Städte langsam ihr eigenes Leben.

Die Toskana lebt vom Tourismus. Aber manchmal scheint sie gleichzeitig gegen seine Nebenwirkungen kämpfen zu müssen.

Toskana-Wochenschau: Protest gegen Overtourism und Ferienwohnungen in Florenz
In Florenz wächst der Widerstand gegen Overtourism und die Verdrängung von Wohnraum durch Ferienwohnungen.

Die Medici fürs Smartphone

Die Toskana hat jetzt eine App für die Medici-Villen und historischen Gärten der Region veröffentlicht.

Was zunächst nach klassischer Tourismusmeldung klingt, ist eigentlich ein ziemlich interessanter Gedanke: Kultur nicht nur anschauen, sondern langsam erfahren.

Die App verbindet Villen, Gärten, kleine Orte und Landschaften miteinander. Mit Routen, Karten, Spaziergängen und Hintergrundinformationen. Weniger »Sehenswürdigkeit abhaken«, mehr Flanieren zwischen Geschichte, Architektur und Zypressen.

Für die angenehmere Art zu reisen: nicht möglichst viel sehen, sondern irgendwo ein wenig länger bleiben.

Die Medici hätten vermutlich nicht verstanden, was eine App ist. Aber wahrscheinlich hätten sie die Idee geliebt, ihre Villen weiterhin als Bühne für Landschaft, Kunst und Lebensgefühl zu nutzen.

Lucca zwischen Diplomatie und Drehpause

Lucca wird plötzlich zur internationalen Serienkulisse. Die Netflix-Produktion The Diplomat dreht ihre neue Staffel in der Toskana — mitten in den Gassen und auf den Plätzen der Altstadt. Piazza Napoleone, Porta San Pietro, Piazza Anfiteatro. Für ein paar Tage wird aus der ruhigen Stadt eine Filmkulisse mit Straßensperrungen, Technik, Produktionsfahrzeugen und internationalem Setbetrieb.

Auch wenn Cineasten wie ich bei Streamingproduktionen manchmal die Stirn runzeln: Lucca als internationale Serienkulisse funktioniert erstaunlich gut. Der Originaltitel The Diplomat klingt dabei ohnehin klarer, eleganter und deutlich weniger nach ARD-Mittwochsfilm als der deutsche Titel Diplomatische Beziehungen.

Kino wird für mich immer ein dunkler Saal mit rotem Samt sein. Trotzdem verwandelt auch eine Streamingserie wie The Diplomat die Altstadt in eine Bühne.

Hund, Leine, Wasserflasche

In Livorno gehört zum Gassigehen künftig offenbar nicht mehr nur die Hundeleine, sondern auch eine Wasserflasche.

Die Stadt verlangt von Hundebesitzern, dass sie im Sommer Wasser dabeihaben, um Hinterlassenschaften auf Gehwegen, Hauswänden oder vor Geschäften direkt wegzuspülen. Wer ohne Wasser erwischt wird, riskiert empfindliche Strafen.

Irgendwie ist das gleichzeitig:

  • leicht absurd,
  • typisch italienisch und
  • ehrlich gesagt auch nachvollziehbar.

Denn spätestens bei 35 Grad Außentemperatur verliert selbst die romantischste Altstadt irgendwann ihren Charme, wenn jeder zweite Hauseingang nach nassem Hund riecht.

Ein Falke auf dem Dom

Zwischen Wohnungsdebatten, Netflix-Drehs und Wetterkapriolen meldete Florenz diese Woche noch eine kleine Nachricht, die perfekt in diese Stadt passt:

Ein junger Falke flüchtete sich auf die Terrassen des Doms.

Keine große Sensation. Keine Eilmeldung. Nur einer dieser kurzen Momente, in denen Florenz wieder wirkt, als würde die Stadt selbst Regie führen.

Man stellt sich unweigerlich vor, wie der Vogel dort oben zwischen Marmor, Touristen und Renaissancekuppeln sitzt und auf diese eigentümliche Stadt hinabblickt, die gleichzeitig Freilichtmuseum, Filmkulisse und Alltag ist.

Und wahrscheinlich passt genau deshalb ein Falke dort besser hin als irgendwo sonst.

Toskana-Wochenschau: Frische Kirschen beim traditionellen Kirschenfest in Lari
Beim traditionellen Kirschenfest in Lari dreht sich alles um die berühmten lokalen Kirschsorten aus dem Pisaner Hügelland.

Kirschenfest in der Toskana

In einem kleinen Ort bei Pisa feiert man Ende Mai nicht einfach den Sommer. Man feiert Kirschen. Genauer gesagt: die Lari-Kirsche.

Der Kirschanbau rund um Lari hat eine jahrhundertealte Tradition. Bereits seit dem 16. Jahrhundert werden im pisanischen Hügelland verschiedene Sorten angebaut — rund 14 einheimische Varianten existieren bis heute.

Entsprechend ernst nimmt man dort auch die Sagra delle Ciliegie, das traditionelle Kirschenfest des Ortes.

Die Ausgabe 2026 findet am 30. und 31. Mai sowie am 1., 2., 6. und 7. Juni statt — verteilt über gleich drei Wochenenden. Fast eine kleine Jahreszeit für sich.

Zum Programm gehören Marktstände, regionale Spezialitäten, Musik, Folklore und kulturelle Veranstaltungen. Und natürlich die wichtigste Frage überhaupt: Welche Kirsche besitzt in diesem Jahr die besten »organoleptischen Eigenschaften«?

Allein dieses Wort klingt schon, als hätte jemand eine Sommersonne wissenschaftlich katalogisiert.

Der Gewinner erhält am Ende die begehrte Ciliegia d’Oro — die Goldene Kirsche.

Und genau das liebe ich an Italien: Aus etwas scheinbar Kleinem wird plötzlich ein gesellschaftliches Ereignis. Ein Dorfplatz. Musik. Körbe voller Früchte. Und Menschen, die seit Generationen wissen, welche Sorte wann geerntet werden muss.

Hier wird nicht einfach Obst verkauft. Hier wird lokale Identität gefeiert.


So sah sie also aus, diese Woche in der Toskana: Schnee im Mai, Filmsets in Lucca, Diskussionen über Ferienwohnungen, Wasserflaschen für Hunde und ein Falke auf dem Dom.

Das ist für mich das Schönste an diesem Land: Dass große Politik, Alltag, Absurditäten und kleine Beobachtungen ständig nebeneinander existieren dürfen.

Und irgendwo dazwischen wartet vermutlich schon die nächste Geschichte für die kommende Toskana-Wochenschau.

Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.

 

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