Die Toskana Wochenschau #14 beginnt diese Woche mit einer einfachen Erkenntnis: Die spannendsten Geschichten stehen selten auf den großen Schildern. Sie verstecken sich in kleinen Türen, an denen Menschen jahrelang vorbeilaufen. Sie fließen mit einem alten Fluss, der für viele nur Kulisse ist. Und sie fahren sogar mit dem Zug – auf den Spuren eines Dichters, der seine Heimat verlassen musste.
Diese Woche geht es um Orte, die mehr erzählen, wenn man einen Moment länger hinschaut. Um Florenz hinter den Fassaden, um den Arno und die Menschen an seinen Ufern, um Kunst zwischen Pisa und Fiesole, um grüne Berge und Städte, die wieder Platz zum Atmen finden.
Der Arno: Ein Fluss, der Geschichten trägt
Der Arno gehört zu Florenz wie Brunelleschis Kuppel, die engen Gassen und die Brücken, auf denen sich jeden Tag Tausende Menschen fotografieren. Doch während viele Besucher den Fluss vor allem als Kulisse wahrnehmen, erzählt der Arno noch ganz andere Geschichten.
Ein Stück flussabwärts von Florenz zeigt sich eine andere Seite dieses Flusses. In Limite sull’Arno baute man Boote. Hier entstand ein Stück italienischer Wasserkultur. Die 1861 gegründete Società Canottieri Limite gilt als ältester Ruderverein Italiens. In dem kleinen Ort entwickelte sich eine Tradition, die weit über die Ufer des Arno hinaus bekannt wurde.
Giacomo Puccini ließ hier seine »Liu« fertigen, benannt nach der Figur aus seiner Oper Turandot. Doch die Geschichte des Arno endet nicht in der Vergangenheit.
Noch heute gehen Menschen in Limite aufs Wasser. Neben traditionellen Rudermannschaften gibt es die Astro Dragon Ladies – Frauen, die eine Brustkrebserkrankung hinter sich haben und im gemeinsamen Rudern neue Kraft gefunden haben.
Der Arno hat über Jahrhunderte Holzboote, Künstler, Sportler und Erinnerungen getragen. Doch in diesem Sommer trägt er vor allem eines weniger als gewöhnlich: Wasser. Der Pegel liegt derzeit rund 42 Prozent unter dem Jahresdurchschnitt. Noch dramatischer ist die Situation am Ombrone, dem zweitgrößten Fluss der Toskana.
Gerade ein Ort wie Limite erinnert daran, dass ein Fluss mehr ist als Wasser zwischen zwei Ufern. Er ist ein Teil der Menschen, die an ihm leben.

Mit dem Zug von Dantes Wiege bis zu seinem Grab
Es gibt Reisen, bei denen nicht nur der Zielort zählt. Ab dem 12. Juli verbindet wieder ein direkter Zug Florenz und Ravenna über die historische Faentina-Bahnstrecke. Eine Fahrt durch den tosko-romagnolischen Apennin und zugleich eine Reise zwischen zwei Orten, die untrennbar mit Dante Alighieri verbunden sind.
Florenz war die Stadt seiner Geburt. Die Stadt seiner Jugend. Die Stadt, aus der Dante später verbannt wurde und in die er nie zurückkehrte. Ravenna wurde seine letzte Heimat. Dort starb der Dichter 1321, dort befindet sich bis heute sein Grab.
Die neue Verbindung folgt damit einer besonderen Spur: Man steigt in der Stadt ein, in der Dantes Leben begann, und erreicht jene Stadt, in der es endete.
Gleichzeitig erzählt die Strecke auch eine jüngere Geschichte. Die Faentina-Linie war durch die schweren Überschwemmungen der vergangenen Jahre stark beschädigt worden und musste wiederhergestellt werden. Nun fährt der Zug wieder durch Mugello und Apennin – durch eine Landschaft zwischen zwei Regionen und zwei Kapiteln italienischer Geschichte.
Edward Hopper in Pisa
Die Toskana kann laut sein. Ein Gespräch über mehrere Tische hinweg, das Klappern der Espressotassen an der Bar, ein Markt am Morgen, auf dem jeder jeden zu kennen scheint. Und dann kommt Edward Hopper nach Pisa.
Der amerikanische Maler wurde berühmt für das Gegenteil: stille Räume, Menschen in Gedanken, Straßenecken, an denen gerade nichts passiert und doch eine ganze Geschichte erzählt wird.
