Die 11. Ausgabe der Toskana Wochenschau wird ungewohnt autorig.
Es geht um Carlo Ginzburg, dem Erzähler der kleinen Geschichten. Umberto Eco schwingt noch einmal das Pendel im Dom von Florenz. Und eine Florentiner Manufaktur erinnert mit einem neuen Füllfederhalter daran, dass gutes Schreiben manchmal einfach Zeit braucht.
Dazwischen gibt es heiße Sommernächte, Fresken, die wieder ans Licht kommen, ein magisches Glas Wasser, das die Zukunft vorhersagt, und einen Ellenbogen, der das Dolce Vita überraschend teuer machen kann.
Mit anderen Worten: Es wird gebildet, ein bisschen nostalgisch und stellenweise sehr italienisch.
Carlo Ginzburg, Erzähler der kleinen Geschichten
In dieser Woche ist der italienische Historiker Carlo Ginzburg im Alter von 87 Jahren gestorben. Geboren wurde er 1939 in Turin, studiert hat er an der Scuola Normale Superiore in Pisa, an der er später auch lehrte und schließlich Professor emeritus wurde.
Sein Vater Leone Ginzburg war ein jüdischer Intellektueller und Gegner des Faschismus. Er starb 1944 nach Folter durch die Gestapo. Seine Mutter Natalia Ginzburg wurde später eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Italiens.
Berühmt wurde Carlo Ginzburg als Begründer der sogenannten Mikrogeschichte. Statt Könige und Feldherren in den Mittelpunkt zu stellen, interessierte ihn das Leben gewöhnlicher Menschen. Sein bekanntestes Werk Der Käse und die Würmer erzählt die Geschichte des Müllers Menocchio, der im 16. Jahrhundert wegen seiner ungewöhnlichen Vorstellungen von der Welt mit der Inquisition in Konflikt geriet.
Aus dem Schicksal eines einzigen Menschen machte Ginzburg ein Bild seiner Zeit.
Carlo Ginzburg war einer der bedeutendsten Historiker Italiens – und ein Autor, der zeigte, dass die großen Fragen der Geschichte oft im Leben ganz gewöhnlicher Menschen verborgen liegen.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich seine Bücher immer mochte. Sie erinnern daran, dass Geschichte nicht nur aus großen Namen besteht. Manchmal genügt eine Vespa, ein Dorfplatz oder die Gedanken eines Müllers, um eine ganze Epoche zu verstehen.
Arrivederci, Carlo.
Und danke für die Erinnerung daran, dass die kleinen Geschichten oft die größten sind.

Florenz bei 39 Grad
An diesem Wochenende wird es in Florenz ernst. Das Gesundheitsministerium hat die höchste Warnstufe ausgerufen, am Sonntag könnten die Temperaturen auf 39 Grad steigen, in der kommenden Woche sind sogar 40 Grad möglich.
Ich habe bei solchem Wetter immer einen großen Bogen um Florenz gemacht.
Die Stadt liegt eingebettet in einer Senke zwischen den toskanischen Hügeln. Die Hitze staut sich, die Steine speichern die Wärme und in den engen Gassen weht oft kaum ein Lüftchen. Während die Touristen tapfer mit Wasserflaschen und Sonnenhüten Richtung Dom ziehen, sucht man als Einheimischer oder Langzeitgast eher sein Heil im Umland.
An der Küste sind die Temperaturen meist etwas erträglicher, ein paar Hügel weiter draußen weht wenigstens abends ein Wind. Florenz dagegen wird im Hochsommer manchmal zu einem Ort, an dem selbst der Schatten ins Schwitzen gerät.
So sehr ich die Stadt liebe – bei 39 Grad überlasse ich sie gerne anderen.
Der teuerste Ellenbogen Italiens
Die Küste entlang. Fenster runter. Paolo Conte im Radio. Der Ellenbogen lässig draußen. Und plötzlich kostet das Dolce Vita 85 Euro.
Denn in Italien dürfen Fahrer und Mitfahrer während der Fahrt keine Körperteile über die Fahrzeugkontur hinausragen lassen. Schon ein auf der Fensterkante abgestützter Ellenbogen kann als Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung gewertet werden. Die Strafen reichen von 85 bis 338 Euro.
Ich gebe zu: Ich wäre gefährdet.
Diese Vorstellung hat doch etwas: Die Straße schlängelt sich am Meer entlang, die Sonne steht tief, irgendwo singt Paolo Conte von vergangenen Lieben und man selbst glaubt für einen Augenblick, die Gelassenheit gepachtet zu haben.
Nur interessiert das den italienischen Codice della Strada herzlich wenig. Dort steht ziemlich unromantisch, dass weder Fahrer noch Mitfahrer Arme, Ellenbogen oder andere Körperteile über die seitliche Fahrzeugkontur hinausragen lassen dürfen. Wer mit einer Hand lenkt und den anderen Arm aus dem Fenster baumeln lässt, riskiert sogar ein zusätzliches Bußgeld.
