Wie Italien mit Zeit umgeht

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

In Italien verabredet man sich nicht ungenau. Man verabredet sich nur anders.

Wenn ein Handwerker sagt, er komme »übermorgen«, dann bedeutet das: im Laufe des Tages. Vormittags, wenn alles gut läuft. Oder nachmittags, nach der Mittagspause. Er weiß es selbst noch nicht genauer. Weil er nicht weiß, wann er von der anderen Baustelle wegkommt. Also legt er sich nicht fest.

Genau genug

Privat ist man präziser.
»Übermorgen Abend« heißt: gegen acht. Nicht 19:58 Uhr. Aber auch nicht 22 Uhr. Man trifft sich, meist zum Essen. Nicht auf die Minute. Aber auf den Moment.

In Deutschland strukturiert Zeit den Tag.

10 Uhr bedeutet 10 Uhr. Nicht 10:15. Nicht »ich bin gleich da«. Ein Termin ist ein Zeitpunkt. Und wer ihn verschiebt, muss sich erklären.

Detailansicht der Uhr der romanischen Kirche von Baveno
Detailansicht der Uhr der romanischen Kirche von Baveno

In Italien ist ein Termin kein Zeitpunkt. Eher eine Verabredung. Das fällt nicht sofort auf. Als Tourist funktioniert alles erstaunlich gut. Der Kaffee kommt. Das Essen auch. Die Rechnung sowieso.

Erst wenn man länger bleibt, merkt man, dass etwas nicht gleich ist. Nicht im Ablauf. Sondern in der Gewichtung. Ein Treffen um neun beginnt selten um neun. Eher gegen halb zehn.

Nicht, weil man es nicht besser weiß. Sondern weil man gerade noch irgendwo war. Oder weil das Gespräch länger gedauert hat. Oder weil man jemanden getroffen hat. Es gibt immer einen Grund. Und meistens ist es ein menschlicher.

Das zeigt sich besonders dann, wenn Zeit geteilt wird. Ein Gespräch dauert so lange, wie es dauert. Ein Abend endet nicht, weil die Uhr es sagt. Und eine Pause ist erst vorbei, wenn sie vorbei ist.

Zeit ist da.
Aber sie bestimmt nicht alles.

Ausnahme: An der Bar funktioniert es anders. Der Espresso wird schnell getrunken. Im Stehen. Zwei Schluck, ein kurzer Gruß, weiter. Fast effizient. Fast deutsch.

Warten

Ich habe das nicht sofort verstanden. Der Handwerkertermin war der erste Hinweis. Der Geschäftstermin der zweite.

In Deutschland steht die Zeit über dem Moment.
In Italien steht der Moment über der Zeit.

15 Uhr war vereinbart. Also stand ich um Punkt 15 Uhr vor dem Büro. Pünktlich. Wie man das halt so macht. Die Mitarbeiter sahen mich an, als hätte ich etwas missverstanden. Mein Ansprechpartner war noch nicht da. Er war noch in der Pause. 15:45 Uhr kam er. Ganz selbstverständlich. Nicht gehetzt. Nicht entschuldigend. Er war jetzt da. Das genügte.

Der Moment

Das hat nichts mit Unzuverlässigkeit zu tun. Und auch nichts mit mangelnder Organisation. Es ist eine andere Priorität.

In Deutschland steht die Zeit über dem Moment. In Italien steht der Moment über der Zeit. Vielleicht ist das der Unterschied. In Deutschland hält man sich an die Zeit. In Italien hält man sich aneinander.

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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