Ab dem 14. Oktober widmet der Palazzo Blu in Pisa dem Künstler eine große Ausstellung mit mehr als 150 Werken aus allen Phasen seines Schaffens. Die Arbeiten stammen aus der Sammlung des Whitney Museum of American Art in New York. Hoppers Bilder erzählen selten, was gerade geschehen ist. Sie zeigen einen Moment dazwischen und überlassen den Rest dem Betrachter.
Genau dieser Spielraum als Beobachter hat mich schon immer an ihm fasziniert. Meine erste Begegnung mit Hopper war Nighthawks, jenes berühmte Nachtcafé, das in den 90er-Jahren gefühlt in jeder Kinobar hing. Irgendwann schrieb ich eine eigene kleine Geschichte über diese Menschen hinter der Scheibe: Wer sie sein könnten, worüber sie sprechen und ob ihr vermeintliches Scheitern vielleicht gar keines ist.
Hopper passt besser in die Toskana, als man zuerst denkt. Denn auch hier erzählen nicht nur die großen Plätze und berühmten Fassaden Geschichten. Manchmal reicht ein Lichtstrahl in einem leeren Zimmer.
»Die Nacht gehört uns« 1994.
Eine Noir-Skizze im Dinerlicht, inspiriert von Edward Hoppers Gemälde »The Nighthawks«
Galerie: Bild der Woche 1
37 kleine Gründe, Florenz anders zu entdecken
Wer Florenz besucht, bekommt schnell Listen. Die zehn wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die fünf besten Restaurants. Das schönste Foto der Ponte Vecchio. Doch sehr oft beginnt eine Stadt erst dort, wo diese Listen enden.
Die Amerikanerin Ilana Vernovsky hat mit Florence Hidden Gems einen digitalen Guide zusammengestellt, der genau dort sucht: nicht bei den berühmtesten Adressen der Stadt, sondern bei kleinen Cafés, Restaurants, Weinbars und Gelaterien, die sie während ihres Lebens in Florenz kennengelernt hat.
37 Orte sind zusammengekommen. Keine vollständige Sammlung. Eher ein persönliches Florenz. Ein Espresso an einem Morgen, der hängen bleibt. Eine kleine Bar, in die man zufällig zurückkehrt. Ein Tisch, an dem aus einer fremden Stadt langsam ein vertrauter Ort wird. Florenz entdeckt man nicht, indem man Listen abhakt.
Genau dort sucht auch die Toskana Wochenschau: hinter den bekannten Fassaden, zwischen den großen Geschichten, bei den kleinen Momenten, die eine Stadt lebendig machen.
Zurück in Fiesole: Heimkehr eines Altarbildes
Nicht jedes Kunstwerk ist für ein Museum gemacht. Manche gehören zu einem bestimmten Ort. Das Altarbild von Fiesole wurde vor mehr als 600 Jahren genau für die Kirche San Domenico geschaffen. Zwischen 1420 und 1423 malte Beato Angelico dort eine thronende Madonna mit Kind, umgeben von Engeln und Heiligen. Seitdem hat das Werk selbst fast eine kleine Reise durch die Kunstgeschichte unternommen.
Es begann als spätgotisches Triptychon mit Goldgrund. 1501 veränderte Lorenzo di Credi das Bild nach dem Geschmack der Renaissance und gab ihm eine neue architektonische Bühne. Später wurden Teile entfernt, verkauft und über Europa verstreut.
Nach einer umfassenden Restaurierung kehrt das Altarbild nun zurück nach San Domenico in Fiesole – in jene Kirche, für die es einst entstanden ist.
Galerie: Bilder der Woche 2 und 3
Die versteckten Türen von Florenz
Florenz ist eine Stadt, die vielerorts den Blick magisch nach oben zieht. Zur Kuppel des Doms. Zu den Palastfassaden. Zu den Fenstern, Balkonen und Türmen, die seit Jahrhunderten Geschichten erzählen.
Gaspare Grisolia schaute eines Tages in eine andere Richtung. Auf eine kleine Tür. Sie gehörte zu einem Gebäude, an dem er schon unzählige Male vorbeigelaufen war. Sie war nicht neu. Sie war nicht versteckt. Sie wartete einfach darauf, bemerkt zu werden.
Aus diesem Moment entstand eine Suche, die inzwischen mehr als 300 solcher verborgenen Türen in Florenz dokumentiert hat. Es sind alte Nebeneingänge, Durchgänge zu Innenhöfen, Spuren früherer Umbauten. Türen, die nie dafür gedacht waren, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie erzählen etwas über die Stadt. Nicht über das Florenz der Postkarten. Über das Florenz der Menschen, die dort lebten und arbeiteten.