Es sind eben die kleinen Dinge, die den Unterschied zwischen Freiheit und Formular ausmachen.
Die Barca di San Giovanni blickt in die Zukunft
Es gibt Bräuche, die sind so wunderbar schräg, dass man sie einfach lieben muss.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni – dem Fest des heiligen Johannes – stellen viele Italiener nicht nur die berühmte Acqua di San Giovanni mit Blumen und Kräutern auf die Fensterbank. Manche greifen zusätzlich zu einem Glas Wasser und einem Ei.
Kein Omelett. Keine Mitternachtsküche. Sondern Wahrsagerei.
Die Tradition nennt sich Barca di San Giovanni, also Johannes-Boot. Man füllt ein durchsichtiges Gefäß mit Wasser, gibt vorsichtig das Eiweiß hinein und stellt es über Nacht ins Freie. Am nächsten Morgen haben sich feine Fäden und Formen gebildet, die an Segel, Masten oder kleine Schiffe erinnern sollen. Daher der Name.
Und dann beginnt die Deutung. Stehen die Segel weit offen, verspricht das Glück, Wohlstand oder eine gute Zeit. Wirken die Formen dagegen wirr oder verschlossen, könnte das auf Hindernisse oder schwierige Monate hindeuten.
Natürlich ist das heute weniger Wahrsagerei als gelebte Tradition. Die Barca di San Giovanni stammt aus der bäuerlichen Kultur, in der Naturbeobachtungen und Symbolik eine große Rolle spielten. Sie ist ein kleines Familienritual geblieben – irgendwo zwischen Volksglauben, Poesie und dem Wunsch, einen Blick hinter den Vorhang der Zukunft zu werfen.
Wer in Deutschland schon einmal an Silvester Blei oder Wachs gegossen hat, kennt das Prinzip: Man schaut auf eine merkwürdige Form und versucht verzweifelt, darin die Zukunft zu erkennen.
Ob das funktioniert? Wahrscheinlich nicht. Aber das muss es auch gar nicht.
Das Glas Wasser mit Eiweiß, aus dem man die Zukunft liest, ist einfach herrlich schräg und gleichzeitig uritalienisch. Ein bisschen Aberglaube. Ein bisschen Hoffnung. Und die Freude daran, am Morgen des 24. Juni über einem Wasserglas zu stehen und zu überlegen, ob das dort nun ein Segelschiff, eine Wolke oder doch nur ein besonders ambitioniertes Eiweiß ist.
Venus trifft Primavera
Die Uffizien haben ihre Botticelli-Säle neugestaltet. Seit Mitte Juni stehen sich dort nun zwei Ikonen der Renaissance direkt gegenüber: »Die Geburt der Venus« und »Primavera«. Was jahrhundertelang nebeneinander existierte, tritt nun erstmals in einen direkten Dialog.
Die Museumsleitung spricht von einer neuen Besuchererfahrung. Ich finde: Es klingt ein wenig wie ein verspätetes Rendezvous.
Die Neuordnung geht allerdings weiter. Die Werke befinden sich nun in modernen Schutzgehäusen, die Sicherheit und Klima verbessern, während störende Glasbarrieren verschwinden. Außerdem wird Botticellis Entwicklung stärker in den historischen Kontext eingeordnet. Von der glanzvollen Medici-Zeit bis zu den unruhigen Jahren Savonarolas.
Was mich an solchen Meldungen fasziniert: Die Uffizien sind kein Museum, das stillsteht. Selbst Bilder, die Millionen Menschen zu kennen glauben, können plötzlich neu wirken, nur weil man ihnen einen anderen Nachbarn gibt. Oder anders gesagt: Auch Meisterwerke profitieren manchmal von einem Tapetenwechsel.
Erinnerung an ein Pendel & 8.000 Zuschauer
Manche Ereignisse verschwinden nach ein paar Tagen. Andere bleiben. So wie jener Abend am 19. Juni 1997, von dem man in Florenz noch heute erzählt. Damals versammelten sich rund 8.000 Menschen im Dom von Florenz. Sie kamen nicht wegen eines Konzerts, nicht wegen einer Messe. Sondern wegen eines Pendels.
Unter der Kuppel Brunelleschis wurde an diesem Abend eines der berühmtesten Experimente der Wissenschaftsgeschichte wiederholt: das Foucaultsche Pendel. Ein fast 89 Meter langes Stahlseil trug eine vergoldete Bleikugel von 89 Kilogramm Gewicht. Als eine Kerze den Haltefaden durchbrannte, begann die Kugel zu schwingen. Langsam zog eine Metallspitze Linien durch roten Sand auf dem Boden des Doms.
