Ich wollte nie Autor werden

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Wenn ich heute zurückblicke, könnte man meinen, es lief alles darauf hinaus.
Kurzgeschichten, Presse, Notizen, Schreiben am Abend, Manuskripte auf dem Tisch.

So fühlt es sich aber nicht an.

Eigentlich wollte ich nie Autor werden. Wirklich nicht. Und lange Zeit hätte ich auch nicht gewusst, was genau das überhaupt sein soll. Ich hatte keinen Plan, kein Konzept, keine literarische Ambition.

Ich wollte kein Autor sein. Und ganz sicher keiner von denen, die schon mit zwanzig wissen, dass sie einmal ein Buch schreiben werden.

Ich hielt es nie für erstrebenswert, mir tief versunken zwischen lauwarmem Kaffee und kaltem Zigarettenrauch Geschichten abzuringen, mit Halbsätzen zu hadern, am Rhythmus der Worte zu feilen, zu verwerfen und nach schlaflosen Nächten doch wieder dem ersten Gedanken zu folgen.

Der kleine Raphael im Kino

Als Kind wollte ich ins Kino. Nicht als Zuschauer. Ich wollte dahin, wo die Filme herkommen. Der kleine Raphael saß im dunklen Saal und war überzeugt, dass das echte Leben eigentlich auf der Leinwand stattfindet. Dass es irgendwo hinter der Leinwand beginnt und davor nur eine Art Wartebereich ist.

Viele Jahre später übernahm ich als junger Mann die Leitung eines alten Kinos im Zentrum von Leipzig. Alt ist eigentlich eine Untertreibung. Es war das Kino der Stadt, ein Leuchtturm der Kultur – die Filmbühne Capitol.

Damals schien das wie eine endgültige Entscheidung.

Menschen gehen vor dem Kino Capitol in Berlin vorbei, das für seine vielfältigen Filmangebote bekann.
Filmbühne Capitol in Leipzig, 1985

Filme zeigen.
Programme planen.
Filmreihen zusammenstellen.

Blockbuster, Klassiker, Retrospektiven, Stummfilme mit Klavier, Filmnächte, Strandkino im Sommer. Zur Dokumentarfilmwoche kamen Gäste und Filmschaffende, zur Buchmesse die Besucher von »Leipzig liest«.

Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sich daran für mich jemals etwas ändern würde.

In dieser Zeit begann ich zu schreiben. Kurzgeschichten. Texte über Filme. Gastartikel für Magazine. Kleine Essays über Genres, Regisseure, Schauspieler. Nicht, weil ich Autor werden wollte. Einfach, weil es mir lag.

Kulissen

Das neue Jahrtausend brachte die bittere Erkenntnis, dass auch ein Kino nur eine Kulisse auf Zeit ist. Verträge liefen aus, das Haus wurde verkauft. Aus dem Traditionskino wurde ein Modekaufhaus. Ein Ort, an dem nichts mehr erzählt wurde.

Filmbühne Capitol in Leipzig
Capitol, 1928–2003

Es folgten Jahre, die sich schwer zusammenfassen lassen. Zu viel Übergang, zu wenig Richtung.

Und irgendwann: Florenz.

Dort schrieb ich wieder – Produkttexte für italienische Designermode, Kataloge und Online-Shops, Bildunterschriften, Übersetzungen. Und Werbesätze, die Lust machen sollten, etwas zu kaufen, das man vorher gar nicht gebraucht hatte.

Nebenbei brauste ich mit gut betuchten Gästen durch die Hügel des Chianti – meist auf kleinen Quads, die mehr Spaß machten, als sie sollten. Die Herren fuhren, die Damen frönten dem Kaufrausch, und ich schrieb über beides.

Italien war kein Neubeginn. Aber es veränderte etwas. Langsam und still. Aber nachhaltig.

Der Rhythmus wurde langsamer. Der Ehrgeiz leiser. Und irgendwann blieb ein Satz hängen, den ich aus Filmen kannte. Den ich zu meinem eigenen machte:

Gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann.

Kein Vorsatz, keine Religion. Eher eine Gebrauchsanweisung für den Alltag, für innere Ruhe und Gelassenheit.

Zurück

Eine Dekade später trieb mich das Schicksal zurück nach Leipzig. Es gab Gründe, die sich nicht aufschieben ließen.

Geschrieben habe ich in dieser Zeit vor allem Briefe. Leidenschaftslos. An Ärzte, Behörden und Gerichte. Weil es nötig war.

Ich habe gearbeitet. Ganz normale Jobs. Brotjobs, würde man heute sagen. Dinge, die man macht, weil man sie macht. Nicht, weil man davon träumt.

Geschichten

Die Idee eines eigenen Buches tauchte immer wieder auf und verschwand genauso zuverlässig wieder.

Aber Geschichten hätte ich genug gehabt. Geschichten, die erzählenswert wären. Aus Italien. Aus Leipzig. Aus einem Leben, das nie ganz gerade verlaufen ist.

Italien war nämlich nie weg. Auch in den Jahren nicht, in denen ich dort nicht gelebt habe. Ich habe dort Menschen, die geblieben sind. Orte, die sich nicht erledigen. Und Erinnerungen, die nicht verblassen, nur weil man wieder in Deutschland ist.

Irgendwann habe ich angefangen, diese Dinge aufzuschreiben. Nicht, weil ich ein Buch schreiben wollte. Ich habe einfach gemerkt, dass manche Geschichten nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert. Sie warten. Und sie nagen an dir.

Ohne Plan

Also habe ich geschrieben. Erst für mich. Dann ein bisschen mehr. Dann so viel, dass es irgendwann nicht mehr nur Notizen waren.

Heute bin ich Autor.
Nicht, weil ich das geplant hätte.

Irgendwann habe ich einfach aufgehört, mich dagegen zu wehren. Und vielleicht ist das sowieso der einzige Weg, wie man einer wird. Nicht, weil man es will. Sondern, weil es irgendwann keinen anderen Weg mehr gibt.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich ohne Schreiben nicht ganz ich bin.

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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