Aus Grisólias Sammlung ist nun das Buch Le Porte Nascoste di Firenze entstanden. Weniger ein klassischer Führer als eine Einladung, langsamer durch eine Stadt zu gehen, von der viele glauben, sie längst zu kennen. Wer selbst auf Spurensuche gehen möchte: Das Buch ist direkt über das Projekt Le Porte Nascoste di Firenze erhältlich.
Galerie: Bilder der Woche 4 bis 6

Eine andere Toskana:
Zwischen Hügeln, Wäldern & Bergen
Wer an die Toskana denkt, sieht oft dieselben Bilder: Sanfte Hügel. Zypressen. Weinberge. Ein altes Steinhaus im Abendlicht. Doch hinter dieser bekannten Landschaft beginnt eine andere Toskana. Nur rund 40 Minuten von Florenz entfernt liegen Londa und San Godenzo, dort, wo die Hügel langsam in die Wälder und Berge des Apennins übergehen.
Die Menschen dort nennen diese Landschaft die montagna di mezzo, die mittlere Bergwelt. Ein Raum zwischen Stadt und Wildnis, in dem alte Traditionen und heutiges Leben aufeinandertreffen. Genau dieser Landschaft widmet sich das Festival della Montagna Fiorentina. Nicht als klassisches Sommerfest an einem einzigen Ort, sondern verteilt über Dörfer, Wälder, Plätze und Wanderwege.
In Londa läuft das Programm von Juni bis September und verbindet traditionelle Feste wie das Fusigno d’Estate, den Palio della Brocca und die Festa della Pesca Regina mit Wanderungen, Kunst, Kino, Theater, Naturerlebnissen und regionaler Küche.
San Godenzo übernimmt vom 13. bis 19. Juli mit einer eigenen Festivalwoche: Wanderungen, Musik, traditionelle Lieder und Tänze des Toskanisch-Romagnolischen Apennins, lokales Handwerk und ein abschließendes Kastanienfest. Wer nur durch die berühmten Städte reist, übersieht leicht, dass wenige Kilometer weiter eine ganz andere Toskana beginnt.
Galerie: Bild der Woche 7
Entsiegelung: Wenn Städte wieder atmen lernen
Lange Zeit sah die Zukunft nach Beton und Asphalt aus. Mehr Straßen. Mehr Plätze. Mehr versiegelte Flächen. Städte wuchsen, indem sie der Natur Raum nahmen. Heute beginnt sich dieser Blick zu verändern. Nicht nur mit neuen Ideen, sondern manchmal auch mit einem Presslufthammer.
Der Begriff dafür lautet Depaving, zu deutsch Entsiegelung: Asphalt und unnötige versiegelte Flächen werden entfernt und durch Erde, Pflanzen, Bäume und wasserdurchlässige Bereiche ersetzt. Was zunächst nach einem kleinen Eingriff klingt, kann eine große Wirkung haben. Regenwasser kann wieder im Boden versickern, die Kanalisation wird bei Starkregen entlastet, Pflanzen schaffen Lebensräume für Tiere und helfen gegen die Hitze in den Städten.
Auch in der Toskana entstehen solche Projekte. In Bagno a Ripoli wird Depaving Teil der Stadtplanung. An der Schule Redi in Ponte a Niccheri sollen mehr als 300 Quadratmeter Asphalt verschwinden und einem begrünten, wasserdurchlässigen Bereich weichen. Auch Florenz arbeitet daran, die Stadt grüner zu machen. Der Plan IRIS sieht in den kommenden Jahren unter anderem 50.000 neue Bäume und Sträucher, 20 neue Grünflächen, 50 Spielbereiche und 10.000 Quadratmeter entsiegelte Flächen vor.
Es ist ein anderer Blick auf die Stadt. Nicht jeder freie Meter muss gefüllt werden. Zukunft entsteht nicht nur dadurch, dass man etwas hinzufügt. Sie beginnt auch dort, wo man der Natur wieder Platz macht.
Die Toskana erzählt ihre Geschichten nicht immer laut. Einige hängen in Museen, andere liegen hinter alten Türen oder warten irgendwo zwischen zwei Ufern. Genug Gründe also, auch beim nächsten Spaziergang nicht nur geradeaus zu schauen.
Freitag. Toskana. Wochen-Ciao.
Nächste Woche wieder.
Euer Raphael
Bilder der Woche
Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.