Und plötzlich wurde sichtbar, was sich unserem Alltag normalerweise entzieht: Nicht das Pendel änderte seine Richtung. Die Erde drehte sich unter ihm hinweg.
Durch den Abend führte niemand Geringeres als Umberto Eco. Der Schriftsteller und Philosoph hatte bereits 1988 seinen Roman Das Foucaultsche Pendel veröffentlicht und war seit seiner Jugend von diesem Experiment fasziniert. Für ihn war das Pendel ein Symbol für einen festen Punkt in einer Welt, die sich ständig verändert.
In seinem Roman schreibt Eco:
„Die Erde rotierte, aber der Ort, an dem der Faden befestigt war, war der einzige feste Punkt des Universums.“
Achttausend Menschen standen im Dom von Florenz und schauten gebannt auf eine schwingende Kugel. Kein Feuerwerk. Keine Spezialeffekte. Nur Wissenschaft und Staunen. Für ein paar Minuten wurde eine komplizierte physikalische Wahrheit zu etwas, das jeder mit eigenen Augen sehen konnte.

Der Dom von Siena hat ein paar Geheimnisse verraten
Manchmal sind Baustellen die spannendsten Orte einer Stadt. Weil plötzlich wieder sichtbar wird, was jahrhundertelang verborgen war.
Genau das passiert derzeit am Dom von Siena. Bei Restaurierungsarbeiten am Oratorium San Giovannino kamen mittelalterliche Fenster des Baptisteriums und Fresken aus dem 14. Jahrhundert zum Vorschein. Zeugnisse einer Zeit, die man längst zu kennen glaubte – und die nun doch noch Überraschungen bereithält.
Das Projekt läuft bereits seit 2024 und soll künftig Krypta und Baptisterium miteinander verbinden. Entstehen wird ein neuer Rundgang von rund 900 Quadratmetern, der Besuchern einen Blick auf Teile der Westseite des Doms ermöglicht, die bisher durch spätere Anbauten verborgen waren.
Solche Nachrichten erinnern daran, dass Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist. Selbst in einer Stadt wie Siena, die aussieht, als wäre sie seit Jahrhunderten fertig erzählt, kann hinter einer Mauer plötzlich etwas auftauchen, das niemand mehr erwartet hat.
Das ist das Schönste an Italien: Man hat nie das Gefühl, ein Museum zu besuchen. Sondern eine Geschichte, die noch immer weiterschreibt.
Alba – eine Hommage an die Langsamkeit
Es gibt Nachrichten, die mich sofort als Autor erwischen. Diese hier handelt von einem Füller. Und gleichzeitig von etwas, das in unserer Zeit fast schon altmodisch wirkt: Langsamkeit.
Die Florentiner Traditionsmarke Pineider hat eine neue Schreibgeräte-Serie vorgestellt. Ihr Name: Alba – Morgenröte. Die Idee dahinter gefällt mir ausgesprochen gut: Schreiben als Moment der Ruhe, der Konzentration und der Intimität. Nicht schnell. Nicht effizient. Sondern bewusst.
Der Füller besteht aus Galalith – einem Material, das aus Milchkasein hergestellt wird und bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert für Schmuck und kunstvolle Gegenstände verwendet wurde. Warm in der Hand, lebendig in seiner Struktur, nie ganz gleich.
Vielleicht bin ich altmodisch. Aber ich glaube nicht, dass jeder Gedanke sofort in die Tastatur gehämmert werden muss. Manche Sätze wollen langsam entstehen. Mit einer Tasse Kaffee neben sich und mit Musik im Hintergrund.
Und manchmal auch mit einem Füller, der daran erinnert, dass gute Geschichten nicht schneller werden, nur weil wir es eilig haben. Die Toskana hat dafür übrigens ein eigenes Wort: Lentezza. Die Kunst, sich Zeit zu lassen.
Diese Woche war ungewöhnlich.
Es ging um Bücher und ihre Autoren. Um bleibende Erinnerungen. Um Botticelli und um einen Füller, der die Langsamkeit feiert. Um einen Ellenbogen im Fahrtwind und um ein Glas Wasser, aus dem man die Zukunft liest.
In der Toskana scheint die Zeit nicht langsamer zu vergehen. Aber sie wird anders wahrgenommen.
Man nimmt Umwege in Kauf. Man diskutiert stundenlang über Fußball oder Kunst. Man schreibt noch mit der Hand. Und manchmal hält man an Dingen fest, die anderswo längst verschwunden wären.
In diesem Sinne:
Lasst euch von der Hitze nicht aufhalten, haltet die Ellenbogen im Auto lieber drinnen und nehmt euch hin und wieder die Freiheit, etwas langsamer zu sein.
Ci vediamo la prossima settimana.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.





