Ostern in Florenz – Warum alle auf den Wagen schauen

Notizen zwischen Leipzig und Florenz

Ich habe mich lange gefragt, wie man Ostern in Florenz beschreibt, ohne in diesen typischen »Erlebnistext« abzurutschen. Also fange ich da an, wo es beginnt.

In einer Woche ist Ostern in Florenz. Und vor dem Dom steht wieder der Wagen.

Der Scoppio del Carro – Was da eigentlich passiert

Wenn man das zum ersten Mal sieht, versteht man es nicht sofort – das sogenannte Scoppio del Carro. Vor der Kathedrale steht ein großer, hölzerner Wagen. Mehrstöckig, mit Verzierungen, die wirken, als hätten sie schon ein paar Jahrhunderte hinter sich. Früher wurde er von Ochsen durch die Stadt gezogen, heute ist das eher symbolisch, aber der Ablauf ist geblieben.

Drinnen, in der Kirche, passiert während der Messe etwas, das man draußen nicht sieht. Eine kleine Rakete wird gezündet. La colombina – die »Taube«. Sie schießt an einem Draht durch das Kirchenschiff, durch die offene Tür hinaus auf den Platz und trifft draußen den Wagen.

Wenn alles funktioniert, setzt sie das Feuerwerk in Gang.
Wenn nicht, passiert … nichts.

Und genau das ist der Punkt, an dem man merkt, dass es hier nicht nur um ein Spektakel geht. Es gibt diesen kleinen Moment der Unsicherheit. Funktioniert es oder nicht? Früher wurde das tatsächlich als Omen für das kommende Jahr gelesen.

Heute zuckt man eher mit den Schultern, aber hinschauen tun trotzdem alle.

Ostern in Florenz - Scoppio del Carro
Ostern in Florenz – Scoppio del Carro

Warum man sich das anschaut

Nicht, weil es besonders spektakulär ist. Sondern weil es dazugehört. Das ist ein Unterschied, den man schwer erklären kann, wenn man ihn nicht kennt. Man steht dort, weil man immer dort steht. Oder weil man einmal dort gestanden hat und es seitdem wieder tut. Es ist weniger ein Ereignis als eine Gewohnheit mit festem Termin.

Und danach?

Danach passiert erstmal … nichts Dramatisches. Die Leute bleiben noch ein bisschen stehen, reden, gehen langsam auseinander. Die Stadt läuft einfach weiter.

Man geht auf einen Kaffee. Steht an der Bar. Redet über den Wagen oder über völlig andere Dinge. Das Leben setzt sich nicht neu zusammen. Es macht einfach weiter.

Ostern am Tisch

Zu Hause wird gegessen. Klar. Lamm ist typisch, Gemüse sowieso, und irgendwo steht immer eine colomba herum – dieser etwas zu süße Osterkuchen, den man trotzdem jedes Jahr wieder isst.

Der entscheidende Punkt ist aber nicht das Essen.

Es ist die Dauer. Man sitzt länger. Nicht, weil es besonders viel zu sagen gäbe. Sondern weil niemand auf die Idee kommt, aufzustehen.

Man schaut hin.
Auch wenn man längst weiß, was passiert.

Die Alternative: organisiert genießen

Natürlich gibt es auch die andere Variante. Im Hotel Savoy Florence gibt es einen Osterbrunch, der ziemlich genau das liefert, was man erwartet: schöne Tische, klare Abläufe, gutes Essen.

Das ist kein Fehler. Aber es fühlt sich anders an. Geplanter. Sauberer. Ein bisschen wie eine Version von Ostern, die man gebucht hat.

Kirche, Konzerte, das Ganze drumherum

Wer möchte, geht in die Messe. Wer nicht, lässt es.

Am Abend gibt es Konzerte, oft in Kirchen. Man kann hingehen, muss aber nicht. Das ist vielleicht das Entscheidende: Nichts davon ist verpflichtend.

Was davon bleibt

Wenn man versucht, das alles zusammenzufassen, bleibt erstaunlich wenig »Programm« übrig.

Ein Wagen. Eine Taube. Ein Tisch.
Ein Tag, der sich ein kleines bisschen anders anfühlt.

Und genau deshalb funktioniert es. Weil niemand versucht, mehr daraus zu machen, als es ist.

Manche dieser Notizen enden nicht hier.
Sie gehen weiter – in meinen Büchern.

 

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